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Der Apostel Paulus und seine Nachfolger staunen

Die ersten Worte des Apostels Paulus in seinem frühesten Brief, dem ersten Dokument des neutestamentlichen Christentums, sind: „Wir danken Gott allezeit…“ (griechisch „efcharistóume tó theó pántote“ – 1. Thessalonicher 1,2). Und das erste Wort in dem nur wenige Jahre jüngeren Brief an die Gemeinden in Galatien lautet: „Ich staune…“ (oder „Ich muss mich wundern…“, griechisch „thaumázo“ – Galater 1,6). Paulus selbst berichtet nur ein einziges Mal, dass er staunen oder sich verwundern muss; sein erster „Biograph“ Lukas überhaupt nicht. Das muss ich schon hier betonen.

Der berühmte Platon hat auch wichtige Worte für den Anfang: Das Staunen ist der Anfang der Philosophie. Wer hätte das gedacht. Wir lesen in seinem Dialog Theaitetos, 155d: „Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen Anfang der Philosophie als diesen.“ Hier aber geht es nicht um Philosophie oder um Platon, sondern um Paulus, den Zeugen für unseren Herrn Jesus Christus.

Im ganzen Brief an die Galater geht es um dieses Staunen, sich Wundern – kann man verkürzt sagen. Der Grund dafür ist der sogenannte Apostelkonvent in Jerusalem und das, was in Galatien daraus geworden ist. Dieses kirchen-theologisch und weltgeschichtlich hochbedeutsame Ereignis fand im Jahre 48 (49 im Frühjahr) nach Christus statt. In der Apostelgeschichte des Lukas steht es wie eine Wasserscheide in Kapitel 15. Aber sein Bericht, etwa fünfzig Jahre später geschrieben, hat wenig Quellenwert.

Welche Leute kamen in Jerusalem zusammen? Der Grund für die Zusammenkunft war dieser: Judenchristen strengster Observanz aus Jerusalem sind in die antiochenische Gemeinde „eingebrochen“ und haben dort die Beschneidung der Heidenchristen gefordert. Darüber ist ein Streit ausgebrochen und man hat beschlossen, Paulus und Barnabas zur Klärung dieser wichtigen Frage zu den Uraposteln nach Jerusalem zu schicken. Die judenchristlichen Unruhestifter sind nicht offiziell von Jerusalem ausgesandt worden, sonst hätte Paulus sie als solche gekennzeichnet, wie er später bei einem anderen Konflikt von den „Leuten des Jakobus“ (des „Herrenbruders“ – vgl. Galater 2,12) redet.

Außerdem würde die Tatsache nicht verständlich, dass die von Paulus als „Säulen“ der Urgemeinde bezeichneten Petrus, Jakobus und sein Bruder Johannes (die Zebedaiden) im Verlaufe des Konvents die gesetzesfreie Verkündigung des Paulus anerkannt haben. Die Agitatoren sind aus dem klaren Grunde in Antiochien eingedrungen, „um die Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, um uns zu versklaven“ (Galater 2,4). Das ist eine Parallel-Situation wie später in Galatien. Sie wollten die Unterwerfung der Heidenchristen unter die noch streng gebundene Urgemeinde betreiben, andernfalls die Kirchengemeinschaft aufkündigen. Die „Wahrheit des Evangeliums“ und die Freiheit des Glaubens“ (vgl. Galater 2,4f.) standen zur Entscheidung.

Worum ging es nun inhaltlich? Um die alttestamentlich-jüdische Beschneidungsforderung. Sie war zur Frage des Bekenntnisses geworden und zum Hauptverhandlungsgegenstand. Jedenfalls – Paulus sah sie so an und hatte, provozierend genug, einen unbeschnittenen Griechen, nämlich seinen späteren wichtigen Mitarbeiter Titus – seine Mutter war Jüdin, der Vater griechischer Heide – mit nach Jerusalem genommen. Dort wurde natürlich mit Nachdruck und kompromisslos gefordert, ihn beschneiden zu lassen. Der Apostel gab dieser Forderung keinen Moment nach.

Wir verstehen heutzutage nur sehr schwer, wie eine solche archaische Forderung zum Hauptstreitpunkt werden konnte. Aber sie war damals enorm wichtig, wenngleich die Beschneidung schon eine Generation später für das Christentum keine Rolle mehr spielte; zudem hatte auch das Diaspora-Judentum nicht mehr überall an dieser rituellen Forderung festgehalten. Aber für das strenge Judentum und auch für das Judenchristentum blieb es das vor Zeiten dem Abraham von Gott für seine Nachkommen aufgegebene Bundeszeichen, das den Juden ihre Zugehörigkeit zum von Gott auserwählten Bundesvolk garantierte.

Inhaltlich ging es natürlich auch um wichtige Fragen für die Struktur der frühen Gemeinden, um die Bedeutung des Apostelamtes, der Tradition und der Lehrautorität. Dennoch darf hier nicht von einem Apostelkonzil gesprochen werden, weil dadurch kirchenrechtlich Assoziationen zur späteren Kirchengeschichte hervorgerufen würden.

