Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes

Am 8. Mai 1945 endete der zweite große Krieg. Deutschland war besiegt. Eine Niederlage, die sich als Befreiung von einem verbrecherischen System erwies. Unsere Kirche hat dies sehr früh im Stuttgarter Schuldbekenntnis aufgenommen: „…aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Persönlich habe ich über die Erfahrungen meines Schwiegervaters an dieser Zeit Anteil genommen. Er zog mit 17 Jahren in den Krieg und kehrte mit 27 Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Natürlich geprägt von der Idee, den Krieg verloren zu haben. Aber im Laufe der Jahre hat er die Niederlage als Befreiung verstanden. Mich hat beeindruckt, wie sehr er darauf aus war, auf seinen Auslandsreisen die Spuren der Vergangenheit zu suchen – und sich zu versöhnen. Weiterlesen

Bestattung in Corona-Zeiten

Nun habe ich das also auch erlebt, eine Bestattung in Corona-Zeiten. Obwohl der Bestatter sich wirklich viel Mühe gegeben hat – wir durften ja nicht in die friedhofseigene Kapelle, sondern nur draußen; es durften nicht alle kommen, sondern nur eine ganz kleine begrenzte Anzahl von allernächsten Menschen – hat sich alles nicht so angefühlt wie sonst, irgendwie war auch hier alles falsch.

Doch, ich kannte die Verstorbene; doch, ich kenne auch Bestattungen mit wenigen Trauergästen; und ja, ich habe auch schon aus finanziellen Überlegungen Trauerfeiern vor der Friedhofskapelle gefeiert, aber dieses Mal… Weiterlesen

Im Fluss der Zeit

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. (Hebräer 13,8)

Die Zeit rast – schon haben wir wieder Februar. Wir haben geradezu das Gefühl, die Zeit verrinnt uns einfach so zwischen den Fingern.

Und doch: unsere Uhren lügen. Es ist unser Leben, das die Zeit letztlich prägt und mit Bedeutung füllt und die Zeit relativiert. Es gibt Momente im Leben, wo die Zeit geradezu still zu stehen scheint – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick – vollkommene Glücksmomente, die uns fast aus der Zeit heraus zu nehmen scheinen. Denn die Uhren des Herzens gehen anders als die Uhren der Physiker. Weiterlesen

Babyn Jar – Auschwitz: Vier Bildbeschreibungen

Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Vor nunmehr 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von russischen Truppen befreit. Ein Tag um innezuhalten, um zu beten, aber auch um zu handeln, damit das „Nie wieder“, das auf dem Denkmal des KZ Dachau in großen Lettern und in verschiedenen Sprachen steht, keine leere Forderung bleibt. Im Umfeld des Gedenktages finden wieder viele Veranstaltungen statt – auch in Essen.

Vom 19. Januar bis zum 2. Februar ist in der Stephanuskirche in Essen-Überruhr und auf dem Gelände rund um die Kirche die ungewöhnliche Fotoausstellung „Orte der Erinnerung“ zu sehen. Ich zeige dort Fotos aus Babyn Jar und aus Auschwitz. Mir geht es nicht um die reine Abbildung der Realität. Ich ging schmerzhaft nah an meine Motive heran. Ich wollte nicht zeigen, was wir alle längst kennen und doch nicht begreifen können. Oft sind es die Details (der Geschichte), die die Augen öffnen. Weiterlesen

Zweifel – Lebensmittel des Glaubens

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

Als ich die Jahreslosung 2020 in der biblischen Übersetzung nach Martin Luther las, mit dem Wunsch, Ihnen diese wenigen Worte näherbringen zu können, wurden meine Zweifel nach und nach immer größer. Ist dieser Satz „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ wirklich richtig übersetzt? Hat die Bitte: „Hilf meinem Unglauben“ überhaupt einen Sinn?

So habe ich die gesamte Geschichte aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums über den verzweifelten Vater eines kranken Jungen noch einmal gelesen, diesmal in der Neuen Genfer Übersetzung der Bibel (NGÜ). Weiterlesen

Siehe, ich mache alles neu

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein … Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. (Offenbarung 21,1-5)

Heute, am Ewigkeitssonntag, gedenken wir derer, die nicht mehr unter uns sind, gedenken wir derer, mit denen wir verbunden waren. Sie fehlen uns. Und wenn wir heute an den Gräbern stehen, dann steigen viele Erinnerungen in uns auf, an die Mutter, den Vater, den Ehepartner, den Sohn, die Tochter, den Onkel, die Schwester, den Freund, die Freundin.

