Die Vaterunser-Glocke

Lange Zeit konnten die Glocken der Christuskirche in Oberhausen nicht geläutet werden. Der Turm war nicht mehr stabil genug. Nun, nach einer Grundrenovierung, ist das Läuten bald wieder möglich. Deshalb wurde eine neue Läuteordnung erarbeitet. Weil ich zur Christuskirchen-Gemeinde gehöre, war ich dabei. Es wurde sehr sorgfältig überlegt, wann soll, mit welchen Glocken, wie lange geläutet werden? Ist es noch zeitgemäß, den Mittag und den Abend besonders anzuzeigen? Und wie steht es mit dem Läuten Silvester und vor dem Ostersonntag um Mitternacht?

Wir haben das alles gewissenhaft abgearbeitet. Zwischendurch allerdings stellte ich mir die Frage, wofür, das heißt: für wen wir das eigentlich machen? Wer hört das noch gerne? Die, die sich zur Gemeinde zugehörig fühlen, bleiben der Gemeinschaft sowieso verbunden. Brauchen die noch den Glockenklang mit seiner besonderen Botschaft? Und was ist mit den anderen? Weiterlesen

Leere Kirchen: Zeichen Gottes und Zeitansage

Massenhaft sind aus beiden Großkirchen im letzten Jahr die Menschen ausgetreten. Über eine halbe Million Kirchenmitglieder kehrten den Kirchen den Rücken. Ihre Plätze in den Kirchen bleiben leer oder waren es schon, weil sie sich innerlich von der Kirche schon länger verabschiedet hatten. Die Altersgruppe der 26jährigen bis 60jährigen, das sind die Steuerkräftigen, sehen keinen Sinn, der Institution Kirche ihr Geld anzuvertrauen. Damit bestätigt sich ein langer andauernder Trend: Die Kirchen werden in der Gesellschaft nicht mehr als wichtig wahrgenommen. Der Bedeutungsverlust ist gewaltig. Weiterlesen

Gottes Liebe ist grenzenlos

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm… Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe. (1. Johannes 4,16+21)

Gott beurteilt die Menschen nicht nach menschlichen Maßstäben. Jeder Mensch ist nach seinem Bilde erschaffen und ist sein geliebtes Kind. Gott schenkt uns seine Liebe vorbehaltlos. Und wir sollen diese Liebe auch an unsere Mitmenschen weitergeben. Das ist manchmal nicht einfach. Selbst nicht in unserer näheren Umgebung, bei Menschen, die uns nahe sein sollten. Sogar in der Gemeinde.

Denn es nun mal nicht so, dass Christinnen und Christen die besseren Menschen sind. Auch unter uns gibt es „sone und solche“. Weiterlesen

Broken Hosianna | In Zeiten von Corona #20

Lobt Gott in den Versammlungen. (Psalm 68,27) – Als die große Menge, die auf das Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel (Johannes 12,12-13) | Tageslosung für Palmsonntag, 5. April 2020

Mit dem Ereignis, über das unsere Tageslosung berichtet, beginnt das finale Projekt in Jesu Lebensgeschichte. Er geht nach Jerusalem, um dort das Passahfest zu feiern. Die Hauptstadt wimmelt vor Menschen, das römische Militär ist in höchster Alarmbereitschaft. Zeiten wie diese sind wie gemacht für Aufstände und Revolutionen, und darum immer gefährliche Zeiten für die mächtigen, meist ungeliebten Herrn. Auch Jesus war von wohlmeinenden Menschen gewarnt worden, seine Idee besser fallen zu lassen. Schnell kommt es in überhitzten Zeiten zu falschen Einschätzungen und gefährlichen Überreaktionen. Weiterlesen

Friedensgruß zum Stadt- und Bürgerfest Essen Original 2019

„Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ – so heißt es im ersten Artikel unseres Grundgesetzes, das vor 70 Jahren vom Parlamentarischen Rat verabschiedet wurde. In diesem Satz schwingt die Überzeugung mit, dass ein jeder Mensch einzigartig ist und einen unverwechselbaren Wesenskern besitzt.

