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Die elendesten unter allen Menschen

Im seinem ersten Brief an die christliche Gemeinde in Korinth schreibt der Apostel Paulus: „Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten! Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

Wir würden aber als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden.

Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig und ihr seid noch in euren Sünden; so auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Jesus Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ (1. Korinther 15,12-19)

Vor rund einem halben Jahrhundert setzte Hans Joachim Kahl mit Immanuel Kant, den er als ersten zitierte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, zum Abschuss des Christentums an mit seinem Pamphlet: „Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“ (rororo Taschenbuch, Hamburg 1968.)

Besonders Gymnasiasten waren angeregt und viele ihrer Eltern aufgeregt darüber in Bonn, unserem damaligen Wohnsitz. Ich hielt in unserer Gemeinde ein gut besuchtes Gemeindeseminar, in welchem ich den „Elend des Christentums“-Autor kritisch unter die Lupe genommen habe. Dieser ist ein „gekippter“ Theologe, der mit Auszeichnung in Evangelischer Theologie in Marburg promoviert worden war und im Anschluss die Evangelische Kirche verlassen hatte. Sein Elends-Pamphlet wimmelt von Wissen, Unwissen und „schändlichem Unglauben“, wie Martin Luther zu sagen pflegte.

Im Blick auf die elendesten unter allen Menschen landen wir auch bei unserem Reformator. Im sogenannten September-Testament von 1522 übersetzte Martin Luther das griechische eleeinóteroi pánton anthrópon: „die elendisten unter allen Menschen“ (V. 19). Alle Übersetzungen von der „Züricher“ bis zur „Bibel in gerechter Sprache“ mildern dies ab. Man prüfe selbst!

Uns aber interessiert hier nicht das Elend des Christentums, das Pamphlet des gekippten Theologen Hans Joachim Kahl, sondern wie der Apostel Paulus die „elendesten unter allen Menschen“ versteht. Wie geht Paulus in seinem großen Auferstehungskapitel in 1. Korinther 15 vor? Lassen wir uns detailliert auf ihn ein.

Wir können hier beim Theologen Paulus ein Stück strenger, logischer Schlussfolgerung verfolgen, eine Zurückführung auf eine absurde Behauptung: „…so sind wir die elendesten unter allen Menschen“ (V. 19). Die Folgerungen unserer Verse stehen im krassen Widerspruch zum in den vorangehenden Versen erörterten Zeugnis von der Auferweckung Christi.

„Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, – so beginnt unser Text – wie sagen dann einige unter euch: es gibt keine Auferstehung der Toten!“ (V. 12), so folgert Paulus, scharf logisch: „Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden“ (V. 13). Wenn diese beiden Verkündigungs-Voraussetzungen (Auferweckung Jesu und allgemeine Auferstehung) nicht gelten, dann wird das noch eine härtere Konsequenz haben: die Vergeblichkeit und Aushöhlung der Predigt und des Glaubens.

So konstatiert Paulus logisch, deutlich und vernehmlich: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich“ (V. 14). Dieser Satz wirkt wie ein Pfeil ins Herz, wenn er denn wahr wäre. Der Kern des Glaubens, den Paulus seiner geliebten Problemgemeinde in Korinth als erstes ihnen weitergegeben hat, „was auch ich empfangen habe“ (1. Korinther 15,3a).

Welcher Kern des Glaubens ist es?

Es ist das Herz-Zeugnis von Gottes Handeln in Jesus Christus: „…dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift (das heißt nach dem Alten Testament) und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift und dass er gesehen worden ist von Kephas [das ist Petrus – Ergänzung von mir), danach von den Zwölfen“ (1. Korinther 15,3-5).

Leere und unglaubliche Verkündigung? Welch ein Vorwurf an die Apostel und an ihn, Paulus, den „zuletzt“ Berufenen! Was wären wir dann? Was wäre die Gemeinde, heute 2½ Milliarden Menschen, die ganze Kirche weltweit seit 2000 Jahren? Vers 1,16 bringt die Logik des Apostels auf den Punkt: „Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden“, spricht der Apostel glasklar aus.

Wenn also nach dem Glauben der jüdischen Sadduzäer, Zeitgenossen Jesu und der Apostel, und nach dem Unglauben der heutigen Atheisten, Agnostiker, Humanisten und Transhumanisten die Toten nicht auferstehen, dann fällt logischerweise auch Christi Auferstehung flach und der Glaube daran wäre vollkommen nichtig. Dann ist die gesamte Soteriologie, die christliche Lehre vom Heil und der Erlösung in Frage und ins Nichts gestellt.

Im Folgenden nehme ich Sie, liebe Leser, auf einen kurzen philologischen und theologisch-paulinischen Osterspaziergang mit.

