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Aus Schweigen wurde Zuversicht

Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. (Markus 16,6)

Im Evangelium nach Markus ist der Engel mit seinem „Entsetzt euch nicht!“ nicht sehr erfolgreich. Gemäß Markus fliehen die Frauen, zittern vor Angst und fürchten sich so sehr, dass sie niemandem etwas sagen. In der Forschung wird angenommen, dass diese Angst und Furcht der ursprüngliche Schluss des Evangeliums sind – und erst in späteren Jahren, was mich nun so gar nicht wundert, weitere Verse angeschlossen wurden, in denen dann doch von der Auferstehung erzählt wird.

Doch was wollte Markus uns mit seinem ursprünglichen Schluss sagen – wie kann das die Reaktion auf die freudige Botschaft des Engels sein?

Für mich ist es ein gut nachvollziehbarer Schluss. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre in dieser sonderbaren, alle Erfahrungen und Naturgesetze umstoßenden Situation gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich auch kaum halten können. Wie sollte ich damit umgehen können, dass der Leichnam eines geliebten, gerade erst gestorbenen Menschen verschwunden ist und mir dazu noch Engel erscheinen, die von Auferstehung reden? Wie soll ich das glauben? Wie soll ich nicht an mir zweifeln? Wer sollte mir das glauben? Umstürze erschrecken.

Erst später, als sich der Glaube an die Auferstehung Jesu gefestigt hatte, als all die Auferstehungszeugen langsam aber sicher gestorben waren und das Evangelium nach Markus von einem Evangelium für die Gemeinden zu einem Evangelium für die Welt wurde, da wurde die Reaktion der Frauen unverständlich. Der Evangelist Markus hatte sie noch genauso übernommen – vermutlich, weil seine Leser und Hörerinnen ja genau wussten, dass es nicht im Schweigen geblieben war, sondern die Botschaft „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden“ in die Welt gegangen war – vielleicht, damit seine Leserinnen und Hörer sich selbst hineindenken konnten, wie sie die Botschaft von der Auferstehung dennoch erreicht und ihr Leben verändert hatte.

Schon Lukas und Matthäus und bald auch das um das Happy End der Auferstehung ergänzte Evangelium nach Markus konnten mit diesem paradoxen Ende nichts mehr anfangen – vielleicht auch, weil die Auferstehungsgeschichten wichtiger Teil der missionarischen Arbeit geworden waren.

Gut möglich ist aber auch, dass sich die Geschehnisse zur Zeit der Entstehung des Evangeliums nach Markus hier widerspiegeln. Um 70 nach Christus endete ein mehrjähriger jüdischer Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht mit einer verheerenden Niederlage und der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Das Land war verwüstet. Das Zentrum der Religion vernichtet. In Folge entstanden das moderne Judentum und das Christentum, welche religionsgeschichtlich Kinder der Religion des biblischen Volkes Israel sind, in dessen Zentrum über Jahrhunderte hinweg der Tempel in Jerusalem stand.

In solch einer Situation ist dem Evangelisten Markus vielleicht erst einmal nur das Schweigen möglich – zumindest in niedergeschriebener Form. Die Botschaft „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden“ konnte vielleicht, wenn überhaupt, mündlich, als Trost- und Hoffnungswort einander zugesagt werden, brauchte Sprecher und Sprecherinnen, denen man das innere Ringen, das Glauben allen zum Trotz abspüren konnte.

Erst mit dem Lauf der Jahre, mit der erlebten Erfahrung des Trostes durch den Glauben an Jesus Christus, konnte es auch wieder schriftlich formuliert werden. Und auf diese Weise Ausdruck des Glaubens werden, dass – so bitter und schwer die Zeiten auch sein mögen – Gott es richten wird, uns trösten wird, Zuversicht schenkt und am Ende alles gut macht.

Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.

Martin Keßler