Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. (Markus 14,3)
„Soll ich? Oder soll ich nicht?“ Ich stelle mir vor, dass sie da draußen vor dem Haus des leprakranken Simon steht, bei dem Jesus mit seinen Jüngern gerade zu Gast ist. Und sich jetzt entscheiden muss, ob sie wirklich hineingeht oder nicht. Wenn sie zögert, dann nicht, weil sie Zweifel wegen der Gesundheit des Hausherrn hat. Sondern weil sie eine Frau ist, die da nicht hingehört. In diese Männerrunde.
Wer kennt solche Momente nicht, in denen eine innere Stimme uns sehr klar sagt, was für uns jetzt gut wäre, was jetzt einfach dran ist. Und dann melden sich plötzlich all die anderen Stimmen, die mit an unserem inneren Konferenztisch sitzen und sehr laut und fordernd werden können: „Es ist unvernünftig!“ – „Es ist lächerlich!“ – „Es gehört sich nicht…“ – „Du machst dich unmöglich!“
Und wir Frauen, jedenfalls viele von uns, sind immer noch mehr gefährdet, uns von solchen Stimmen reinreden zu lassen. Und von dem abbringen zu lassen, was wir doch eben noch so sicher wussten: „Egal, wie ihr es nennt – es ist, was es ist, sagt die Liebe.“ Oder wie hier im Ruhrgebiet einfach: „Wat mutt, dat mutt.“
Unsere unbekannte Frau beschließt jedenfalls: Ich tu’s trotzdem! Denn sie weiß auch: Jetzt oder nie! Vielleicht ist es die letzte Gelegenheit. Denn Jesus hat mächtige Feinde. Und sie werden ihn finden.
Jetzt hat erstmal sie ihn gefunden – zum Glück. Zu ihrem und zu seinem Glück. Und zu unserem, die wir diese Geschichte in unserer Bibel finden dürfen. Eine Geschichte, in der sehr viel von dem drinsteckt, was mir als Frau, als Christin und als Pfarrerin wichtig war und ist.
Sie geht also ins Haus, betritt den Raum, in dem die Männer das Gastmahl halten und zerbricht das Fläschchen mit Salböl, das sie mitgebracht hat. Und ehe noch jemand wirklich wahrnimmt, was sie da tut und sie womöglich hinausdrängen kann, träufelt sie vorsichtig, ja zärtlich das kostbare Öl auf den Kopf Jesu.
Es ist vielleicht das Beste, bestimmt das Teuerste, was sie hat. Kostbares Öl – weil er, Jesus, ihr kostbar ist. Etwas anderes wäre gar nicht angemessen. Denn was sie eigentlich gibt in diesem Moment ist ihre ganze Liebe. Ihr Herz. Ihr Vertrauen auch. Und das Allerbeste, was sie hat: sich selbst.
Sie berührt ihn, weil er sie im Innersten berührt hat. Und zeigt damit, dass sie Jesus verstanden hat. Seine Botschaft der Liebe und Hingabe. Die tiefe Wahrheit, die er verkörpert: Dass Zuwendung heilt, nicht Zurechtweisung. Dass Güte und Barmherzigkeit aufrichten und nicht Berechnung und Verurteilung.
Und noch etwas geschieht in dem, was sie da tut. Die Männer um sie herum können es ohne Weiteres deuten. Diese Frau tut, was in Israel sonst nur Propheten und Prophetinnen tun: Sie salbt Jesus zum König. Ein Zeichen, das alle verstehen. Sie spricht ihm die Königswürde zu. Ein Bekenntnis ist das. Und zugleich ein wahrhaft souveräner Akt.
Oder doch vor allem eine ungeheure Anmaßung? Es muss die Anwesenden erschüttert haben. Was fällt ihr ein? Vielleicht ist auch Eifersucht im Spiel. Was nimmt diese Frau sich heraus! Ist sie etwa eine Prophetin? Wir sind doch seine Jünger, uns hätte es zugestanden, uns hätte das einfallen sollen… wenn überhaupt.
