Siehe, es kommt die Zeit

Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit. (Jeremia 23,6)

Mit dem Advent beginnt auch ein Aufatmen. Ein neues Kirchenjahr liegt vor uns – hinter uns liegen Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Wir haben unserer Schuld gedacht und die Verstorbenen Gott anbefohlen. Wir haben uns das eigene Sterben bewusst gemacht. Jetzt können wir aufatmen. Auch beim Singen. Die Melodien werden beschwingter, sogar tänzerischer. Selbst die biblischen Texte atmen durch und schauen in die Ferne. Siehe, sagt der Prophet Jeremia, es kommt die Zeit…

Jeremia führt uns in eine Zeit vor zweitausendsechshundert Jahren, weit zurück in das Alte Testament. Das Königreich Juda befindet sich kurz vor seinem Untergang. Und der Prophet meldet sich zu Wort. Weiterlesen

Gott hat es getan!

Wenn ich von meiner Schwester nach Hause laufe, komme ich an diesem Büdchen vorbei, wo eigentlich immer welche stehen, die es sich bei einer Flasche Bier und Zigaretten gut gehen lassen. Normalerweise kann ich nicht verstehen, was sie miteinander reden, dieses Mal aber hörte ich im Vorübergehen, wie der eine Mann, der dort stand, dem anderen sagte: Die Menschen bringen sich alle gegenseitig um! Eine steile These, dachte ich spontan, und dann musste ich lächeln, weil mir einfiel, dass schon meine Großmutter mir versichert hatte: Die Menschheit bringt sich selber um. Weiterlesen

Sehnsuchtsorte

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. (Offenbarung 21,2)

Wenn nach diesem großen Sommer jetzt bald die dunklen Tage des Novembers kommen, denken wir darüber nach, wie wir wieder Sonne tanken können, wohin uns der nächste Urlaub führt, wie wir der Dunkelheit entkommen. Und die Sehnsucht wächst. Mancher denkt im November auch zurück an die traurigen Zeiten des Jahres, an einen Todesfall in der Familie, an den Verstorbenen; geht ans Grab oder zum Trauergottesdienst am Ewigkeitssonntag und fragt sich, wie es jetzt weitergeht. Die Sehnsucht nach Leben wächst neu. Weiterlesen

Momente der Ewigkeit

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch das Werk, das Gott tut, nicht ergründen kann, weder Anfang noch Ende. (Prediger 3,11)

Ist die Welt gut oder ist sie schlecht? Was denken Sie? Ist sie wunderbar gemacht oder eine Quelle von Elend, Gewalt und Zerstörung? Ich glaube, auf diese alte Menschheitsfrage finden wir keine objektive Antwort. Sie hängt wohl immer davon ab, was gerade los ist in unserem Leben: Ob ich unter dem Eindruck der Geburt eines Kindes stehe, die Schönheit der Natur bestaune, vielleicht auf einem Berg stehe und die Weite schaue oder auch unsere Ruhr.

Oder ob in meinem Leben gerade etwas zerbrochen ist oder ich am Bett eines gequälten, sterbenden Menschen stehe oder in einer jämmerlichen Flüchtlingsunterkunft in unserer Stadt. Es hängt vielleicht auch davon ab, ob ich selber Kraft und Schönheit in mir spüre oder ob ich gerade mit einer schweren Krankheit oder körperlichem Verfall konfrontiert bin. Weiterlesen

Frei-Räume

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. (Psalm 31,9)

Der Sommer ist Festivalzeit. Ein Festival liegt schon länger zurück und dennoch beschäftigt es mich innerlich immer noch: Am letzten April-Wochenende hat das 3. KURZStummFilmFestival auf Zeche Carl stattgefunden. Das Festival ist aus der Arbeit mit gehörlosen bzw. hörgeschädigten Jugendlichen entstanden.

Die Stadt Essen ist nämlich eines der größten Bildungszentren für Hören und Kommunikation im gesamten Bundesgebiet. Obwohl das vielen nicht bewusst ist, gibt es hier bei uns in Essen ein herausragendes Angebot in der Aus- und Weiterbildung gehörloser und schwerhöriger Schülerinnen und Schüler. Im Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg für Hörgeschädigte in Frohnhausen streben etwa 900 Jugendliche und junge Erwachsene ihren Schul- oder Ausbildungsabschluss an. Mehr als ein Drittel dieser Schülerinnen und Schüler leben während dieser Zeit in den beiden Internaten des Diakoniewerks Essen für hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler, in der Curtiusstraße oder im Internatsbereich des Fritz-von-Waldthausen-Zentrums. Weiterlesen

In der Ruhe liegt die Kraft

Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. (Genesis 2,3)

Es ist deutlich ruhiger geworden, seitdem die Ferien begonnen haben. Weniger Verkehr auf der Straße, in Bus und Bahn deutlich weniger Gedränge, keine langen Schlangen an den Kassen. Auch im Haus der der Evangelischen Kirche ist es stiller geworden. Viele sind im Urlaub. Das merkt man. Tagelang keine Veranstaltung auf der Anzeigetafel. Im Kalender nur wenige Termine; gestern hat das Telefon den ganzen Vormittag nur zweimal geklingelt und auch das E-Mail-Postfach ist so gut wie leer.

