Kunstwerk Mensch | In Zeiten von Corona #9

Was kehrt Ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht, und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts! (Jesaja 29,16) – Alle miteinander bekleidet euch mit Demut (1. Petrus 5,5) | Herrnhuter Tageslosung für den 25. März 2020

„Sie ist Wachs in meinen Händen“ prahlt der Jüngling über seine neuste Eroberung und löst damit so manche Männerfantasie bei seinen Freunden aus. Pygmalion erschafft sich aus Elfenbein seine gefügige Traumfrau; und Professor Higgins performt als Erweis seiner Brillanz als Sprachwissenschaftler aus dem Proletariermädchen Eliza Doolittle eine (Fast-)Herzogin. So geht es zu, wenn Menschen als Material verstanden werden und Meister sie als Werke ihrer Grandiosität darstellen.

Deshalb ist mir die heutige Tageslosung unsympathisch. Ich will meine Gottesbeziehung nicht in diesen narzisstischen Bildern ausgedrückt wissen. Ton in eines Töpfers Hand, willenlose Kreatur ohne Recht zum Widerspruch, Marionette mit Auftrag zur Unterwürfigkeit und Allakzeptanz – das entspricht nicht meinem Selbstbild. Vor allem aber entspricht es nicht meinem Gottesbild. Weiterlesen

Guter großer Übervater | In Zeiten von Corona #1

Dein Knecht lässt sich durch deine Gebote warnen. (Psalm 19,12) – Übe dich darin, den Willen Gottes zu tun. (1. Timotheus 4,7) | Herrnhuter Tageslosung für den 17. März 2020

Am Tag 1 meiner Reihe geistlicher Impulse „in Zeiten von Corona“ möchte ich als erstes sagen, was ich nicht glaube: Ich glaube nicht, dass die Corona-Epidemie ein Strafgericht Gottes ist.

Gestern gab es eine Umfrage einer christlichen Zeitung, die diese Frage per Mail an mich stellte – und mir als Dank für Beteiligung ein Abonnement anbot, das selbstverständlich nach den Probeexemplaren weiterlaufen würde, wenn ich nicht fristgerecht kündigen würde. Aber auch meine Apothekerin – eine moderne, kluge Frau – stellte mir dieselbe Frage. Ich weiß nicht, ob sie es ernst oder ironisch meinte – jedenfalls kommen solche Gedanken jetzt im Alltag „mit Corona“ auf. Weiterlesen

Mit dem bin ich fertig!

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

„Mit dem müssen Sie mir nicht mehr kommen“, so werde ich von einer Patientin begrüßt, nachdem ich mich als Krankenhausseelsorgerin vorgestellt habe. „Mit dem bin ich fertig!“ Ihr Ehemann versucht zu beschwichtigen, aber das schafft er nicht. Dann erzählt sie aus ihrem Leben und ich kann nur ahnen, wie schwer es war, durch wie viele Sorgen es geprägt wurde, wie anstrengend manchmal ein ganz normaler Tag gewesen sein muss.

Während sie erzählt, denke ich: das ist aber ein großes Paket, das diese Familie tragen musste. Und als sei das nicht genug, endet sie damit, dass sie erzählt, dass nun ihr Kind gestorben sei. Alle drei sitzen wir wie erschlagen zusammen. Was soll ich da sagen? Wie kann ich da trösten? Weiterlesen

Zweifel – Lebensmittel des Glaubens

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

Als ich die Jahreslosung 2020 in der biblischen Übersetzung nach Martin Luther las, mit dem Wunsch, Ihnen diese wenigen Worte näherbringen zu können, wurden meine Zweifel nach und nach immer größer. Ist dieser Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ wirklich richtig übersetzt? Hat die Bitte: „Hilf meinem Unglauben“ überhaupt einen Sinn?

So habe ich die gesamte Geschichte aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums über den verzweifelten Vater eines kranken Jungen noch einmal gelesen, diesmal in der Neuen Genfer Übersetzung der Bibel (NGÜ). Weiterlesen

War Jesus liberal?

Ein sehr bekannter Theologe und Kirchenmann des 20. Jahrhunderts, Ernst Käsemann, hat diese Frage Ende der Sechzigerjahre so gestellt und beantwortet: „Der Ruf der Freiheit“, erschienen bei Mohr-Siebeck, Tübingen 1968, Seite 19ff. Ich stelle sie uns heute auch und suche sie auf meine Weise zu beantworten.