Ja, überhaupt – denn das Ganze ist doch eine immense sinnlose Verschwendung! Blitzschnell hat jemand den Marktwert des Nardenöls ausgerechnet. 300 Silberstücke. Falls man es mit heutiger Währung vergleichen würde, wäre es das Jahresgehalt eines Lohnarbeiters oder Handwerkers.
Das Öl ist so teuer, weil ihm Heilkraft zugesprochen wird und es mühsam aus einer besonderen, seltenen Wurzel gewonnen werden muss.
Und welch ein Gegensatz: Die Frau, die eben noch behutsam und vorsichtig ihr Öl über Jesus geträufelt hatte, wird nun selbst überschüttet – mit Vorwürfen! Die Jünger Jesu führen ein Totschlagargument gegen ihren Liebesdienst ins Feld: Wieviel Armen hätte man damit Gutes tun können!
Damit haben sie ja sogar recht. Und haben eben doch nicht recht. Denn hier und jetzt geht es um etwas anderes. Um das, was Jesus verkörpert und lebt. Das geehrt und gepflegt zu werden verdient. Das sich ausbreiten soll in dieser Welt, so wie der Duft des ätherischen Nardenöls jetzt den Raum erfüllt. Und es geht darum, dass nicht alles zu jeder Zeit gleich gültig ist. Dass es ein „zu spät“ geben kann, das Entscheidende zu tun.
Ich habe einmal vor vielen Jahren mitten im Ersten Theologischen Examen einen Menschen, der mir sehr wichtig war, sehr verletzt. Er verreiste dann mit einer Gruppe nach Italien und war für mich nicht mehr erreichbar. Handys gab es noch nicht. Aber ich wusste, dass für einige Tage Assisi der Aufenthaltsort der Gruppe war. Mehr wusste ich nicht. Nur das eine: ich will ihn nicht verlieren.
Am nächsten Tag würden die Themen für die Examenshausarbeiten eintreffen. Und dann blieben knappe acht Wochen Zeit für die Ausarbeitung. Konnte ich es unter diesen Umständen wagen, nach Italien aufzubrechen, um ihn zu suchen – ohne genaue Adresse, ohne Garantie, ihn dort zu finden?
Wie lange würde mein schmales Studentinnen-Budget reichen, um mich dort über Wasser zu halten? Andererseits: Hätte ich mich auf das Examen konzentrieren können mit der Angst im Nacken, dass es zu spät wäre, wenn ich warte, bis er zurück ist?
Nach allen Regeln der Vernunft war es Wahnsinn – aber ich wusste, es braucht jetzt dieses Zeichen. Und habe es trotzdem getan. Mir ein Nachtzugticket nach Italien gebucht und in Assisi herumgefragt, bis ich ihn gefunden – wiedergefunden hatte. Und Gott sei Dank nie wieder verloren habe.
Die Jünger aber dort im Hause Simons des Aussätzigen sehen empört, was die Frau tut. Aber sie sehen nicht das, was wirklich zählt: Das Geschenk dieser Frau, ihr Vertrauen zu Jesus, ihre Dankbarkeit, ihre Liebe und was alles sonst noch in ihrem Handeln mitschwingt.
Aber Jesus versteht es. Er stellt sich auf die Seite dieser Frau und verteidigt sie mit aller Klarheit. Was sie getan hat, nennt er schlicht gut. Und zugleich schön. Das griechische Wort an dieser Stelle, „kalos“, bedeutet beides – gut und schön. Und hat nicht das wahrhaft Gute immer auch eine besondere Schönheit?
Manche halten es trotzdem schwer aus, wenn dieses Gute wie in unserer Geschichte alle Konventionen sprengt. In der Kirchengeschichte wird man später versuchen, das Außerordentliche des Geschehens abzuschwächen und den Skandal, dass eine Frau hier derart bedeutungsvoll und gut und schön handelt, zu relativieren und mit einem Geschmäckle zu versehen. Da ist sie plötzlich eine Prostituierte – na klar, die hat womöglich Hintergedanken und sowieso keine Hemmungen.
