Alltag bei Luthers

ERZÄHLER: Denken wir uns zurück. Wir befinden uns im Frühjahr 1525 in Wittenberg. Vor gut siebeneinhalb Jahren hat Martin Luther die Thesen an die Schlosskirche angeschlagen. Was davor geschehen ist und was danach geschah, davon wollen wir heute aus berufenem Munde hören. Denn sie besuchen uns heute. Begrüßen Sie herzlich mit mir: Katharina von Bora und Martin Luther.

KATHARINA [kommt vor und ruft]: Martin, Martin!

MARTIN: Katharina, warum ruft Sie mich schon wieder herbei, ich muss an die Arbeit. Am kommenden Sonntag ist der Gottesdienst zu halten – und ich bin mit meiner Predigt noch nicht so weit. Der Text von Paulus: Das Weib sei untertan dem Manne, aus dem Epheserbrief, macht mir zu schaffen.

KATHARINA: Darum geht es gerade, Martin. Er wolle mich heiraten, hat Er gesagt. Aber ich sehe doch die Leute und höre sie reden, wie sie sich den Mund darüber zerreißen und sagen: Seht nur, die Nonne und der Mönch. Das ist wider Gottes Gebot – das ist Sünde. Wie sollen wir es nun halten, was sagt Ihm sein Glaube? Weiterlesen

Bergpredigt 2.0

Aufgewachsen in einem Elternhaus, das auch in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts seine braune Verstrickung nicht wirklich überwunden hatte, kämpfte ich mich in meiner Pubertät mit Hilfe meiner Lehrer zu differenziertem und tolerantem Denken durch. Und kämpfte (oft vergeblich und mit Blessuren) an gegen die schamhaft verleugnende Intoleranz meiner Verwandten, mit der sie sich als rechtschaffene Bürger inszenierten.

Als Frau der Kirche fiel es mir später leicht, tolerant zu sein – war es doch ganz der Mainstream, zu dem ich nun gehörte. Weiterlesen

Der Glaube an Gott braucht Gespräch, Begegnung und Erproben

Erbarmt euch derer, die zweifeln. (Judas 22)

Dieser Vers ist dem Judasbrief entnommen, der wahrscheinlich im 2. Jahrhundert nach Christus in einer christlichen Gemeinde im Nahen Osten verfasst worden ist. Er ist eine Kampfschrift gegen Irrlehrer, die in der jungen Gemeinde oder in ihrem Umfeld auftauchten. Es gibt viele Vermutungen, um welche Irrlehrer oder besser welche andere Richtung des jungen Christentums oder verwandte religiöse Strömungen es sich gehandelt haben kann. In der theologischen Literatur halten sich die wildesten Spekulationen.
Wer den kurzen Brief im Neuen Testament liest, merkt schnell: Er ist selbst in seinem Ton beleidigend und in seinen Argumenten nicht sonderlich innovativ.
Aber seine Ausgangslage bleibt aktuell. Wie gehe ich mit Andersdenkenden um, mit Menschen, die um Antworten auf ähnliche Fragen ringen? Weiterlesen