1. Die philologische Wegstrecke

Es fällt dem genauen Beobachter auf, dass es für das Ostergeschehen zwei Wortgruppen gibt:

1. auferstehen-Auferstehung
2. auferwecken-Auferweckung

Der Apostel gebraucht die zweite Wortgruppe (vom Verb egéiro) überschlägig etwa fünfmal so viel wie die 1.Wortgruppe (vom Verb anístemi-anístamai- anástasis). Das fällt auf. Warum? Ich erkläre das so: in dem Verb auferwecken und dem Substantiv Auferweckung schlägt das Handeln Gottes in dem Geschehen viel mehr durch als in dem Wortfeld auferstehen und Auferstehung. Wenn mich jemand aufweckt, spüre ich dessen Aktivität mehr als wenn ich aufstehe. So denken wir.

Natürlich kann weder bei der Aufweckung noch bei der Auferstehung von Gottes Aktivität und Neuschöpfung abgesehen werden. Das wäre sinnlos.

2. Die theologisch-paulinische Wegstrecke

Ich schaue einmal kurz in einige Texte, in denen der Apostel das „Auferwecken“ gebraucht. Im Römerbrief, seinem dynamischsten Brieftext, schreibt er in Kapitel 4, Vers 25: …welcher (Christus) ist um unserer Sünden willen dahingegeben (scil. am Kreuz) und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.“

In Römer 6 begegnet uns der Gedanke von der Taufe in Verbindung mit Jesu Taufe und Tod: „So sind wir ja begraben durch die Taufe in den Tod, damit wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in seinem Leben wandeln“ (V. 4).

Und in Römer 8,34 stellt er die berühmte Frage: „Wer will (scil. uns) verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“

Und nun zu 2. Korinther 5,15, in seinem „gemütvollsten Brief schlechthin“. Dort geht es um unsere Beziehung zum Herrn und seinem Geschick. Er betont dort: „…und er ist darum für alle gestorben, damit die da leben, hinfort nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist“.

Und von den „in Christus Toten“ (1. Thessalonicher 4,16), also auch von unseren Toten – da denkt jeder an seine Toten – sagt der Apostel: „…sie sind verloren, wenn Christus nicht auferweckt worden ist“. Dann ist es wirklich mit ihnen aus! Dann sind sie die elendesten unter allen Menschen.

Wenn wir in Essen-Heisingen oder anderswo Menschen sind, die nach des Apostels scharfen Worten allein in diesem Leben auf Christus hoffen, dann sind wir in der Tat die elendesten unter allen Menschen. Das ist in der Tat eine kardinale Glaubensfrage an uns alle!

1959 hat Gerhard Ebeling in Zürich Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten gehalten, die hatten es in sich. Der Tübinger Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) veröffentlichte sie im selben Jahr: „Das Wesen des christlichen Glaubens“. Ich zitiere daraus:

„Es wird m. E. geradezu zur Existenzfrage der Christenheit, ob sie mit schlechtem Gewissen und halben Herzen das Bekenntnis zu dem auferstandenen Jesus wiederholt, oder ob sie es überzeugt und darum nicht nur fröhlich, sondern auch überzeugend tut, weil sie sich dabei an der Quelle und dem Grund des Glaubens befindet.“ (S. 73)

Ich frage uns: Wie halten wir es mit dieser „Existenzfrage der Christenheit“ heute? Gilt für uns das Aus oder die christliche Hoffnung?

Ein elendes Leben ist ein Leben, erfüllt mit der Angst vor dem endgültigen Aus. Diese Angst steigert die Genusssucht und die Gier in einem unerträglichen Maße, ohne Zielführung und Sinn. Unsere Welt ist, Gott sei´s geklagt, voll davon, voller Trostlosigkeit, Vergänglichkeit und Vergeblichkeit.

Paulus glaubt und weiß einen anderen, einen „köstlicheren, besseren, wunderbaren Weg“ (vgl. 1. Korinther 12,31), den Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, welcher bleibt, nicht vergänglich ist (vgl. 1. Korinther 13,13).

Ja, um „diese Drei“ geht es! Wenn sie unseren Glauben und unser Leben bestimmen, gehören wir nicht zu den elendesten aller Menschen.

Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Eckhard Schendel

Ein Gedanke zu „Die elendesten unter allen Menschen

  1. Vielen Dank, lieber Herr Dr. Schendel, dass Sie uns gerade zu Ostern auf dieses zentrale Thema und Grundlage unseres Glaubens gemäß Paulus hinweisen. Das Wunder der Auferstehung Jesu Christi, so sehr es vom modernen rationalen Geist bezweifelt wird, ist letztlich Dreh- und Angelpunkt unseres dies- und jenseitigen Lebens. Mögen wir Kraft und Mut haben, unsere Ängste und Zweifel zu überwinden und daraus eine ganz neue Freiheit gewinnen.

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