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An Pfingsten hat es Rosen geregnet

Da rührte mich die Hand Gottes an. (Ezechiel 37,1)

In einer Comedy-Sendung hieß es neulich: Nachrichten kann man nur noch sehen, wenn man vorher ein Antidepressivum nimmt. Da ist was dran. Es ist oft niederschmetternd. Beunruhigend. Aber heute, am Pfingstsonntag, haben wir auch bei uns in Haarzopf den Blick nach oben gerichtet – mithilfe einer Karte, die wir am Eingang der Kirche verteilt haben. Sie zeigt eine Kuppel, aus der es Rosenblätter regnet.

Das gibt es wirklich, und zwar in Rom. Auf der Karte sehen Sie die Kuppel des Pantheons. Es steht mitten in der Altstadt von Rom. Ein antiker heidnischer Bau – und nun schon lange eine christliche Kirche. Seine wunderschöne Kuppel ist oben offen: Durch die runde Öffnung scheint die Sonne hinein, aber der Regen kommt auch hindurch – und in Rom kann es ganz schön regnen. Auch der in Rom allgegenwärtige Staub fällt durch die Öffnung hinab, und wenn die Sonne scheint, kann man die Körnchen sehen.

Aber am Pfingstsonntag – da regnet es Rosen. Am Ende des Gottesdienstes streuen Feuerwehrmänner kiloweise Rosenblätter durch die Öffnung. Die Menschen strecken ihre Hände danach aus und genießen den Rosenregen. Noch eine ganze Weile, nachdem der Rosenregen geendet hat, greifen Kinder Hände voller Blüten und schmeißen sie in die Luft. Toll, oder? Mit Rosenblüten bestreut zu werden… in einer Kirche! Das Domradio berichtete am 20. Mai 2024 auf seiner Homepage darüber.

Das lässt uns ahnen, was wir an Pfingsten feiern: Die Kraft des Geistes. Begeisterung. Das Feuer des Glaubens. Hingabe. Das Gefühl: Etwas geschieht mit mir, etwas ergreift mich, ich bin Teil einer Bewegung. Ich bin gesegnet. Ich bin ganz im Hier und Jetzt.

Es ist nicht so oft im Leben, dass wir das fühlen. Wenn es Rosen regnet, vielleicht. Es sind Sternstunden, wir vergessen sie nicht, bis zum letzten Atemzug. Es ist das, was uns Menschenwesen besonders macht. Die Kraft, der Geist, die uns in den Sternstunden erfüllen, die nennen wir heilig. Geistkraft, sagt die Bibel. Die Geistkraft durchzieht die Bibel von der Schöpfung bis zu den Briefen des Paulus. Sie schwebt auf dem Wasser und macht die Schöpfung lebendig. Sie lässt an Pfingsten die Jünger und Jüngerinnen außer sich geraten.

Im Buch der Prophetie des Ezechiel zeigt sie eine Kraft wie selten. Ezechiel berichtet uns folgendes:

Da rührte mich die Hand Gottes an. In ihrer Geistkraft führte sie mich hinaus. Anhalten ließ sie mich mitten auf der Ebene, die mit Knochen angefüllt war. Sie ließ mich rings um diese herumgehen – es waren sehr viele davon auf der Ebene, und sie waren völlig vertrocknet.
Sie sprach mich an: Du, Menschenkind, was meinst du wohl: Werden diese Knochen wieder lebendig werden? Ich antwortete: Mein Gott, mächtig über allen, du – du weißt es. Gott sprach zu mir: Rede prophetisch über diese Knochen! Sprich zu ihnen: Ihr trockenen Knochen, hört das Wort Gottes!
So spricht Gott, mächtig über allen, zu diesen Knochen: Seht hin, ich bin dabei, Geistkraft in euch kommen zu lassen, dass ihr lebendig werdet! Ich lege Sehnen an euch, lasse Fleisch auf euch wachsen und überziehe euch mit Haut! Ich gebe Geistkraft in euch, dass ihr lebendig werdet! Ihr werdet erkennen: Ich bin es, Gott.
Ich redete prophetisch, wie es mir aufgetragen war. Als ich prophetisch redete, da ertönte ein Geräusch, und es geschah ein Beben. Die Knochen rückten aneinander, Knochen an Knochen. Ich schaute: Da! Sehnen und Fleisch wuchsen über sie, und darüber legte sich Haut.
Aber – es war keine Geistkraft in ihnen. Gott sprach zu mir: Rede prophetisch zur Geistkraft! Rede prophetisch, Menschenkind, und sage zur Geistkraft: So spricht Gott, mächtig über allen: Aus den vier Windrichtungen komm herbei, Geistkraft, Geistbraus, und wehe in diese Zerschlagenen hinein, brause, hauche sie an, dass sie lebendig werden! Ich redete prophetisch, wie es mir aufgetragen wurde.
Da kam Geistkraft in sie ein als Lebensatem und sie wurden lebendig. Sie richteten sich auf und standen auf ihren Füßen – eine sehr, sehr große Zahl war es. (Ezechiel 37,1-10; aus: Bibel in gerechter Sprache; Die Schrift von Martin Buber und Franz Rosenzweig; Eigenes).

