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Voller Trost und Zuversicht

Ich bin voller Zuversicht, wenn ich an euch denke; denn ich weiß: Wie ihr meine Leiden teilt, so habt ihr auch teil an dem Trost und der Ermutigung, die mir geschenkt werden. (2. Korinther 3,7)

Eine der Schwestern hatte mich zu ihr geschickt: „Du, kannst Du mal gucken? Frau X. hat heute eine nicht so gute Mitteilung erhalten. Sie liegt schon ewig in unterschiedlichen Krankenhäusern. Ich glaube, der geht es nicht so gut.“ Ich lasse mich gern schicken, die, die mich kennen, wissen das. Ich mache mich also auch noch am selben Tag auf den Weg. Schaue ins Zimmer, stelle mich vor und frage nach dem Wohlergehen der beiden Patientinnen, auf die ich treffe.

Die, um die ich mich eigentlich kümmern soll, ist sehr zurückhaltend. Spricht nur kurz. Die Bettnachbarin umso mehr, obwohl sie schon auf dem Weg der Besserung ist und die Entlassung kurz bevorsteht. Hier hören wir auch von vielen Plänen. Urlaubsreisen sind geplant trotz Corona. Doch gerade sie ist trostbedürftig. Nicht wegen ihrer Krankheit, das schafft sie schon, jedenfalls vermittelt sie diesen Eindruck. Nein, sie ist allein. Und traut sich nicht, ihren Schmerz zu zeigen. Aber jetzt gerade, sie weiß gar nicht, wie das kommt, da rollen die Tränen. Sie kann sie nicht zurückhalten.

Und nun passiert in diesem Zimmer etwas, was ich häufiger erlebe: Ich selbst muss nicht viel sagen. Die Patientin, von der wir auf Station alle dachten, dass sie Zuspruch nötig habe, übernimmt. Als erstes kramt sie, obwohl sie sich kaum bewegen kann, Taschentücher hervor und bietet sie an. Ich versichere dazu, dass wir Tränen aushalten. Und dann ist in diesem Zimmer irgendwie plötzlich ganz viel Trost.

Frau X., der es in den kommenden Wochen immer schlechter gehen wird, bleibt eine, die irgendwie Trost vermittelt, eine, die trotz ihres eigenen Schmerzes immer zugewandt bleibt. Der ich, ohne mit der Wimper zu zucken den Satz glaube: Sie wissen gar nicht, was man alles aushalten kann. Nein, wahrscheinlich weiß ich das nicht.

Szenenwechsel. Er hatte sie verlassen und nicht sie ihn. Ganz in sich zusammengesunken saß sie da. Nichts konnte trösten. Kein Eis, keine Wärmflasche und schon gar nicht das Gerede ihrer Freundinnen: Mensch, sei doch froh, dass du ihn los bist. Der war doch nichts für dich. Sei doch mal ehrlich? Hast du ihn wirklich geliebt?

Das alles ist nicht wirklich tröstlich. Sie packt ihre Koffer und fährt zu ihrer Mutter. Als sie vor der Tür steht und klingelt, wird sie gleich reingelassen. Die Mutter fragt nicht viel. Kocht einen warmen Tee, setzt sich zu ihr aufs Sofa, nimmt sie in den Arm und lässt sie weinen. Und sie? Sie schmiegt sich an. Fühlt sich verstanden. Weiß, die Mutter kennt das. Auch sie hat mal gelitten, als sie verlassen wurde, sie kennt den Schmerz.

Ich weiß nicht, ob ihr alle schon einmal erlebt habt, wie das ist, von jemand Wildfremdem getröstet zu werden oder auch von dem Menschen, den man geliebt hat, verlassen zu werden; ich weiß nicht, ob ihr diesen Schmerz kennt, dieses Gefühl, dass erst einmal nichts tröstet, dass alles schmerzt, alles dunkel um einen herum ist, dass alle Lust, alle Freude aus einem entweicht, dass man gar nicht mehr weiß, wie es je wieder hell werden soll in einem. Ich weiß das nicht.

Ich glaube aber, dass wir alle die Gefühle kennen, trostbedürftig zu sein oder untröstlich zu sein; und dass jeder und jede von uns weiß, dass Sprüche in solchen Momenten gar nichts helfen, dass es nur ganz wenig gibt, das in diesen Situationen trägt. Trösten und getröstet werden – wer es schon getan hat oder wer es dringend brauchte, weiß: so leicht ist das nicht. War es als Kind manchmal ausreichend, dass der Schmerz – von der richtigen Person – weggepustet wird, so reicht das mit zunehmendem Alter leider nicht mehr. Werden wir trostbedürftiger? Unsicherer? Verzweifelter? Untröstlicher?

