Don’t panic!

Es ist erfrischend, wenn jemand außerhalb der eigenen Tradition die Botschaft des Evangeliums aufgreift – wie Jonathan Rauch. Der preisgekrönte US-Journalist (u. a. für The Atlantic) diskutiert im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Sasha Mounk, in welcher Beziehung das Christentum zu Gesellschaft und Demokratie steht. Seine Gedanken erinnern an den Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann.

Rauchs Aussagen sind umso bemerkenswerter, als er sich selbst als jüdischen Atheisten bezeichnet. Er beleuchtet drei christliche Grundpfeiler, die von der religiösen Rechten oft ins Gegenteil verkehrt werden – und die für Christen wie Nichtchristen gleichermaßen gelten sollten. Weiterlesen

Stadtradeln #4: Stellen Sie sich vor…

Stellen Sie sich vor… Sie schnappen sich morgens Ihr Rad und fahren gemütlich zur Arbeit, zur Universität – oder wohin auch immer Sie müssen… Sie fahren auf einem Radweg, der breit genug ist, damit Sie sich im Straßenverkehr sicher fühlen, und der vielleicht sogar eine sichtbare Abgrenzung zur Straße und zum Fußweg hat… Sie fahren auch nicht allein auf diesem Radweg, denn das Radfahren ist so attraktiv, dass nur wenige Autos fahren und viele Radfahrende unterwegs sind – die alle respektvoll miteinander umgehen… Sie stellen Ihr Rad an einem sicheren Abstellplatz ab und können es – wenn Sie ein E-Rad fahren – mit Solarstrom laden… Der Radschnellweg – und andere Radverbindungen – sind fertig ausgebaut… Weiterlesen

Happy Birthday, Grundgesetz!

Heute feiern wir den 77. Geburtstag unseres Grundgesetzes. 77 Jahre Freiheit. 77 Jahre Menschenwürde. 77 Jahre Demokratie in Deutschland. Ich spreche heute zu Ihnen als Superintendentin der Evangelischen Kirche in Essen und als Sprecherin der Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt.

Wer sind wir, die Allianz? Wir sind ein Bündnis der Zivilgesellschaft in Essen. Gegründet im Jahr 2016 – in einer Zeit, in der viele Geflüchtete nach Deutschland kamen und manche versuchten, Ängste gegeneinander auszuspielen. Damals haben wir gesagt: Nicht mit uns. Weiterlesen

Christlicher Realismus

Wie lernen Schauspieler Texte? Indem sie sie zerteilen. Es braucht dann nur noch Stichwörter, um die Texte lebendig werden zu lassen. Nicht anders funktioniert unser Denken. Ein Stichwort poppt in uns auf, und sofort läuft eine Geschichte ab. Oft können wir sie bewusst kaum aufhalten.

Die Frage ist also, welche Stichwörter zu welchen Geschichten sind in unserem Kopf. Um meinem Denken nicht ausgeliefert zu sein, habe ich es mir angewöhnt, kurze Texteinheiten auswendig zu lernen. Indem ich auf sie zurückgreife, gebe ich meinem Denken eine Richtung, die mir guttut. Weiterlesen

Gewalt kommt nicht in die Tüte

In meiner Eigenschaft als Superintendentin der Evangelischen Kirche in Essen bin ich in diesem Jahr Schirmfrau der Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“. Darüber freue ich mich außerordentlich! Mein Dank gilt allen, die sich für diese Initiative eingesetzt haben und weiterhin engagieren – insbesondere den Bäckereien, die dieses Thema in unsere Stadt tragen.

Denn eines ist klar: es ist heute kein Tag zum Feiern, sondern ein Tag, der unsere Verantwortung für Frauen und ihr Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit deutlich macht – heute und auch in Zukunft. Weiterlesen

Seelsorge am Lebensende – ein selten angefragter Dienst

„Mein Vater liegt im Sterben. Könnten Sie bitte kommen und ihm die letzte Ölung geben? Ich weiß ja nicht, ob Sie als evangelische Pfarrerin so etwas machen. Mein Vater ist evangelisch. Vielleicht könnten sie ihn ja sonst auch einfach nur segnen?“ So fragte mich vor einigen Monaten eine Anruferin. „Gerne komme ich!“, antwortete ich.

Solche Anfragen kommen bei uns Seelsorgerinnen und Seelsorgern im Gemeindedienst leider viel zu selten an, finde ich. Darum ist es mir wichtig, hier einmal davon zu erzählen. Vermutlich ist es den meisten Menschen gar nicht bekannt, dass sie am Sterbebett eines geliebten Angehörigen nicht allein bleiben müssen: wir kommen zu den Sterbenden nach Hause, wir kommen auch ins Krankenhaus oder in ein Pflegeheim, wenn es in erreichbarer Nähe ist. Weiterlesen

Aus Verlust entsteht wieder Neues

Liebe Gemeinde, heute, am 26. Oktober, nehmen wir Abschied von der Apostelkirche. Wir feiern einen letzten Gottesdienst. Und wir alle sind mit gemischten Gefühlen hier, ob als Glieder der Gemeinde, als Mitglieder des Presbyteriums, als Christ*innen oder als Bürger*innen dieses Stadtteils.

Manche erinnern sich an wichtige Gottesdienste in dieser Kirche und sind traurig, bei anderen überwiegen vielleicht Schuldgefühle, dass sie diesen Abschied in die Wege geleitet haben. Manche hier spüren heute weniger Aufbruch als Verlust. Bei wiederum anderen mischt sich Hoffnung hinein, neue Wege gehen zu können. Weiterlesen

Abschied und Neubeginn

Seit 1913 hat die Apostelkirche im Essener Westen Geschichte geschrieben. Heute, im Jahr 2025, wird die Kirche entwidmet und dieses wertvolle Kapitel der Gemeindegeschichte geschlossen. Eine schmerzhafte Erfahrung für viele, die mit diesem Ort tief verbunden sind – während gleichzeitig ein neues hoffnungsvolles Kapitel der Gemeindegeschichte aufgeschlagen wird. Weiterlesen

Das Narrenschiff

Der Staat ist verschwunden, die Menschen, die in ihm lebten, nicht. Sie leben weiter mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen, Erwartungen und Enttäuschungen in einem Staat, der vorgab, der Sieger der Geschichte zu sein. 2025 legt Christoph Hein, der in der DDR den Staat und die Gesellschaft kritisch begleitete, einen Roman vor, der mittlerweile schon in der 5. Auflage erschienen ist. Weiterlesen

Zehn Jahre „Wir schaffen das“

Wir schaffen das!“ ist in diesen Tagen medial wieder in aller Munde. Der Ausspruch stammt von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bundespressekonferenz am 31. August 2015 im Hinblick auf die extrem hohe Zahl von Flüchtlingen in Europa in 2015 und 2016 und deren Aufnahme in Deutschland. Wörtlich sagte die Bundeskanzlerin: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“ Ihr Satz hat eine unglaubliche Karriere gemacht.

Um zwei Extreme aus der Anfangszeit zu benennen: Der Journalist Deniz Yükcel erklärte die Worte der Kanzlerin im Februar 2020 „zum schönsten Kanzlersatz seit Willy Brandts ‚Mehr Demokratie wagen‘.“ Alexander Gauland, Spitzenkandidat der AfD für die Bundestagswahl 2017, hingegen verkündete schon im Oktober 2015 “Wir wollen das gar nicht schaffen“. Weiterlesen