Blick nach vorn

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62)

„Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht um; wer sich umdreht oder lacht…‟ Wie oft habe ich als Kind mit anderen zusammengesessen und dieses Spiel gespielt. Und ich weiß noch sehr genau, wie schwer das war, sich nicht umzudrehen. Manchmal hat man versucht, nach links oder rechts hinten zu blinzeln oder vorsichtig mit einer Hand zu tasten, ob der Plumpsack vielleicht doch hinter einem liegen geblieben ist.

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes: Dieses Bild, nicht zurückzublicken, wird öfter in der Bibel verwendet. Zum Teil auch in durchaus bekannteren Geschichten und Worten. In dieser Geschichte bei Lukas, aus der unser Vers stammt, bittet jemand, der Jesus nachfolgen will, um die Erlaubnis, zunächst noch seinen Vater zu beerdingen und Jesus antwortet: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ (Lukas 9,59-60).

Einem anderen, der sagt, dass er sich nur eben noch von seiner Familie verabschieden möchte, antwortet er mit dem eingangs zitierten Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Das sind ziemlich heftige Worte und dieser Umgang mit den Menschen, die zu ihm kommen, die bereit sind, alles andere stehen und liegen zu lassen, um mit ihm zu ziehen, dieser Umgang ist alles andere als einfühlsam oder gar seelsorgerlich. Weiterlesen

Vor 75 Jahren: Das Ende der Leningrader Hungerblockade am 27. Januar 1944

An zwei Gedenkstätten der ehemaligen Sowjetunion habe ich aus Lautsprechern leise Musik von Robert Schumann gehört. In Stalingrad, jetzt wieder Wolgograd, und in Leningrad, jetzt wieder St. Petersburg. In Leningrad heißt dieser Ort Piskarjew-Friedhof. Dort gibt es nur Massengräber, breite Plateaus, bedeckt von grünem Gras. Jedes der Felder ist mit einer Jahreszahl gekennzeichnet – 1941/1942/1943/1944, Erinnerung an 900 Tage Hungerblockade. Es ist immer still auf dem Friedhof, die Musik von Schumann erklingt aus Lautsprechern in den Bäumen. Die Menschen die dort begraben sind, sind keine Kriegstoten, sondern Opfer eines Verbrechens. Weiterlesen

Sinnliche Adventszeit, lange Abende…

Die Freunde von hier lassen dich grüßen. Grüße die Freunde dort, jeden einzelnen! (3. Johannes 1,15)

Der Duft von Orangen und Zimt, das Knuspern von Spekulatius, das Flackern der Kerzen am Adventskranz, der aufsteigende Dampf von Glühwein, die Spannung beim Öffnen der Türchen im Adventskalender und irgendwo leise Klänge alter Adventslieder…

Die Adventszeit kann so sinnlich sein! Mit Augen, Nase, Mund, Ohren und Händen sehen, schmecken, fühlen und begreifen wir den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Eine Zeit voller Sehnsucht, eine Zeit fürs Warten, eine Zeit fürs Backen und Vorfreuen. Wann wird es endlich Weihnachten? Wann verändert das kleine Kind in der Krippe die Welt? Wann legt das Schiff im Hafen an? Wann leuchtet der Stern hell für alle? Weiterlesen

Der Heilige Nikolaus – ein Kinderfreund aus der Türkei

Demre heißt das kleine Dorf an der türkischen Mittelmeerküste heute. Nur die Reste einer großen Kirche erinnern noch an die reiche Hafenstadt Myra, die dort im ersten Jahrtausend nach Christus lag und in der am Anfang des 4. Jahrhunderts der Heilige Nikolaus als Bischof wirkte. Wir wissen nur wenig über Nikolaus: als junger Mann hat er noch die letzten Christenverfolgungen durch den römischen Kaiser Diokletian erlebt. Später, im Jahr 313, erhob dann Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich.

Die ältesten Legenden über Nikolaus zeigen einen Bischof, der sich für Arme und Notleidende einsetzt und dabei auch großzügig mit den Schätzen der Kirche umgeht: so habe er heimlich eine vergoldete Kugel in das Haus eines verarmten Witwers geworfen, der sich in seiner Not gezwungen sah, seine drei Töchter in die Prostitution zu verkaufen. Dieses heimliche nächtliche Geschenk ist übrigens der Ursprung des bis heute gepflegten Brauches, zum Nikolaustag einen Schuh oder Strumpf vor die Tür zu stellen, um am darauf folgenden Morgen darin ein überraschendes Geschenk zu finden. Weiterlesen

Vom Abendmahl

Jeden Monat einmal teilen wir miteinander im Gottesdienst Brot und Wein. Dieses alte Ritual, dessen Wurzeln noch vor dem Beginn des Christentums liegen, hat für uns besondere Bedeutung. Für dieses Teilen von Brot und Wein in der Nachfolge Jesu gibt es in der Christenheit verschiedene Bezeichnungen. Am geläufigsten ist uns sicher der Begriff Abendmahl. Weitere Namen sind zum Beispiel Eucharistie oder Kommunion. Jede dieser Bezeichnungen betont einen anderen Schwerpunkt dieser Feier.