Für mich als Christin verbindet sich mit dieser Wertschätzung der Würde eines jeden Menschen der tiefe Glaube, dass Gott einen jeden und eine jede von uns in Liebe und zur Freiheit erschaffen hat. Gott selber gibt jedem Menschen seine unveräußerliche und unverfügbare Würde. Auf dem Hintergrund der Katastrophe von zwei Weltkriegen hat der Parlamentarische Rat diese unantastbare Würde betont. Es schwingt das klare Bekenntnis zu Mitmenschlichkeit und Respekt gegenüber jedem Menschen mit. Weiterlesen

Psalm 23 – neu für unsere Zeit

Der Herr ist unser aller Hirte.
Er weidet nicht nur mich auf grünen Auen, sondern die Völker aller Länder dieser Erde.
Die Menschen der Erde müssen aber mithelfen, dass die Auen grün bleiben.
Auen werden absterben durch Hass, Respektlosigkeit, Eifersucht, Überheblichkeit, Geiz, üble Nachrede und Neid.
Wenn die Menschheit bereit ist, Respekt vor friedfertigen Religionen zu haben und die Vielfalt von Flora und Fauna zu erhalten, indem keine Gifte mehr versprüht, keine Tiere mehr gequält oder gewinnbringend verhökert werden, dann wird uns der Herr weiterhin auf grüne Auen führen. Weiterlesen

Wir basteln uns einen Gott

In meiner Jugendzeit habe ich ein lustiges christliches Kabarettduo erlebt, das in seinem Programm den Umgang mit der Bibel aufs Korn genommen hat. Es klang so, wie ein Werbespot: „Halten Sie nicht auch manche Aussagen der Bibel für überholt? Und sind nicht viele Passagen für Ihre nichtchristlichen Freunde völlig ungeeignet? Dann brauchen sie den neuen Bibabo. Den Bibelbastelbogen, der Bibellesen wieder zum Vergnügen macht. Der Bibabo ist eine Bibel mit vorperforierten Seiten zum leichten Raustrennen unbequemer Passagen. Stellen Sie sich Ihre ganz individuelle Bibel selbst zusammen. Mit dem neuen Bibabo ist das ein Kinderspiel.“

Wie das bei Satire so ist, ist auch da viel Wahres dran, denn so geht es uns doch manchmal beim Bibellesen. Doch da fängt das Problem schon an: Wer bestimmt denn, was wahr ist und was nicht? Wer entscheidet dann, welche Aussage über Gott richtig ist und welche nicht? Weiterlesen

Bergpredigt 2.0

Aufgewachsen in einem Elternhaus, das auch in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts seine braune Verstrickung nicht wirklich überwunden hatte, kämpfte ich mich in meiner Pubertät mit Hilfe meiner Lehrer zu differenziertem und tolerantem Denken durch. Und kämpfte (oft vergeblich und mit Blessuren) an gegen die schamhaft verleugnende Intoleranz meiner Verwandten, mit der sie sich als rechtschaffene Bürger inszenierten.

Als Frau der Kirche fiel es mir später leicht, tolerant zu sein – war es doch ganz der Mainstream, zu dem ich nun gehörte. Weiterlesen

Wenn das Spotten über Gott heilig ist

Der westlichen Säkularreligion ist der Spott über Gott heilig: Dieser spitze Satz stand Anfang Februar im SPIEGEL. Der Kommentator Jan Fleischhauer hatte beobachtet, dass sich in unserer Gesellschaft weniger religiöse Fanatiker zu Wort melden als vielmehr säkulare. Die Säkularfanatiker erklären pauschal die Gottesfrage für obsolet, also für veraltet. Und was man für veraltet hält, darüber kann man getrost seine höhnischen Späße machen. Weiterlesen