Dieser Beitrag wurde 219 mal aufgerufen

Viele Wahrheiten – ein Gott | In Zeiten von Corona #18

Wohl dem Volk, das jauchzen kann! Herr, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln. (Psalm 89,16) – Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5,8-9) | Herrnhuter Tageslosung für den 3. April 2020

Wo es Kinder des Lichts gibt, muss es auch Kinder der Finsternis geben? Die Kirchengeschichte zeigt, dass man diese Konsequenz nur allzu oft mit logischer Folgerichtigkeit und mit grausamen Folgen gezogen hat. Die ersten Opfer solcher Auslegung unserer Tageslosung waren die Jüd*innen; welche Blutspur das nach sich zog, ist bekannt. Später wurden unzählige Männer und Frauen von den unterschiedlichsten Inquisitoren gefoltert und gequält, damit ihr dunkles Wesen ans Licht gezerrt würde.

Bis heute gibt es in Afrika christliche Gruppen, die brutale Exorzismen vornehmen, um angebliche Mächte der Finsternis aus psychisch kranken Menschen auszutreiben. Es gab Zwangstaufen mit der Zerstörung ganzer Kulturen, um Kinder des Lichts in den eroberten Ländern der Imperialisten zu produzieren. Aber auch so mancher brave pietistische Hausvater verbot die Hochzeit seiner Tochter mit einem katholischen Mann, hatte man doch gehört, welch finstere Machenschaften den Glauben der Papisten ausmachen.

Dabei hätten die Christ*innen es anders wissen können. Vom Licht des göttlichen Antlitzes wird überall in der Bibel berichtet, es sei für Menschen absolut unerträglich. Es wird von keinem Menschen erzählt, der je freiwillig den Kontakt zur Quelle der Wahrheit allen Lebens gesucht hat. Allen wurde die Begegnung aufgezwungen, und sie überlebten es nur mit abgewendetem Körper, auf den Boden geworfen, mit tagelang erblindeten Augen und verblendetem Verstand. Wie nur konnte man auf die Idee kommen, dass eine Gruppe von Sterblichen die Fülle dieses Gottes zu fassen bekäme? Wie konnte die Kirche sich im Besitz einer allein selig machenden Wahrheit wähnen? Wie sich anmaßen, das Recht zu haben oder gar die Pflicht, die Wahrheit anderer zu negieren?

Wirklichkeitsbeschreibungen aus der Monoperspektive haben auch außerhalb der Kirche viel Unheil gebracht. Im Licht der Aufklärung beschrieb Descartes das Menschsein als die Fähigkeit, zu denken. Damit verlor der Mensch seinen Leib als unaufhebbaren Teil seines Menschseins. Von hier aus führt eine direkte Linie zur modernen Apparatemedizin und manch anderen inhumanen Zuständen im heutigen Gesundheitswesen. Über die absolutistischen Monarchien und das durch Napoleons Feldzüge geeinte Europa führt die politische Linie zu Nationalismus und totalitärem Denken bis direkt hinein in den totalen Krieg.

Und dort, wo mit der Evolutionstheorie allein, die Entstehung der Welt erklärt wurde, zeichneten sich schnell menschenverachtende Tendenzen ab. So verbreitet der französische Molekularbiologe und Nobelpreisträger Jaques Monod einen modernen Sozialdarwinismus, indem er vor dem drohenden Verfall der modernen Gesellschaft warnt, weil „viele dieser erblich Schwachen lange genug (leben), um sich vermehren zu können“ (zitiert nach Jaques Monod: Philosophische Fragen der modernen Biologie, 1985).

Immer da, wo Menschen beanspruchen, das eine Wahre erkannt und das Ganze durchschaut zu haben, ist dies strukturell auf die Vernichtung des Anderen und des Fremden angelegt. Es kann nur Einen geben, wusste schon der Highlander. Auch diese Filmfigur ist angelegt darauf, den Kampf bis auf den letzten Mann auszutragen.

Es war das ausgerechnet das Licht, das die Fantasie der Menschen, man könne die Wahrheit als eine erfassen, als falsch entlarvte. Denn das Licht selbst hat einen Doppelcharakter. Es ist Wellen und Teilchen zugleich, wobei es sich eigentlich ausschließt, dass diese beiden Eigenschaften zu einem einzigen Objekt gehören könnten. Es dauerte über zwei Jahrhunderte, bis die Physiker erkannten: das Problem liegt nicht im Objekt, sondern im Menschen, der versucht, es zu erkennen. Heute wissen wir, dass eine Versuchsanordnung Einfluss auf das Ergebnis nimmt: die jeweilige Untersuchungsperspektive ermöglicht Erkenntnisse und verhindert gleichzeitig andere.

