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Wunderbar tröstlich

Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Römer 6,8)

Vor einiger Zeit erreichte mich ein Ultraschallbild über WhatsApp. Erkannt habe ich darauf mal überhaupt nichts. Drunter stand, mit einem lachenden Smiley, nur der schlichte Satz: Es kommt Arbeit auf Dich zu! Ich musste lächeln, weil das bisher die kürzeste Anfrage für eine Taufe war, die ich bekommen habe. Selbst mein Stiefsohn, der nicht einer der Redseligsten ist, hat mehr Worte gebraucht um mich zu fragen, ob ich meinen Enkel taufen würde.

Außerdem dachte ich, wieder mit einem Lächeln: So ist das also, wer traut, der tauft. In diesem Jahr scheint das Taufen mein Thema zu sein. Die, die mich regelmäßig predigen hören oder meine Predigten lesen, die wissen: das war nicht die erste Taufanfrage in diesem Jahr. Ich durfte gerade erst in Tirol taufen. Außerdem habe ich in diesem Predigtjahr schon häufiger über die Taufe gesprochen, weil die vorgeschlagenen Predigttexte danach waren.

Insofern habe ich auch durchaus schon einmal gesagt, dass Gott in der Taufe Ja zu uns Menschen sagt, dass aber auch wir Ja zu Gott sagen. Eltern, die ihre Kinder taufen lassen, möchten sie unter den Schutz Gottes stellen, möchten, dass ihre Kinder einen Weg zu Gott finden, aber auch in die große Familie der Christinnen und Christen weltweit gehören.

Wer getauft wird, der wird dreimal mit Wasser übergossen, wenn er nicht gerade wirklich ins Wasser steigt, wie bei den orthodoxen Christen oder bei besonderen Taufaktionen, bei denen die Täuflinge in der Ruhr untertauchen oder in einem See oder dem Meer. Wasser spielt eine Rolle, weil gezeigt wird, dass alles Vergangene, alle Schuld abgewaschen wird, man nach der Taufe ein neuer Mensch ist und darüber hinaus auch mit Gottes Geist beschenkt wird.

Wer also regelmäßig in meinen Gottesdiensten war oder meine Predigten im Internet mitliest, der weiß das alles schon. Aber wenn es auch in diesem Text erneut um die Taufe geht, so ist der Akzent heute doch ein anderer.

Zur Taufe kann man jedenfalls nie genug sagen. Das denkt auch Paulus. Er ist es, der unseren heutigen Predigttext verfasst hat. Wir finden ihn im Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.

Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Römer 6, 3-8)

Ja, vieles von dem, was ich schon gesagt habe, klingt hier bei Paulus wieder erneut an. Das der alte Mensch stirbt, wenn wir getauft werden, das ist das mit dem Abwaschen der Schuld, dass wir halt wirklich ganz neu anfangen dürfen bei Gott. Und doch ist hier deutlich mehr vom Tod und Sterben zu lesen, als wir das bisher hatten, und wir hören auch deutlich von der Auferstehung. Und das ist ein Aspekt, der mir tatsächlich gerade in den letzten Wochen richtig wichtig geworden ist. Ich erkläre es.

Szenenwechsel: Neulich hatte ich eine Trauerfeier mitzuverantworten. Ein junger Arzt, den ich schon lange kannte, war gestorben. Obwohl die meisten von uns wussten, dass er schwer krank war, weil er ganz offen mit seiner Tumorerkrankung umgegangen ist, ging es plötzlich unerwartet schnell mit seinem Sterben. Ich war tief betroffen. Bei der Trauerfeier waren auch seine Kinder anwesend. Sehr klein noch, ganz jung. Viele Kollegen waren da, Menschen, die ihn begleitet hatten, seine Eltern.

Im Anschluss an die Trauerfeier haben wir alle uns noch zusammengesetzt, gemeinsam etwas gegessen und getrunken. Neben mir saßen ein Naturwissenschaftler und mehrere Ärzte. Wir kamen auf den Glauben zu sprechen, der Naturwissenschaftler sagte sofort, dass er nicht glaubt und warf meinem katholischen Kollegen, der die Ansprache gehalten hatte und mir, die ich für die Liturgie zuständig war, vor, dass wir ja immer gleich alles mit Gott erklärten und dadurch trösteten – oder hatte er vertrösten gesagt?