Das Leben verläuft zurzeit in einem reduzierten Tempo – auch für die, die noch arbeiten dürfen. Herrlich! Seitdem mein berufliches Leben mit der Schule verbunden ist, empfinde ich die sechseinhalb Wochen der Sommerferien als die schönste Zeit im Jahr. Und ich empfinde es geradezu körperlich, wie mir die Ruhe dieser Wochen gut tut – die Verlangsamung, die Momente der Leere und die gelegentliche Langeweile. Was viele heute nicht mehr wissen: Ruhen, zur Ruhe zu kommen ist keine Faulheit, sondern eine große Tugend – und sie wurde vom Schöpfer der Welt selbst angeordnet. Weiterlesen

Gottes Telefonnummer

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! (Philipper 4,6)

Was tun Sie, wenn Ihnen die Sorgen den Schlaf rauben? Manchmal hilft schon ein guter Milchkaffee, eine kleine Ruhepause im hektischen Trubel, damit man sich wieder fokussieren kann. Das Gedankenkarussell unterbrechen, tief durchatmen, neu denken. Oder Yoga. Oder eine Folge der Lieblingsserie. Ein Telefonat mit der besten Freundin. Was auch immer Ihr Rezept ist, es ist gut, zu wissen, was die Seele streichelt, wenn das Leben mal wieder ein paar Haken schlägt. Gerade, wenn es ein heftiger linker Haken ist. Die Bibel gibt uns auch ein „Rezept“ zum Seele Streicheln: Beten. Klingt simpel, ist es im Grunde auch, aber wer es ausprobiert hat, weiß, wie wohltuend es ist. Weiterlesen

Seid gastfeundlich!

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

Es ist spät. Die Gläser und Teller leer und meine Gäste haben sich gerade lange und fröhlich an der Tür verabschiedet. Jetzt wird aufgeräumt. Während ich mich sonst das ein oder andere Mal dazu aufraffen muss, fällt es mir an solchen Abenden leicht. In Kopf und Herz lasse ich beim Abräumen des Tisches den ganzen Abend nochmal Revue passieren. Die Geschichten der letzten Stunden klingen in mir nach. Das, was mich inspiriert hat. Was mich überrascht hat. Das, worüber ich lachen musste. Ich sortiere die Küche. Gleichzeitig wird dabei dieser schöne Abend auch in mein Leben einsortiert und ein Teil von mir. Es ist ein besonderer Moment, wenn mir beim Aufräumen klar wird, was ich Schönes geschenkt bekommen habe, indem ich meinen Tisch mit anderen geteilt habe. Weiterlesen

Zweite Meinung

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. (Jeremia 23,16)

Vor einiger Zeit ist mir ein – wie ich finde – wunderschöner Cartoon von Marunde ins Auge gefallen. Im Predigtforum bei facebook war er zu finden. Einer der Kollegen hatte ihn dort eingestellt. Zu sehen ist: Der Blick in eine gut gefüllte Kirche – aus dem Altarraum heraus mit Sicht auf die Kanzel, die Gottesdienstbesucher und die Orgel. Eine schöne Kirche übrigens. Gezeichnet mit viel Liebe zum Detail. Oben auf der Kanzel ein älterer evangelischer Pfarrer, er ist schwarz gewandet. Im Mittelgang der Kirche ein Ehepaar, das im Gehen begriffen ist. Der Pfarrer unterbricht seine Predigt, lehnt sich etwas vor auf der erhöhten Kanzel, blickt das Ehepaar an und fragt: Darf ich fragen, warum Sie den Gottesdienst mitten in der Predigt verlassen? Weiterlesen

Gottes Liebe ist gesellig (nach Kurt Marti)

Dieser Text soll an den Schweizer Pfarrer und Theopoeten Kurt Marti erinnern, der 2017 im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Bern verstorben ist. Die gesellige, eheliche Liebe mit seiner geliebten Frau Hanni war schon zehn Jahre zuvor beendet, als sie 2007 verstarb. Im Altenheim fehlte sie ihm sehr. Aber er flüchtete sich nicht in Gottes gesellige Liebe: „Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.“ Aber sie tröstete den Vater von vier Kindern außerordentlich.

Politisch dachte und handelte Marti immer links bis linksliberal. Er wetterte gegen den Vietnamkrieg, agierte gegen Atomwaffen und Atomenergie, warnte vor der Zerstörung seiner geliebten Alpen und prangerte das Elend in den Entwicklungsländern an. So galt er dem konservativen Umfeld fast als Kommunist oder zumindest als christlicher Marxist. Also verwehrte man ihm einen theologischen Lehrstuhl für Predigtlehre an seiner Heimatuniversität Bern. Weiterlesen