Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. Das Ergebnis ist da, und es tut weh. Ich spreche zu Ihnen als Diakoniepfarrer unserer Stadt. Als Diakonie und Evangelische Kirche blicken wir heute mit großer Sorge auf die politische Entwicklung in unserem Land. Eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei hat über 40 Prozent der Stimmen bekommen. Viele von uns, die täglich für die Schwächsten in unserer Gesellschaft arbeiten, fühlen heute Enttäuschung oder gar Angst. Doch genau deshalb stehen wir hier. Unser Einsatz ist wichtiger denn je! Unser Aufschrei ist wichtiger denn je! Weiterlesen
Schlagwortarchiv: Schule
Befreiung. Vergebung. Frieden.
Israelsonntag. Meine spontane Reaktion ist: Ich mache im Gottesdienst einfach etwas anderes. Bloß dieses Thema nicht. Vermintes Gelände. Kann ich dazu irgendetwas sagen, ohne dass ein Shitstorm mich trifft? Woher auch immer? Aber dann: Meine Furcht vor dem Thema zeigt ja eigentlich – dass wir drüber reden müssen. Gerade WEIL es so schwierig ist.
Und ich sah ein Interview mit Joachim Gauck bei Markus Lanz. Lanz fragt ihn nach seiner Position nach Israel. Gauck holt tief Luft. Er sagt, dass es natürlich nicht geht, was Israel in Gaza macht. Er sagt aber auch: Diese Worte presse ich aus mir hervor, ich bringe es kaum über die Lippen. Man sieht, wie er körperlich damit ringt, es auszusprechen. So geht es mir auch. Ich presse es aus mir heraus: Kritik an Israel. Weiterlesen
Das Schaf am Strand

Ein Schaf! Am Strand! Wie kommt ein Schaf in diese Umgebung? Ich habe nachgeforscht: Es gibt tatsächlich Schafe, die in der Nähe des Meeres oder sogar an Stränden leben. Sie fressen salzhaltige Pflanzen und Gräser und kommen mit dem rauen Klima gut klar: zum Beispiel das Texel-Schaf oder das Gotland-Schaf, das Salzwiesenschaf und auch die Heidschnucke.
Nur: Die sehen alle ganz anders aus als unser Schaf auf dem Foto. Sie haben einen dunklen Kopf – oder überhaupt dunkles Fell. Und sie sehen deutlich zerzauster aus. Klar, Sie müssen ja auch tagein-tagaus dem rauen Klima und vor allem den Winden trotzen. Unser Schaf dagegen ist ein ganz normales Wiesenschaf aus dem Binnenland. Weder ist es die rauen Winde gewöhnt noch die harten Pflanzenstängel und Gräser, die an der Küste wachsen. Nachdenklich sieht es uns an. Als wollte es sagen: Ich habe auch keine Ahnung, wie ich hierher verschlagen wurde. Weiterlesen
Erschöpft
Erschöpft! Ganz viele Lehrerinnen und Lehrer in NRW kennen den Zustand vor den Sommerferien. Einfach erschöpft! Schnell noch eine Klassenarbeit schreiben, habe ich alle Noten beisammen, stimmen Endnote und Teilleistungen zusammen? Die Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern, ob die Zensuren gerecht sind. Die Zeugniskonferenzen, Planungen für das kommende Schuljahr.
Am Ende ist man einfach durch und freut sich auf die Sommerferien. Endlich, freie Zeit, die Akkus wieder aufladen, durchatmen, Kraft schöpfen. Das Schöne am Lehrerberuf ist, die Möglichkeit zu haben, sich über einen längeren Zeitraum zu erholen. Manche bleiben aber trotz der Ferien erschöpft. Man spricht dann vom „Burn-out-Syndrom“, dem Zustand der totalen körperlichen und geistigen Erschöpfung. Weiterlesen
Ostern heißt: an das Wunder der Auferweckung glauben
Wenn ich mit meinen SchülerInnen darüber rede – große Augen: ist das wirklich wahr? Das glaub‘ ich nicht: Jesus ist tot – und dann steht er einfach wieder? Kann doch nicht sein! Wo ist der Beweis? Auferstehung ist hier auch ein wenig verwirrend. Allein schafft er das nicht: das ist nicht, wie aus dem Bett aufzustehen. Weiterlesen
Gottes Like ist uns sicher
Neige, Herr, dein Ohr und höre! Öffne, Herr, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16)
„Sieh her, was ich schon kann!“ oder „Hör mir zu, ich will dir etwas erzählen!“ Für kleine Kinder ist es sehr wichtig, dass sie gesehen oder gehört werden. Stolz zeigen sie den Eltern, was sie neu gelernt haben oder sie erzählen den Großeltern, was sie erlebt haben.