Ich war ganz erschrocken. Habe mich zu meinem Kollegen gedreht und ihn gefragt: Ja? Haben wir erklärt? Haben wir doch gar nicht! Nein, hatten wir wirklich nicht. Beide hatten wir uns zurückgehalten. Beide hatten wir nicht nach Erklärungen gesucht, wollten wir nicht gleich alle Fragen nach dem Warum, wollten wir nicht gleich allen Schmerz ersticken. Aber trösten, trösten hatten wir schon wollen. Ich jedenfalls.

Ich wollte, dass der Schrecken und das Unverständnis über den frühen Tod einen Platz fanden, aber ich wollte auch trösten, ich wollte etwas vermitteln, woran wir alle uns festhalten konnten, auch ich. Und auch mein Kollege sehnte sich nach so etwas. Wir hatten viel im Vorfeld miteinander telefoniert. Und erst jetzt, als ich unseren Predigttext las, ist mir der wirklich allertröstlichste Satz aus der Liturgie in mein Herz, in meine Seele gesprungen.

Zunächst sage ich bei allen Trauerfeiern, warum wir zusammen sind. Also: Wir sind zusammengekommen, um mit diesem Gottesdienst Abschied zu nehmen. Und dann kommt es: Wir tun dies im Vertrauen darauf, dass alle unsere Wege in Gottes Liebe enden. Und wir tun es in der Hoffnung, dass nicht der Tod dem oder der Verstorbenen sein Siegel aufgedrückt hat, sondern Christus, mit dessen Namen dieser Mensch seit seiner Taufe verbunden ist.

Diese Formulierung nutze ich erst seit einiger Zeit. Ich habe sie in einem Buch gefunden mit Texten für Bestattungen. Ich habe sie gewählt, weil sie mich angesprochen und beim ersten Lesen wohl auch getröstet hat. Und das ist mir jetzt noch einmal ganz bewusstgeworden. Ich habe mit einem Mal begriffen, dass meine Auferstehungshoffnung, mit der und aus der ich lebe, schon in der Taufe begründet ist, mir auf meinen Weg mitgegeben wird, mit mir als getauftem Menschen zusammengehört.

Diese Hoffnung auf ein ganz neues Leben nach unserem Tod, diese Hoffnung tröstet – mich jedenfalls. Diese Hoffnung lässt mich weiterleben, lässt mich nicht verzweifeln, sondern durchhalten, lässt mich Abschiede aushalten, nimmt mir viel von meiner Angst und ist mit mir durch meine Taufe verbunden. Und davon spricht Paulus hier in unserem Predigttext.

In der Taufe stirbt der alte Mensch, wird die Herrschaft der Sünde über mich gebrochen, bekomme ich ein neues Leben von Gott geschenkt. Und weil ich auf diese Weise in Jesu Tod mit hineingezogen werde – er starb für meine Schuld am Kreuz, die Sünde hat keine Macht mehr über mich, und: Jesus ist auferstanden von den Toten, das ist allen Christinnen und Christen versprochen – deshalb werden auch wir mit ihm leben, auferstehen und ewig leben.

Hohe Theologie, die gar nicht so leicht zu verstehen ist, vielleicht auch mit dem Verstand gar nicht richtig erfasst werden kann, die man aber glaubend annehmen kann und die dann tröstet, nicht nur, wenn man Abschiede nehmen muss oder an den eigenen Tod denkt, sondern die einen auch unverzagter in die Zukunft schauen lassen kann, weil die Taufe eben auch dafür steht: ewiges Leben. Wunderbar. Wunderbar tröstlich. Wunderbar hoffnungsvoll. Mehr ist gerade nicht zu sagen. Amen.

Friederike Seeliger

Ein Gedanke zu „Wunderbar tröstlich

  1. Ich freue mich mit dem Apostel über Ihren Text und danke Ihnen sehr. Dr.Eckhard Schendel, Essen Heisingen.

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