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Wie eine Mutter

Ich will euch trösten wie eine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Die Prophetie des Jesaja begleitet eine aufregende und umwälzende Epoche. Zunächst tut diese Prophetie alles, um ein Wahnsinnsprojekt zu verhindern: Den Krieg gegen Babylonien. Aber, wie so oft in der Geschichte, hat die Prophetie keinen Erfolg. Das kleine Land stürzt sich in den Krieg, und die Folgen sind eine einzige Katastrophe: 597 vor Christus erobert der babylonische König Nebukadnezar das ganze Land.

Er belagerte die Stadt Jerusalem. Als Jerusalem sich ergibt, richtet die babylonische Armee ein Blutbad an. Darüber, was in einer Stadt geschieht, die erobert wird, wissen wir wahrscheinlich alle Bescheid. Die babylonische Armee zerstört und verwüstet Jerusalem und den Tempel. Sie deportieren Tausende nach Babylonien.

Über diese ganze Zeit begleitet die Prophetie das Schicksal der Menschen. Sie tut es aufrichtig und seelsorglich. Nach dem verheerenden Krieg ändert sich der Tonfall. Sätze wie „Haben wir es nicht vorausgesagt“ – solche Sätze gibt es kaum. Eher heißt es: „Tröstet, tröstet mein Volk!“

In diesen Kontext gehört auch der Satz „Ich will euch trösten wie eine Mutter tröstet.“ Angesichts des Elends, der verwüsteten und geplünderten Stadt, der Deportationen – angesichts all dessen gibt es nur den Wunsch nach Trost. Und es scheint so, als wäre dieser Wunsch vor allem durch das Bild der Mutter geprägt. Wenn alles zerbricht, wenn das Leben auf seinen Kern zusammengepresst wird – dann schreien wir Menschen nach der Mutter.

Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich nicht kennengelernt. Er starb im April 1945. Er wurde 1896 geboren, musste als junger Mann von 18 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfen, vier Jahre lang. Er brachte aus diesem Krieg ein steifes Bein mit und eine tiefe Abneigung gegen Krieg und Gewalt. 1927 bekamen meine Großeltern einen Sohn, der mit vier Jahren starb. Mein Großvater kam über den Tod dieses Kindes lange nicht hinweg.

1939 wurde er wieder – als einer der Ältesten – eingezogen. Noch einmal musste er sechs Jahre Soldat sein. Meine Großmutter erzählte folgendes über ihn: Er habe, als er 1944 noch einmal längere Zeit zu Hause war – er habe zu ihr gesagt: Weißt du, jetzt bin ich froh, dass unser Bub tot ist. Es ist so unerträglich zu sehen, wie diese Jungs verheizt werden. Und das Schlimmste ist, wenn sie vor unseren Augen stundenlang liegen und nach ihrer Mutter schreien, und wir können nichts tun und ihnen nicht helfen, und dann sind sie irgendwann still. Gut, dass unser Junge das nicht durchmachen muss!

Mein Vater, der 1942 mit 17 Jahren Soldat wurde, erzählte mir etwas Ähnliches: „Am meisten verwunderte es mich, wenn die älteren Kameraden sterbend nach ihrer Mutter riefen. Wenn es mir so gegangen wäre, das hätte ich ja verstanden. Aber die waren über 30, hatten Frau und Kinder und standen im Beruf. Und jetzt, wenn es sie erwischte, dann riefen sie nach ihrer Mutter.“

Eine Freundin erzählte mir, dass ihr bei der Geburt ihres ersten Kindes etwas passiert wäre, an das sie bis heute nur mit einem Gefühl von Peinlichkeit denken könne. Es hätte unter der Geburt einen Moment gegeben, kurz bevor das Kind dann kam, da wäre sie in einen psychischen Ausnahmezustand geraten. Und dann hätte sie sich selbst laut schreien gehört: Mama – das hätte sie mehrmals laut gerufen. Und dann sei das Kind ganz schnell gekommen. Ihr sei das unglaublich peinlich, als erwachsene Frau und werdende Mutter nach ihrer Mama zu schreien – vor allem, wo sie sich mit ihrer Mutter gar nicht gut verstehe. Ihr Mann, der bei der Geburt dabei war, musste ihr versprechen, niemand – vor allem ihrer Mutter nicht – davon zu erzählen.

Als ich ein kleines Kind war, gab es zwei Lieder, die ich als erste singen konnte:
Das eine war „Humba Tätärä“ und das andere:

Heile heile Gänsje, es wird bald wieder gut,
es Kätzje hot e Schwänzje, es wird bald wieder gut.
Heile, heile Mausespeck, in 100 Jahr is alles weg!

Daran können Sie sehen, wo ich aufgewachsen bin und was mich prägte. Die Fassenacht nach Mainzer Art war ein wesentlicher Teil meiner Kindheit und Jugend. Die Erwachsenen fanden es putzig, dass ich mit Begeisterung diese Lieder sang.

Am Karnevalssonntag gingen alle Kinder unseres Dorfes zum Kindermaskenball, und wir übten uns dort in ungelenken Schritten bei ersten Tanzversuchen – zu diesen Liedern.