In der Darstellung der späteren Apostelgeschichte sind natürlich die Jerusalemer Urapostel und Ältesten die maßgeblichen Autoritäten und Wortführer, wie denn auch in ihrem Namen das Aposteldekret ausgeht. Paulus und Barnabas berichten lediglich von ihren unter den Heiden geschehenen göttlichen Wundern (Apostelgeschichte 15,4). Lukas bescheinigt – für ihn typisch – schon dem Petrus, den entscheidenden Schritt zur Heidenmission getan zu haben, wie die Rede des Petrus zeigt (vgl. Apostelgeschichte 15,7ff.).

Aber Antiochien spielt noch eine entscheidende Rolle, wenngleich Lukas diese Jerusalem bescheinigt, nicht Antiochien. Paulus berichtet massiv darüber (vgl. Galater 2,11ff.). Wir lesen: …Ich sprach zu Kephas (Petrus, E.S.) öffentlich vor allen in Antiochien: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst (Petrus hatte mit Heiden zusammen gegessen, was Juden nicht erlaubt ist, E.S.) und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben? Wir sind von Geburt an Juden und keine heidnischen Sünder. Durch Werke des Gesetzes werden wir nicht gerecht, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, werde ich selbst zu einem Übertreter.“ So widerstand Paulus dem Petrus „ins Angesicht“.

Doch nun schauen wir auf Paulus und die Gemeinden in Galatien, in der Gegend um Ankara herum. Wissen Sie oder haben Sie schon einmal gehört, wie der Apostel die Galater nennt: „Oh ihr galatischen Dummköpfe“ (griechisch „o anóetoi gálatai“). In diesem Ausruf bricht sich sein empörtes Staunen Bahn. Die Gründe können sich viele von uns Leserinnen und Lesern schon denken, aber schauen wir genauer hin.

Schon zu Beginn des Galater-Briefs (vgl. Galater 1,6ff.) fährt der Apostel schärfstes Geschütz auf: die Verfluchung („anáthema ésto“). Ich zitiere wörtlich: „Auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir es eben gesagt haben, sage ich es nochmal: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht“.

Selbst Jesus Christus hat geflucht. Im Gleichnis von den Schafen und Böcken (vgl. Matthäus 25,31ff.) nennt er letztere verflucht und verurteilt sie zu ewiger Strafe. Sein Apostel Paulus verflucht sich und seine Mitarbeitenden (wir) als erste, dann einen Engel (welcher das auch immer ist) und zuletzt andere Menschen (jemand), so er oder sie denn anders als wir gepredigt hätten oder ein Evangelium predigt, anders als ihr (die Galater) es von uns empfangen habt (vgl. Galater 1,8-9).

Wir fragen nun: über welches andere Evangelium muss sich Paulus erstaunt ärgern, ja sogar  verfluchen, wo „doch den Galatern Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte“ (Galater 3,1)?

Wir ahnen es schon nach dem bisher Gesagtem: die Beschneidung wird gefordert. Für Paulus ist sie das andere Evangelium als der gekreuzigte Gottessohn.

Wer seine liebe Bibel aufschlägt, der wird im 4. Kapitel des Briefes an die Galater lesen – ich zitiere die Überschriften: Befreiung vom Gesetz durch Christus – Warnung vor einem Rückfall in die Gesetzlichkeit – Knechtschaft und Freiheit. Das ist es, worüber der Apostel sich staunend ärgert und die Galater Dummköpfe nennt.

Lesen wir Paulus im Original, in Martin Luthers schöner Übersetzung (vgl. Galater 5,1ff.): „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Beschnittensein, sondern der Glaube, der in der Liebe tätig ist“ (vgl. 1. Korinther 13,13; Hervorhebung E.S.).  Das ist die zentrale Antwort des Apostels zu dem sich ärgernden Staunen über die christlich-jüdischen Unruhestifter in Galatien.

Zum Schluss noch kurz zum Staunen der Nachfolger des Paulus. Der 2. Brief an die Thessalonicher gehört anerkanntermaßen zur Schule des Paulus, stammt aber nicht von ihm selbst. Seine Schüler weisen im 1. Kapitel auf die Bedrängnis der Gemeinde und auf die Parusie Jesu Christi, auf das Kommen des Herrn zum gerechten Gericht Gottes, hin.

In diesen Zusammenhang gehört ihr Erstaunen. Martin Luther hat frei übertragen: „Wenn er kommen wird, dass er verherrlicht werde bei seinen Heiligen und wunderbar erscheine bei allen Gläubigen, an jenem Tage; denn was wir euch bezeugt haben, das habt ihr geglaubt“ (2. Thessalonicher 1,10).

Im griechischen Text heißt es genau passiv: Sie (d.h. die Gläubigen; E.S.) werden ins Staunen versetzt. Das ist ein freudiges, kein ärgerliches Staunen. Beides, und noch mehr, gibt es beim Staunen. Da kann jeder und jede von uns gern etwas mehr darauf achten!

Eckhard Schendel