Ezechiels Leben spielt sich ab vor dem Hintergrund eines großen Krieges. Anders als wir, ist er nicht nur Zuschauer und entsetzter Nachrichtenhörer – nein, Ezechiel ist selbst betroffen. Er erlebt Belagerung, Eroberung, Besetzung, Gräueltaten, jedwede Gewalt und schließlich Deportation. Das Feld mit den vertrockneten Knochen gibt es sozusagen in echt. Ein ganzes Feld mit Leichen, die nicht einmal richtig vergraben wurden.

Und dann diese Vision: Die Erde bebt, die Knochen bewegen sich aufeinander zu, sie setzen sich zusammen und wachsen aneinander. Sehnen und Muskeln wachsen auf ihnen. Und schließlich weht die Geistkraft sie an, ein wahrer Geistbraus, und bläst ihnen den Atem ein und sie sind wieder lebendig. Kann man sich etwas Stärkeres vorstellen als diese Geistkraft? Dieses Brausen? Ich glaube nicht.

Die Vision des Ezechiel beginnt mit einem wahren Albtraum. Und sie endet mit einem Wunder: Das Schreckliche, das Böse verliert seine Macht. Die Geistkraft schenkt neues Leben. Darin liegt ein Versprechen: Nichts, wirklich nichts auf dieser Erde, kein Schrecken, kein Gräuel, keine Gewalt, kein Unglück – nichts gibt es, das durch die Geistkraft nicht neu werden kann. Denn nichts kann uns trennen von ihrem Brausen.

So, wie die Geistkraft am Anfang der Schöpfung über den Wassern lag – so ist sie seitdem in der Welt. Durch die Zeiten hindurch. Sie ist verlässlich, in Zeit und Ewigkeit. Wann immer auch die Kräfte uns verlassen, die Angst uns überwältigt, der Schrecken uns lähmt – das Brausen der Geistkraft ist stärker. Sie erneuert, sie belebt, sie schafft neu, sie öffnet Horizonte, sie schenkt uns ihre besondere Kraft.

Wenn wir dasitzen wie das Kaninchen vor der Schlange – dann ist SIE es, die unseren Blick weglenkt von der Bedrohung – hin zu den Möglichkeiten, die wir haben, um damit fertig zu werden. Wie ein Regen aus Rosenblüten, die eine freundliche Hand über uns ausstreut.

Ich halte es für sehr, sehr wichtig, dass wir diese Kraft sehen, auch in unserem Leben. Wir sind oft wie das Kaninchen: Gebannt von dem, was bedrohlich ist. Was nicht funktioniert. Was schwer ist. Was uns fehlt. Dagegen gibt es ein bewährtes Mittel: Dankbarkeit. Es gibt so viele Momente, wo wir beschenkt werden, wo wir angehaucht werden, wo das Brausen uns begegnet. Wo wir glauben, hoffen, lieben – weil die Geistkraft uns dazu fähig macht.

Dankbarkeit ist eine Haltung. Sie nimmt all das nicht für selbstverständlich. Sie nimmt es als ein Wunder. Wenn wir uns selbst und unser Leben als ein Wunder begreifen – dann ändert sich äußerlich nichts. Wir spüren und fühlen es aber anders: Ja, ich lebe. Ich lebe aus der Kraft des Geistes.

Vom Moment meiner Entstehung an, mit dem ersten Herzschlag, mit dem ersten Atemzug – belebt mich das Brausen. Es ist stets bei mir: die Quelle meiner Kraft, die Quelle meiner selbst. Mein Herz schlägt, mein Atem erfüllt mich. Mein Leben geht seinen Weg. Bis zum letzten Herzschlag, bis zum letzten Atemzug. Wenn ich hinfalle, weht mich das Brausen an, und ich stehe wieder auf meinen Füßen. Auf den Albtraum folgt die Wiederbelebung. Schönes wird mir geschenkt – wie Rosenblätter, die auf mich niederrieseln.

Danke, Geistkraft. Danke, dass du da bist. Danke, dass du mit deinem Brausen in unserem Leben bist. Heute, an Pfingsten, ist der Tag, dich zu würdigen. Jetzt, wo alles grünt und blüht – wo nicht selten die Blüten von den Bäumen fallen und uns anwehen. Eine gute Gelegenheit, unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.

Beim Anblick einer blühenden Pflanze, eines Blumenstraußes: kurz innehalten, die Schönheit bewusst wahrnehmen, die Kraft dahinter sehen, die uns diese Schönheit schenkt. Laut oder leise sagen: Danke für das Wunder meines Lebens. Danke, Geistkraft. Danke, dass du da bist. Danke, dass du mit deinem Brausen in meinem Leben bist.

Auch in Haarzopf hat es am Ende des Pfingstgottesdienstes von der Empore herab Rosen geregnet.

Elisabeth Müller

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