Deshalb lasse ich in keinem Jahr die Fernsehsendung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ aus. Vier Stunden lang genieße ich den heimatlichen Dialekt und den Humor, mit dem ich aufgewachsen bin – auch dieses Jahr wieder. Und hinterher – man kann ja in derart aufgekratzter Stimmung nicht schlafen gehen – hinterher sehe ich mir gern die alten Aufnahmen aus den siebziger Jahren an, Erinnerungen an Fernsehabende im Wohnzimmer meiner Eltern, alle kostümiert und schunkelnd. Erhitzte Debatten darüber, welche Büttenrede am besten gewesen war.

Und dann die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 60er Jahren. Aufnahmen von Ernst Negers Auftritten mit „Heile, heile, Gänsje“. Die erste Strophe geht so:

Bei all den kleinen Kinderlein
Gibt´s manchen großen Schmerz,
Hat´s Püppchen was am Fingerlein
Bricht Mutti fast das Herz;
Dann kommt die Mamma schnell herbei.
Nimmt´s Kindchen auf den Schoß
und sagt bedauernd: Ei, ei, ei,
Was hat mein Kindchen bloß?
Bewegt sie es ans Herze zieht
Und singet ihm zum Trost das Lied.

Das Lied war in den Jahren nach dem Krieg (als es berühmt wurde) nicht neu. Martin Mundo, ebenfalls ein bekannter Fassenachts-Sänger, hatte es 1929 veröffentlicht und oft gesungen. Er hatte dafür einen weit verbreiteten Kindervers vertont und ausgeschmückt: Heile Heile Gänsje. Das Lied handelte von den kleinen und großen Widrigkeiten des Lebens und wie die Erinnerung an den Kindervers neuen Mut gibt. Man erinnert sich, wie die Mama einen auf den Schoß nahm und tröstete und das gab neuen Mut.

1952 brachte Ernst Neger das Lied neu heraus. Aber es hatte jetzt eine vierte Strophe, und die geht so:

Wär ich einmal der Herrgott heut,
Dann wüsste ich nur eins:
Ich nähm in meine Arme weit
Mein arm, zertrümmert Mainz
Und streichelte es sanft und lind
Und sagt: „Hab nur Geduld.
Ich bau dich wieder auf geschwind,
Du warst ja gar nicht schuld.
Ich mach dich wieder wunderschön,
Du kannst, du darfst nicht untergehn.“

So wie Mainz 1945 hat wahrscheinlich Jerusalem ausgesehen, als die Prophetie den Vers vom mütterlichen Trost verkündete. Und sowohl die Prophetie, als auch das populäre Lied – sie sagen den Menschen: Gott tröstet dich. Wie eine Mutter. Wie ein Kind auf dem Schoß. Alles wird gut.

Das arme, zerstörte Mainz in die Arme nehmen, es trösten und wieder aufbauen – das war die Vision, die Ernst Neger den Menschen damals schenkte. Das arme, zerstörte Jerusalem trösten und wieder aufbauen – das war die Vision der Prophetie, mit der sie die Menschen vor 2600 Jahren tröstete. Die Bilder gleichen sich, der Trost ebenfalls: Gott tröstet dich wie eine Mutter. Und es wird wieder gut. Es ist das, was Menschen brauchen, die Schreckliches erlebt haben.

Und wenn man sich die alten Aufnahmen aus den Sechzigerjahren ansieht, dann ist das ganz deutlich. Manche Menschen erstarren, andere weinen in ihr Taschentuch. Das Lied half den Menschen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bei der Bewältigung, genauso wie einst die Worte der Prophetie den Menschen halfen.

Sie sprechen aus, worauf wir uns alle verlassen können: Gott tröstet dich, ohne Fragen, ohne Wenn und Aber, wie die Mama, zu der du dich flüchten kannst. Ob die echte Mama wirklich so gut und tröstend war, das spielt dabei keine Rolle. Es geht um ein Urbild der Seele: Trost ohne Bedingungen. Das Unaussprechliche nicht sagen müssen. In die Arme genommen werden. Es gibt eine Kraft, die bei dir ist, die es gut mit dir meint, die nicht fragt, sondern einfach da ist.

Jerusalem vor 2600 Jahren. Mainz vor 77 Jahren. Heute sind es Mariupol, Lemberg und Kiew. Es nimmt kein Ende. Das Schreckliche geschieht noch immer und an so vielen Orten. Traumatisierte Menschen verlassen in großer Zahl und unter schwersten Bedingungen die zerstörten Städte und Dörfer. Sie haben erlebt, was es heißt, nach der Mutter zu schreien. Sie suchen Trost und Schutz.

Gott wird sie trösten, darauf können wir uns verlassen, ganz sicher. Gott tröstet. Aber wäre es nicht wunderbar, wenn sie auch durch uns Trost erfahren würden – wenn wir, die Christinnen und Christen dieses Landes, wenn wir ihnen ebenfalls Trost schenken könnten? Wenn nicht nur Gott, sondern auch wir trösten könnten wie eine Mutter?

Elisabeth Müller