Wir haben um sie lange getrauert und tun es immer noch, weil ihr Tod ein schmerzlicher Verlust war oder noch ist. Neben dem Gefühl der Trauer steht aber auch noch etwas anderes: die Dankbarkeit. Die Dankbarkeit dafür, dass wir mit diesen Menschen unser Leben haben teilen können, haben teilen dürfen. Sie haben unser Leben reich gemacht. Durch alle gemeinsamen Höhen und Tiefen hindurch haben sie uns und unser Leben geprägt. Weiterlesen

Frieden bleibt unser Auftrag

Vor ein paar Jahren erzählte mir ein älterer Mann aus der Gemeinde, dass sein Vater im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront verschollen ist. Er selber hat keine bewussten Erinnerungen mehr an ihn. Doch mit zunehmendem Alter wurden die Fragen nach dem vermissten Vater immer vorherrschender. Ist er gefallen? Ist er in Gefangenschaft geraten? Gehörte er zu den Heimkehrern, die an Entkräftung und Seuchen starben? Wurde er in einem der Massengräber verscharrt? Was geschah mit ihm? Weiterlesen

Orte voller Leben, Erinnerungen und Ruhe

Moos, der ganze Boden bedeckt. Ein grüner weicher Teppich. Meine Schritte federn. Ich wende meinen Blick vom Grün ins Blau, vom Boden in den Himmel. Weiße Wölkchen ziehen über den hellblauen Himmel. Die Vögel zwitschern, die Eichhörnchen huschen durch diese halb künstliche, halb wilde Natur. Es summt bei den Blüten und raschelt im alten Laub. Die uralte Buche trägt stolz ihre hellgrüne Krone. Unter meinen Sohlen knirschen die Bucheckern vom letzten Herbst.

Hier ist gut sein. Auf einer Bank in der Sonne oder voller Staunen unter dem riesigen Buchenschirm, wenn die Regentropfen prasseln. Hier ist es ruhig, aber gleichzeitig voller Leben von Tieren und Pflanzen. Hier ist ein Platz, den ich mag. Hier liegen die Toten. Weiterlesen

Blick nach vorn

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62)

„Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht um; wer sich umdreht oder lacht…‟ Wie oft habe ich als Kind mit anderen zusammengesessen und dieses Spiel gespielt. Und ich weiß noch sehr genau, wie schwer das war, sich nicht umzudrehen. Manchmal hat man versucht, nach links oder rechts hinten zu blinzeln oder vorsichtig mit einer Hand zu tasten, ob der Plumpsack vielleicht doch hinter einem liegen geblieben ist.

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes: Dieses Bild, nicht zurückzublicken, wird öfter in der Bibel verwendet. Zum Teil auch in durchaus bekannteren Geschichten und Worten. In dieser Geschichte bei Lukas, aus der unser Vers stammt, bittet jemand, der Jesus nachfolgen will, um die Erlaubnis, zunächst noch seinen Vater zu beerdingen und Jesus antwortet: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ (Lukas 9,59-60).

Einem anderen, der sagt, dass er sich nur eben noch von seiner Familie verabschieden möchte, antwortet er mit dem eingangs zitierten Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Das sind ziemlich heftige Worte und dieser Umgang mit den Menschen, die zu ihm kommen, die bereit sind, alles andere stehen und liegen zu lassen, um mit ihm zu ziehen, dieser Umgang ist alles andere als einfühlsam oder gar seelsorgerlich. Weiterlesen

Vor 75 Jahren: Das Ende der Leningrader Hungerblockade am 27. Januar 1944

An zwei Gedenkstätten der ehemaligen Sowjetunion habe ich aus Lautsprechern leise Musik von Robert Schumann gehört. In Stalingrad, jetzt wieder Wolgograd, und in Leningrad, jetzt wieder St. Petersburg. In Leningrad heißt dieser Ort Piskarjew-Friedhof. Dort gibt es nur Massengräber, breite Plateaus, bedeckt von grünem Gras. Jedes der Felder ist mit einer Jahreszahl gekennzeichnet – 1941/1942/1943/1944, Erinnerung an 900 Tage Hungerblockade. Es ist immer still auf dem Friedhof, die Musik von Schumann erklingt aus Lautsprechern in den Bäumen. Die Menschen die dort begraben sind, sind keine Kriegstoten, sondern Opfer eines Verbrechens. Weiterlesen