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Pfarrerin gegen antimuslimischen Rassismus

Rassismus ist dämlich, das wissen wir – und unmoralisch, falsch, kränkend, ärgerlich, unvernünftig, kein bisschen unterhaltsam, äußerst unsexy, und sogar unwirtschaftlich, weil wir uns durch dumme Vorurteile und schlechtes Benehmen eine Menge guter Partner:innen und interessanter Fachkräfte vergraulen. All das wissen wir auch. Wir sind uns doch einig: Rassismus ist Moppelkotze. Antiislamischer genauso wie jeder andere.

Warum gibt es diesen Unsinn dann noch? Und warum gegen eine Weltreligion, die dem Christentum gar nicht so unähnlich ist, die faszinierende Blüten in Kunst und Wissenschaft hervorgebracht hat und heute noch die Fantasie der Klugen und Einfühlsamen beflügelt?

Das ist eine wenig hilfreiche Frage, denn Rassismus ist keine Meinung, sondern eine Charakterschwäche, für die es keine guten Argumente gibt. Genauso gut könnte ich fragen, wieso es immer noch Dummheit, Umweltverschmutzung oder Gewalt bei uns gibt. Wir haben diese Übel einfach noch nicht in den Griff bekommen.

Ich glaube, dass es an uns liegt, an denen, die sich doch so große Mühe geben, selbst nicht rassistisch zu sein. Das wird uns, den Weißen, den Europäer:innen, den Christ:innen oder was immer wir sind, aber nicht gelingen, denn wir können nur vermeiden, was wir kennen. Und wir wissen nicht wirklich, was Rassismus ist, weil wir keinen erleben. Darum wünsche ich mir, dass wir mehr zuhören und dass wir den Betroffenen Mut machen, uns davon zu erzählen.

Außerdem wünsche ich mir, dass wir mehr nachfragen und Dinge sagen wie: „Warum kontrollieren Sie den und nicht mich?“ – „Warum soll sie ihr Kopftuch abnehmen, aber meine Mütze ist okay?“ – „Warum erlauben Sie sich eine Meinung über Mohammed, wenn Sie nicht einmal wissen, was bei Paulus steht?“

Und ich wünsche mir, dass wir mehr Zeichen setzen, z.B. nicht in den Club gehen, wenn mein Kumpel dort nicht reinkommt. Durchaus auch, dass mehr Leute beleidigt reagieren, wenn jemand schlecht und pauschalisierend über Religion spricht. Mein Christentum ist doch genauso eine Religion und die Leute, die „keinen religiösen Kram“ haben wollen, weisen mich damit ganz genauso ab, auch wenn ich Frau Dr. und Frau Baronin heiße.

Und dann ist da noch die besonders widerliche Form von Rassismus und Diskriminierung, die sich gegen Geflüchtete wendet. Das sind Menschen in höchster Not, die ihre eigentlich so schöne Heimat unter Schmerzen und großen Risiken verlassen, weil sie sich Schutz von uns erhoffen. Sind die uns wirklich so fremd? Leute, die Wohnungen, Häuser und Gärten hatten und Pläne für sich und ihre Kinder? Und dann bricht ein Krieg los oder eine Umweltkatastrophe – und plötzlich gibt es da nur noch Angst und Leid.

Ist das wirklich alles so weit weg von uns? Haben wir wirklich keine Ahnung davon, was Flucht und Vertreibung für einen Menschen bedeutet? So etwas vergessen wir nämlich sehr schnell und möchten meist nicht gern daran erinnert werden. In meiner Familie gab es aber Hunger, Flucht, Kriegstraumata, Gewalterfahrungen und all diese Dinge nach dem Zweiten Weltkrieg und noch eine ganze Weile später in der Nachkriegszeit.

Die Menschen, die das selbst erlebt haben, sind meine Eltern und Großeltern. Die waren keine Nazis, aber sie waren auch nicht im Widerstand. Das waren einfach nur Leute. Einige von ihnen haben es mir persönlich erzählt. Sie wissen noch ganz genau, wie das ist, plötzlich bettelarm zu sein, um sein Leben zu rennen und von denen, die ein kleines bisschen mehr besitzen, bespuckt und verscheucht zu werden.

Wir werden diese Geschichten nicht loswerden, wenn wir jetzt die Menschen wegschicken, denen es jetzt so geht, wie es uns damals ging. Schlimm genug, dass Jahrzehnte später andere Menschen das gleiche Elend noch einmal durchmachen müssen, damit wir endlich anfangen, unsere eigenen Traumata aufzuarbeiten.

Auch die Ängste, die wir heute haben, verschwinden ja nicht, wenn wir auf andere herabschauen oder sie verächtlich behandeln. Sie werden auch nicht kleiner, nur weil wir vielleicht im Stande sind, anderen auch Angst zu machen oder auf ihnen herum zu trampeln. Angst verschwindet nur, wenn wir sie überwinden, unsere Sorgen teilen und gemeinsam die Probleme lösen, die diese Ängste verursachen. Auch seelischer Schmerz und Traurigkeit gehen nur dann weg, wenn wir uns auf andere einlassen, ihnen beistehen und auch selbst den Mut finden, Hilfe anzunehmen.

Das ist nicht einfach. Ich bin selbst oft feige und traue mich da nicht ran und verteidige auch diejenigen viel zu wenig, die von Vorurteilen oder anderen Gemeinheiten angegriffen werden. Dafür schäme ich mich und ich möchte das ändern. Vielleicht können wir gemeinsam mutiger werden, wenn Sie an meiner Seite stehen oder sogar als Erste sprechen oder die kluge kleine Geste machen, die Vorurteilen die Luft rauslässt. Zusammen könnte das richtig Spaß machen, weil wir alle wissen, dass es gut ist und weil es richtig befriedigend ist, zusammen das Richtige zu tun.

Vera von der Osten Sacken