Wir wissen mittlerweile auch, dass es unser Gehirn ist, das unsere Welt konstruiert, und wir setzen die Frage „Wer bin ich?“ fort mit „Und wenn ja, wie viele?“. Unsere Gesellschaft ist demokratisch organisiert und das Recht auf bleibenden Widerspruch fest installiert. Statt „Entweder oder“ dürfen wir längst ein „Sowohl als auch“ leben, Patchwork- und Regenbogenfamilien, Trans*menschen und Cis*menschen geschwisterlich beieinander.

So ist es also an der Zeit, dass die Christenheit sich ihrer multiperspektivischen vielfältigen Gottesbezeugungen erinnert. Schon unsere Glaubensurkunde, die Bibel, ist eigentlich eine Bibliothek. Hier finden wir die Mitteilungen von unzähligen Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen, geographischen und sozialen Orten über eine Dauer von dreitausend Jahren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Lebenserfahrungen im Lichte Gottes deuteten. Welch ein Reichtum! Welch eine Fülle!

Wer kam nur auf die Idee, dass es gälte, dies zu verleugnen zugunsten der krampfhaften Vorstellung, die Bibel sei aus einem Guss geformt und womöglich in einem Stück vom Himmel gefallen! In der Bibel hätte man übrigens auch lesen können, dass es zwei Schöpfungsberichte gibt, die mit je unterschiedlicher Perspektive auf die Entfaltung der Schöpfung schauen, und es wäre so unmissverständlich klar gewesen, dass das Aussortieren des Stärksten niemals das ist, worauf das Leben zielt. Und: es gibt vier Evangelien mit je eigenen theologischen Akzenten, wohl weil ein einziger Blick auf Jesus die Weite und Größe seines Lebenswerkes nicht fassen kann.

Die postmodere Auflösung des Wahns, wir könnten mit unserem begrenzten Verstand die Fülle des Lebendigen begreifen, ist also ein Segen. Wie sehr haben sich Gläubige zum Beispiel abgemüht, in ihr rationales Weltbild die Erfahrung der wunderbaren rettenden Nähe Gottes einzubauen, und wieviel Not haben sie erlebt, wenn man ihnen immerzu widerlegen konnte, was sie behaupteten. Durch die Ablösung des statischen kausalen Weltbildes ist es nun möglich geworden, Wunder als für zwar unwahrscheinlich, aber für nicht unmöglich zu halten. Ob das meinem Vertrauen auf Gott weiterhilft, sei dahingestellt. Zumindest haben nur noch ganz einfache Gemüter das Recht zu spotten, wenn Menschen in den wesentlichen Erfahrungen ihres Lebens Spuren der Transzendenz auftun.

Das Ende der Eindeutigkeit ist gut. Dennoch ist Multiperspektivität nicht nur ein Gewinn. In ihr verbirgt sich auch die Gefahr der Beliebigkeit. Nicht jede mögliche Interpretation biblischer Texte ist erlaubt, was das Beispiel der Stigmatisierung von Jüd*innen durch den Satz des Johannes, sie seien Teufelskinder, beweist. Nicht jeder Anspruch auf unser Leben kann aus dem Zuspruch des Evangeliums abgeleitet werden, was die perverse Vorstellung der Deutschen Christen in der Zeit des Nationalsozialismus anzeigt, berufen zu sein zum Aufbau einer arischen Kirche.

Deshalb muss ich an dieser Stelle nun unbedingt auf der Einheit Gottes bestehen. Gott steht der unfassbar vielfältigen Welt als der Eine (oder die Eine) gegenüber. Er ist es, der Himmel und Erde, Natur und Geschichte zusammenhält, Licht und Finsternis sind seine Schöpfung, Zeit und Ewigkeit kommunizieren seine Wahrheit. Wenn wir nun gut auf die Geschichte seines eingeborenen Sohns hören, dann können wir entdecken, was das Einzige ist, um das es Gott geht: das Leben für seine ganze Schöpfung. Dann hören wir über Güte und Gerechtigkeit und ahnen, wie Gott sich unseren Lebenswandel vorstellt: einfach unterwegs zu sein mit dem Willen, das Leben zu fördern.

Das wird nie und schon gar nicht in allen Dimensionen gelingen, denn wir Menschen sind ja auch multiperspektivisch. Aber wenn unsere gute Absicht an den finsteren Anteilen unserer Seele scheitert, dann – hoffe ich – wird Gott der sein, der es am Ende gut macht. Nur Gott kann dem Chaos des Lebendigen wirklich gerecht werden – und genau das hat er getan, als er die bunte Welt in ihrer riesigen Vielfalt und absoluten Unergründlichkeit schuf. Im Glauben leuchtet uns das ein. Und darum können wir uns geborgen fühlen auch in einer Welt, in der alles wackelt.

Das ist auch der heutige Bezug auf die Zeiten von Corona. Denn fürwahr, unsere Welt wackelt ganz gewaltig zur Zeit.

Bleiben Sie behütet.

Anke Augustin