Wenn wir von Abendmahl sprechen, erinnern wir uns daran, dass Jesus am Abend vor seiner Festnahme durch die Staatsmacht mit seinen Schülern zusammen ein abendliches Mahl festlich und rituell eingenommen hat und dabei mit ihnen Brot und Wein geteilt hat. Nach dem überwiegenden Zeugnis der biblischen Schriften (außer dem Johannesevangelium) geschah dies an einem für die Juden besonderen Abend, dem Seder-Abend. Dieser Abend war und ist für Juden auch heute noch der Auftakt zur Feier des Passafestes. Weiterlesen

Zum Holocaust-Gedenktag: Alle Jahre wieder „Nie wieder!“?

„Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Mit diesen Worten erklärte der damalige Bundespräsiden Roman Herzog 1996 den 27. Januar zum zentralen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den Tag international zum Holocaust-Gedenktag zu machen. Weiterlesen

Sentimentale Weihnachts-Erinnerung

Alle Jahre wieder… kommt die Erinnerung – und mir laufen die Tränen. Ich glaube, es wäre sehr schlimm, passierte es irgendwann vielleicht nicht mehr. Unabsichtlich, ungerufen – aber zuverlässig und treu – gehört sie zu meinem Weihnachtsfest: die sentimentale Erinnerung an jenes Krippenspiel im Jahr 1969, die sich mir für immer und ewig sozusagen ins Herz gebrannt hat.

Ich muss vorab dazu sagen: meine Mutter und ich hatten kein ungetrübtes Verhältnis zueinander. Im Gegenteil: oft ging es konflikthaft zu zwischen uns, verclincht: viel zu eng für mich, viel zu distanziert für meine Mutter. Jahrelang habe ich gekämpft, um mich frei zu strampeln von der Liebe einer Übermutter – jahrelang hat meine Mutter gelitten unter der Härte der Befreiungsschläge ihrer einzigen Tochter. Weiterlesen

Weihnachtsgeschichte mit Figuren

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einmal im Advent mit meiner Mutter gemeinsam eine Krippe gebastelt habe. Sie sollte am Heiligen Abend fertig sein und unter unserem Weihnachtsbaum stehen.

Die Figuren fertigten wir aus Holzteilen: einen Kegel für den Körper und eine Kugel für den Kopf. Sie wurden bekleidet mit Filz und anderen Stoffen, die wir zurechtschnitten. Ich weiß sogar noch ziemlich genau, wie die einzelnen Figuren aussahen: Da war Maria, die ein rotes Kleid bekam und einen dunkelblauen Umhang über ihren Kopf. Josef hatte einen Bart aus Wolle und einen braunen Hut. Weiterlesen

Erinnern, heilen, Christus bezeugen

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5,17)

Am 18. Februar 1546 ist Martin Luther in Eisleben gestorben, in seiner Geburtsstadt. Es war kalter Winter und der keineswegs immer gesunde, 63jährige Reformator hatte sich nicht davon abbringen lassen, in das Land der Mansfelder Grafen zu fahren – per Reisewagen natürlich –, um Streit zwischen den Parteien zu schlichten. Sie mussten die eisige Saale überqueren und es pfiff der Wind aus allen Wetterecken.

Seine geliebte Frau Käthe machte sich gewaltige Sorgen, wie wir uns vorstellen können. Trotz seines schlechten Zustands predigte er unterwegs in Halle und in Eisleben mehrfach. Aber seinen goldenen Humor behielt er, obwohl er sich immer elender fühlte. An seine besorgte Katharina schrieb er Briefe voll fröhlichen Gottvertrauens: „Laß mich zufrieden mit Deiner Sorge. Ich habe einen besseren Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe, und sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters. Darum sei in Frieden.“ Weiterlesen

Auf dem Friedhof

An den Gedenktagen im November führen uns unsere Wege öfter auf den Friedhof.

Gehe ich an den Gräbern vorbei, sehe ich nicht nur die herbstlichen Blumen, sondern noch viele andere Dinge. Muscheln und Steine, mitgebracht aus dem letzten Urlaub, eine einzelne rote Rose oder das selbst gemalte Bild, als letzten Gruß an die Oma. Weiterlesen