Wer Aufmerksamkeit bekommt, fühlt sich wertgeschätzt. Das bleibt ein Leben lang so. Doch wenn Kinder größer werden, sind es nicht mehr die Eltern, die als Zuschauer*in oder Zuhörer*in gefragt sind, wichtig ist jetzt, wie die anderen einen wahrnehmen. Sehen sie mich so, wie ich gerne gesehen werden will? Werde ich gesehen oder eher übersehen? Werde ich gehört oder zählt meine Stimme nicht? Auf der Suche nach der eigenen Identität ist die Frage, ob und wie man gehört und gesehen wird, ganz zentral. Weiterlesen
Seid getrost!
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ (Johannes 16,33b).
Schon seit einem Jahr leben wir nun mit einer Angst, die wir zuvor nicht kannten: der Sorge, sich mit Covid-19 anzustecken oder unbewusst einen anderen Menschen zu infizieren. Manch einer ist selbst an diesem Virus erkrankt oder hat sogar einen Angehörigen oder eine Freundin verloren.
Aber auch andere Sorgen belasten uns: Die einen bangen um ihre Arbeitsstelle und damit um das dringend nötige Einkommen, die anderen wissen nicht, wie sie ihre Angestellten bezahlen sollen. Kinder vermissen ihre Freunde und Großeltern; Lehrer sorgen sich um Schüler*innen, die zuhause nicht die Zuwendung erfahren, die sie brauchen, und keine guten Möglichkeiten zum Lernen haben. Alleinstehenden fehlt es an Kontakten – vor allem auch an körperlicher Nähe. Dazu machen uns andere Krankheiten, Streit, Ablehnung und Einschränkungen zusätzlich das Leben schwer. Wie können wir bei so vielen Problemen und Sorgen noch zuversichtlich auf das Morgen schauen? Weiterlesen
Hören und Handeln
Wer sich meine Worte nur anhört, aber nicht danach lebt, der ist so unvernünftig wie einer, der sein Haus auf Sand baut. (Matthäus 7,26)
Christinnen der Republik Vanuatu haben dieses Jahr den Weltgebetstag vorbereitet. Vanuatu ist ein kleines Land im Pazifischen Ozean. Es sind 83 Inseln. Sie liegen in etwa zwischen Australien und Neuseeland. Nicht auf allen Inseln leben Menschen. Nur 67 Inseln sind bewohnt. Vanuatu ist ein Südseeparadies. Doch dieses Land ist in Gefahr: Durch den Klimawandel steigt der Meeresspiegel. Vanuatu droht zu versinken. Furchtbare Wirbelstürme verwüsten das Land. Erdbeben zerstören immer wieder die Dörfer und Städte. Auf Vanuatu gibt es auch noch sieben aktive Vulkane. Daher fragen die Frauen aus Vanuatu: Worauf bauen wir? Was trägt unser Leben? Weiterlesen
Verräter!
Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. (Johannes 13,21)
Als die Welt noch in Ordnung war, man noch ins Stadion durfte, dicht an dicht dort stand; als Schalke gegen Bayern spielte und Manuel Neuer das Spielfeld betrat, da wurden die Menschen in der Nordkurve unruhiger als sie eh schon waren, man hörte lautes Pfeifen, Buh-Rufe und zwei Kinder schrien immer wieder „Judas“.
Frank stand auch da. Wie ich ihn kenne – na, eigentlich kenne ich ihn so nicht, wir haben erst einmal gemeinsam dort gestanden und da hat meine Anwesenheit ihn sicher stark gebremst. Also wie ich es mir aus Erzählungen zusammenreime, schreit und pfeift auch mein Mann, weil er schon befürchtet, dass die Bayern seine Schalker Jungs gleich schlagen, aber: er ist auch irritiert. Die Judas-Rufe lassen ihn aufhorchen und, wie er mir abends beim Heimkommen berichtet, auch nachfragen. Zwei Kinder, die „Judas“ rufen, wissen die, was sie da tun? Er fragt also: „Warum schreit ihr Judas?“ und prompt wird ihm geantwortet: „Der hat uns verraten!“ Weiterlesen
Zum Holocaust-Gedenktag
Ich stand auf dem S-Bahnhof und wartete auf den Zug. Ein Stück entfernt von mir, ein Jugendlicher, 15 oder 16 Jahre alt. Er sprach mit einem Freund am Handy. Wortfetzen drangen an mein Ohr. Er begann zu schimpfen: „Die alte Judensau, wenn ich die erwische…“ Ich schaute unwillkürlich zu ihm hinüber. Was hatte er gesagt? Bevor ich reagieren konnte, kam der Zug und er war weg.
Die Äußerung ging mir noch einige Zeit nach: Weiß er, was er da gesagt hat? Ich vermute nicht. „Judensau“ benutzt er als eines seiner Schimpfworte. Gedankenlos, rücksichtslos daher gesagt, ohne ein Gefühl dafür, welche Auswirkungen das haben kann – vielleicht sogar auf jüdische Mitmenschen, die zufällig auch auf dem Bahnsteig stehen. Weiterlesen