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Verräter!

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. (Johannes 13,21)

Als die Welt noch in Ordnung war, man noch ins Stadion durfte, dicht an dicht dort stand; als Schalke gegen Bayern spielte und Manuel Neuer das Spielfeld betrat, da wurden die Menschen in der Nordkurve unruhiger als sie eh schon waren, man hörte lautes Pfeifen, Buh-Rufe und zwei Kinder schrien immer wieder „Judas“.

Frank stand auch da. Wie ich ihn kenne – na, eigentlich kenne ich ihn so nicht, wir haben erst einmal gemeinsam dort gestanden und da hat meine Anwesenheit ihn sicher stark gebremst. Also wie ich es mir aus Erzählungen zusammenreime, schreit und pfeift auch mein Mann, weil er schon befürchtet, dass die Bayern seine Schalker Jungs gleich schlagen, aber: er ist auch irritiert. Die Judas-Rufe lassen ihn aufhorchen und, wie er mir abends beim Heimkommen berichtet, auch nachfragen. Zwei Kinder, die „Judas“ rufen, wissen die, was sie da tun? Er fragt also: „Warum schreit ihr Judas?“ und prompt wird ihm geantwortet: „Der hat uns verraten!“

Manuel Neuer – ein ehemaliger „Schalker Jung“ aus der Nordkurve, geliebter Fußballspieler, hat seine Karriere in die Hand genommen, hat Schalke verlassen und ist zu den besser bezahlten, auch erfolgreicheren Bayern gezogen – für seine Fans: Verrat – fast Hochverrat. Man lässt seinen Verein nicht im Stich, nicht für die Karriere, schon gar nicht für Geld.

Der hat uns verraten! Manuel – Judas.

Ja, Judas hat es zu trauriger Berühmtheit geschafft. Selbst kirchenferne Menschen, wobei ich den zwei Kindern gar nicht unterstellen möchte,  dass sie kirchenfern sind, also selbst kirchenferne Menschen kennen ihn, kennen seine Geschichte, seinen Verrat. Um ihn, aber nicht nur, geht es heute in unserem Predigttext, der für den heutigen Sonntag Invokavit vorgeschlagen ist und im Johannesevangelium steht:

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s?

Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht. (Johannes 13,21-30)

Ja, viele Theologen haben sich schon mit Judas befasst, haben versucht, sich in ihn hineinzuversetzen, sein Verhalten zu erklären, das Geschehen zu deuten. Selbst meine Grundschullehrerin hat damals, als die Passionsgeschichte im Unterricht dran war, versucht, bei uns Schülerinnen und Schülern eine Lanze für Judas zu brechen, unser Mitgefühl zu wecken für einen Menschen, der nach seinem Verrat kein glückliches Ende mehr gefunden hat.

Vielleicht, so hat sie damals gesagt – und dass ich mich bis heute daran erinnern kann zeigt, wie sehr mir ihr Verhalten damals imponiert hat – vielleicht hat Judas ja gar nichts Böses gewollt, vielleicht hat er nur gesehen, dass sie Geld brauchen, dass er Geld braucht, um alle zu unterhalten, um genügend Essen zu kaufen. Und vielleicht, vielleicht hat Judas ja auch gedacht, da kommt Jesus doch ganz von allein wieder raus. Der kann sich doch helfen, ich weiß doch, was der kann.

Ganz freundlich hat sie damals von Judas gesprochen und es war mir eindrücklich als Kind, ja, vielleicht, nein, ganz bestimmt wollte Judas das nicht. Wollte nicht, dass Jesus stirbt, wollte bloß Geld organisieren und hat ihm viel zugetraut. Ich weiß es nicht. Möglich ist das. Sicher ist, es hat Judas gebraucht, damit geschieht, was geschehen sollte, damit Jesus gefangengenommen wird, verurteilt wird, gekreuzigt wird, stirbt, meine Schuld trägt und dann: Ostern.

Vielleicht war er nicht böse, war er so fremdbestimmt wie es Johannes hier schildert, hat mit dem Annehmen des Bissens das Tor für Satan geöffnet und dann gab es keinen Weg zurück. Vielleicht. Auf jeden Fall zum Glück für mich. Nur so war Jesu Opfer möglich.

Für Judas wird es schwer. Er trägt schwer an der Schuld. Er geht ins Dunkle, nicht nur in die Nacht. Was ich aber noch viel Nachdenkens werter fand als ich den Text las, war das Verhalten der anderen Jünger. Keiner von denen ist großspurig, keiner von denen würde für sich selbst die Hand ins Feuer legen, alle sind schwer betroffen und ängstlich als Jesus feststellt, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Bange war ihnen, von wem er, Jesus, wohl redete?

Neulich kam in den Nachrichten, dass ein katholischer Kaplan dabei erwischt worden war, wie er jetzt in diesen Zeiten Gottesdienst gefeiert hat, nicht in einer Kirche mit dem nötigen Abstand und Mund-Nase-Schutz, nein, in einer Wohnung und dicht gedrängt hätten die 15 Menschen dagesessen ohne jeglichen Schutz.

Ein Nachbar hatte ihn verraten, hat diese frommen  Menschen der Polizei gemeldet, sie zwar nicht ans Messer geliefert, aber zu Ordnungsstrafen verdonnert und der Kaplan hat das Weite gesucht – sagt die Polizei – Der Kaplan behauptet, er hätte im Nebenzimmer gewartet. Ich war nicht dabei.

Erst habe ich den Kopf geschüttelt, nicht über die Tatsache als solche, also dass man gemeinsam betet, sondern darüber, dass da so jede Vorsicht fehlte und dann natürlich auch über diesen Kaplan, dessen Identität nur rauskam, weil die Mitbeter ihn verrieten, weil er nicht tapfer dageblieben war, wo alle waren.

Und dann wurde ich ganz klein.

Nun glaube ich nicht, dass ich mich das getraut hätte in diesen Zeiten: 15 Menschen ohne Schutz auf engstem Raum, aber ich war auch nicht ganz sicher, ob ich nicht auch hätte flüchten wollen, wenn… ich hoffe nicht. Ich hoffe, ich wäre da geblieben, hätte zum Gottesdienst gestanden, vielleicht sogar schützend meinen Arm um die Nachbarn gelegt… aber sicher war ich nicht.

Ich war ganz nah bei den Jüngern, die auch so unsicher sind, die sich selbst nicht über den Weg trauen, die Angst haben vor zu großen Prüfungen, die sich nach Hilfe und einem festen Anker sehnen. Wir alle machen viele Fehler in unserem Leben, niemand von uns ist davor gefeit.

Wir haben nicht immer alles im Griff, manchmal ist die Angst zu groß. Wir sind Judas manchmal ganz nah, verraten Jesus, das und die wir lieben und nicht immer ist dahinter ein Plan Gottes zu erkennen wie bei Judas. Und wir tragen schwer an den Verraten unseres Lebens. So wie Judas, wir sind dann im Dunkel. Wir tragen schwer an unseren Ängsten, manchmal auch schwer an unserer Überheblichkeit. Auch dann sind wir im Dunkeln.

Aber wir müssen dort nicht bleiben. Wir dürfen ins Licht zu Jesus, der auf sich genommen hat, wo ich fehle, wo ich verrate, wo ich Schuld auf mich lade. Und an dessen Brust nicht nur der Jünger liegt, den er lieb hat, sondern wo wir alle liegen dürfen, wenn wir IHN liebhaben, zu dem wir uns flüchten dürfen mit allem, was uns beschwert, weil er es uns abgenommen hat seit und durch den Verrat von damals.

Friederike Seeliger