Und in der Version der Geschichte, die der Evangelist Johannes erzählt, träufelt sie das Öl auch nicht auf den Kopf Jesu, sondern auf seine Füße. Sie tut also, was Frauen von jeher tun: Fürsorglich pflegen. Auch das ist gut. Aber es ist etwas anderes als das, was in der Geschichte, die Markus erzählt, in unserem Predigttext, aufleuchtet. Immerhin nimmt die Frau damit vorweg, was Jesus später in der Fußwaschung an seinen Jüngern tun wird.
So oder so – diese Frau hat nicht nur verstanden, was Jesus wollte. Sie hat auch verstanden, was jetzt auf ihn zukommt. Was seine Jünger am liebsten verdrängen wollen. Sie blickt den Tatsachen ins Gesicht. Er wird sterben, er wird seinen aufrechten Gang mit dem Leben bezahlen. Seine unnachgiebige Liebe zu denen, die sonst wenig abbekommen vom guten Leben, seine fehlenden Berührungsängste mit denen, die sonst gemieden und ausgegrenzt werden – diese Haltung stört die herrschende Ordnung.
Die Frau weiß – sie wird seinen Tod nicht verhindern können. Aber was sie jetzt noch tun kann, das wenigstens tut sie. Tut sie trotzdem: Nimmt mit ihrer Salbung Jesu die letzte liebevolle Berührung, die ein Mensch auf dieser Erde verdient, die Salbung seines Leichnams, vorweg. „Sie hat mich zum Begräbnis gesalbt“, sagt Jesus dankbar und im wahrsten Sinne des Wortes berührt.
Und vielleicht hat es diese Frau auch getröstet, was sie getan hat. So wie es meine Schwester und mich getröstet hat, dass wir unsere Mutter nach ihrem Tod waschen und salben durften.
Liebe Gemeinde, vielleicht ist deutlich geworden, warum diese Geschichte mir als Frau, als Christin und eben auch als Pfarrerin immer besonders wichtig war. Wie gerne ich gerade heute noch einmal versucht habe, sie auszulegen – dankbar dafür, dass gerade dieser Predigttext für heute vorgeschlagen ist.
Ich gehe jetzt aus dem aktiven Pfarrdienst heraus – die Kirche der Zukunft werden andere gestalten und prägen. Und das ist gut so.
Aber den Wunsch erlaube ich mir, dass möglichst viel vom Geist, der diese Frau beseelt hat, in unserer Kirche, in Gemeinden und Werken und Diensten Raum bekommt und sich ausbreiten kann wie der Duft des Öls im Hause Simons des Aussätzigen. Dass dieser Geist leibhaftig spürbar wird und Menschen berührt.
Und dass wir jederzeit damit rechnen, dass diesen Geist womöglich gerade die mitbringen, von denen wir es am wenigsten erwarten: Die, die ganz anders sind als wir oder uns sogar fremd vorkommen. Die unbequem sind und gängige Konventionen in Frage stellen. Und sowieso allen Arten von angemaßter Autorität immer nur so viel Respekt entgegenbringen, wie sie verdienen. Und die, die wie unsere unbekannte Prophetin auch mal Grenzen überschreiten – nicht skrupellos, aber mutig und beherzt.
Und der Gott des Friedens, der größer ist und weiter reicht als unsere Vernunft, erhalte uns im Glauben, mache unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe. Amen.
Annegret Helmer
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Diese Predigt über Markus 14,1-9 – eine Frau aus Betanien salbt Jesus mit Öl – hielt Pfarrerin Annegret Helmer anlässlich ihrer Entpflichtung und Verabschiedung am 29. März in der Königssteeler Friedenskirche.