Lieber Hermann,
es ist jetzt schon fast 35 Jahre her, dass ich Dir begegnet bin, und du bist schon vor 20 Jahren gestorben. Wir haben uns Briefe geschickt, jetzt kommt noch ein verspäteter dazu. Dass ich Dich „Freund“ nenne, erschreckt mich fast. Es gab etwas unüberwindbar Fremdes, Anderes in Dir, an dem ich nur von außen teilnehmen konnte. Du warst Auschwitzhäftling.
Es war kaum auszuhalten, was Du mir alles erzählt hast, als wir während der langen Busfahrt nach Auschwitz unterwegs waren. Ich hatte Dir, dem Menschen aus dem politischen Widerstand in Österreich, erzählt, dass ich als junger Student in Wien einen ganzen Tag mit Übelkeit zu kämpfen hatte, als ich zum ersten Mal in der Universitätsbibliothek von den Gräueln in Auschwitz gelesen hatte, zu einer Zeit, als in Deutschland noch ein großes Schweigen herrschte. Ich habe danach viel zu Auschwitz gelesen. Weiterlesen