Unser Bibeltext beschäftigt sich mit Trost und Mut und zeigt, wo ich letztendlich immer gut aufgehoben bin. Der Apostel Paulus schreibt an die Menschen in Korinth, hier in der Fassung der Gute Nachricht-Bibel:

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist ein Vater, dessen Erbarmen unerschöpflich ist, und ein Gott, der uns nie verzweifeln lässt. Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die Ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat.

Ich leide mit Christus und in seinem Dienst in reichem Maß. Aber ebenso reich sind der Trost und die Ermutigung, die mir durch ihn geschenkt werden. Wenn ich leide, so geschieht es, damit ihr Mut bekommt und zur Rettung gelangt.

Und wenn ich getröstet werde, so geschieht es, damit ihr den Mut bekommt, die gleichen Leiden wie ich geduldig zu ertragen. Ich bin voller Zuversicht, wenn ich an euch denke; denn ich weiß: Wie ihr meine Leiden teilt, so habt ihr auch teil an dem Trost und der Ermutigung, die mir geschenkt werden. (2. Korinther 3,1-7)

Ihr wisst es, ich mag den Apostel Paulus; und mit zunehmendem Alter mag ich ihn immer mehr. Denn Paulus ist einer, der es auch nicht leicht hatte. Er ist kein erfolgsverwöhnter Mensch, keiner der nicht wüsste, wie das ist, mit Schmerz und Schuld zu leben.

Er ist nicht ganz gesund. Aus dieser Tatsache macht er kein Geheimnis, auch nicht daraus, dass er darunter leidet. Er ist also keiner, der ganz leichtfertig sagt, dass jeder so sein Päckchen zu tragen hat, sondern er spricht von seinem Stachel im Fleisch. Ganz genau wissen wir nicht, was er hatte; nur dass er darunter gelitten hat.

Er hat gegen Jesus gekämpft, er hat ihn verfolgt und er hat diesen Kampf verloren, aber das Leben gewonnen. Doch mit der Schuld, auf dem falschen Weg gewesen zu sein, vielleicht sogar verantwortlich zu sein für den Tod von Christinnen und Christen, muss er leben – oder andererseits auch wieder nicht, weil er Vergebung empfangen hat. Er missioniert für Gott. Er gründet Gemeinden; aber auch das ist nicht nur von Erfolg gekrönt. Er muss Niederlagen einstecken, er wird verleumdet, er muss sich durchsetzen, sich auch schon mal von Mitarbeitern trennen, er wird jetzt verfolgt. Er hat es nicht leicht – und doch ist er getröstet und doch ist er gestärkt, und doch weiß er sich immer unterstützt.

Woran das liegt? Er ist Gott ganz nahe. Er weiß ihn an seiner Seite. Immer wieder spürt er, wie Gott ihm Kraft schenkt, wie er ihn unterstützt, was er sich von ihm wünscht. Paulus weiß sich in allem von Gott gehalten und ihm vertraut er, weil er weiß, dass Gott sich so klein gemacht hat, als er seinen Sohn geschickt hat, dass er das menschliche Leben geteilt hat, auch Not empfunden hat, auch verfolgt wurde, am Ende getötet wurde. Gott unsere Schmerzen also kennt.

Die Patientin, von der ich Ihnen zu Beginn erzählt habe, die bis zuletzt andere getröstet und aufgebaut hat, aus deren Zimmer ich bis zuletzt irgendwie mit Hochachtung herausgekommen bin, wusste sich auch getragen. Wenn sie Not hatte, wenn sie selbst dachte, dass sie nicht mehr könne, dann haben wir zwei nicht selten gebetet, haben Gott angerufen, ihn um Unterstützung gebeten. Manchmal habe ich sie auch nur gesegnet. „Nur“ ist natürlich falsch. Ich habe sie gesegnet und ich konnte erleben, wie sie ruhiger und stärker wurde.

Ich will jetzt nicht sagen, dass ein Gebet immer gleich hilft, dass ein Segen immer gleich tröstet, aber ich glaube fest, dass wir uns jederzeit, in jeder Not, in jedem Schmerz an Gott wenden können und dass er da ist und uns helfen und trösten will und dass jeder und jede, die das schon einmal erfahren hat, auch Trost und Kraft weitergeben kann. Manchmal durch ein Taschentuch, einen Tee, ein gutes Wort, einen Segen, durch das einfach nur Da-Sein.

Ich bin voller Zuversicht, wenn ich an euch denke; denn ich weiß: Wie ihr meine Leiden teilt, so habt ihr auch teil an dem Trost und der Ermutigung, die mir geschenkt werden.

Friederike Seeliger