Jesus zeigt in vielen Worten und Handlungen, wie Er seinen Ruf der Freiheit in die Tat umsetzt. Ich nenne als erstes Beispiel sicher das berühmteste: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lukas 10,25-37; Markus 12,28-34; Matthäus 22,35-40). Die jüdischen Tempel-Bediensteten, Priester und Levit, lassen den unter die Räuber Gefallenen unbeachtet liegen und ziehen weiter ihres Weges von Jericho hinauf gen Jerusalem. Wer kümmert sich um ihn und versorgt ihn? Ein Samariter! Das ist die Spitze des Gleichnisses. Weiterlesen

Die Kraft der Worte

Mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden besuchen wir an einem Dienstag das Elisabeth-Krankenhaus. Es geht darum, „Kirche am Lebensweg der Menschen“ zu entdecken. Das Krankenhaus ist solch ein Ort. Da kreuzen sich unsere Lebenswege mit einem Haus, wo man darauf vorbereitet ist, Menschen aufzunehmen, deren Lebensweg durchkreuzt wurde.

Mancher von uns wird dankbar sein, dass es an bestimmten Augenblicken die Klinik gab mit ihren Ärztinnen und Ärzten, dazu die effektiven Geräte und alle, die zum Pflegebereich gehören. Hin und wieder hören sie dort auch ein „Danke“, wenn sich ein Patient verabschiedet. Und das ist doch das Mindeste, was man seinen Helfern zurückgeben kann. Weiterlesen

Das perfekte Weihnachtsfest?

Bei der Suche nach dem perfekten Weihnachtsfest frage ich mich: Wo ist eigentlich der Advent geblieben? Sobald die Adventszeit beginnt, fiebern alle nur noch dem Weihnachtsfest entgegen. Plötzlich ist sie da oder soll sie da sein: die heile Welt, die wir im Alltag schmerzlich vermissen. Wir tun einiges, um sie herzustellen: mit Kerzenschein und Weihnachtsdeko, Musikberieselung auf allen Kanälen, Weihnachtsmärkten, besonderen Leckereien; nur dass der Schnee pünktlich vom Himmel fällt, können wir noch nicht selber machen. Weiterlesen

War der Apostel Paulus intolerant?

War der Apostel Paulus intolerant? Das ist eine sehr schwierige Frage, die mancherorts diskutiert wird. Ich nähere mich ihr mit äußerster Vorsicht und Umsicht. Ist man sich doch im Urchristentum schon darüber klar, wie schwer „der liebe Bruder Paulus“ zu verstehen ist (vgl. 2. Petrus 3,15f.). Aber wir haben ja aus der Aufklärung gelernt, dass es unsere Aufgabe ist, das Schwierige einfach zu sagen. Weiterlesen

Maria Magdalena | Vom Aufbrechen #3

Aufbrechen und losgehen, das machen Menschen überall und zu allen Zeiten. Auch die Bibel erzählt davon, dieses unglaubliche Aufbruchsbuch. Sie erzählt von Leuten, die aufgebrochen sind, freiwillig oder unfreiwillig, ängstlich, zögerlich, mutig, begeistert. Ihre Geschichten begleiten uns durch die Woche – zum Abschluss heute: Maria Magdalena. Weiterlesen

„Was willst du?“

Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. (Lukas 18,40-42)

Immer wieder treffen wir in den Heilungsgeschichten der Evangelien auf diese Frage Jesu. „Was willst Du?“ – „Willst du gesund werden?“ Ja – natürlich will er gesund werden: der Kranke, der mittlerweile schon 38 lange Jahre krank darnieder liegt. „So steh auf, nimm dein Bett und geh“, antwortet Jesus – und der Mann nimmt seine Matte und geht (Johannes 5,6ff.).– „Was willst du, dass ich dir tun soll?“, so fragt Jesus den Blinden vor dem Stadttor zu Jericho. „Herr, dass ich sehen kann“, antwortet dieser – und er wird sehend (Lukas 18,41ff.).

Wenn wir gefragt werden: Was willst du? Wie würde unsere Antwort ausfallen auf den vielen Wegen unseres Lebens? Wir wünschen und hoffen, wir arbeiten auf ein Ziel hin und verwerfen es wieder; wir treffen auf mancherlei verschlossene Türen. Sie lassen sich partout nicht öffnen – und wir zweifeln an uns, am Leben, es ist oft zum „Ver“-Zweifeln. Weiterlesen