Heute feiern wir den 77. Geburtstag unseres Grundgesetzes. 77 Jahre Freiheit. 77 Jahre Menschenwürde. 77 Jahre Demokratie in Deutschland. Ich spreche heute zu Ihnen als Superintendentin der Evangelischen Kirche in Essen und als Sprecherin der Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt.
Wer sind wir, die Allianz? Wir sind ein Bündnis der Zivilgesellschaft in Essen. Gegründet im Jahr 2016 – in einer Zeit, in der viele Geflüchtete nach Deutschland kamen und manche versuchten, Ängste gegeneinander auszuspielen. Damals haben wir gesagt: Nicht mit uns.
Zur Allianz für Weltoffenheit gehören Kirchen, die jüdische Gemeinde, muslimische Gemeinden, Gewerkschaften, Sportverbände, die Stadt Essen, die Handwerkskammer und viele andere. Wir sind sehr verschieden. Wir glauben unterschiedlich. Wir leben unterschiedlich. Aber uns verbindet ein gemeinsames Fundament:
Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.
Dieser erste Satz unseres Grundgesetzes ist kein schöner Schmucktext. Er ist das moralische Herz unserer Demokratie. Und deshalb steht im Grundgesetz auch in Artikel 20: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“
Demokratie bedeutet nämlich mehr als Wahlen. Demokratie bedeutet: einander zuhören, Unterschiede aushalten, Kompromisse suchen, Minderheiten schützen, Verantwortung füreinander übernehmen. Demokratie lebt davon, dass wir Menschen nicht gegeneinander aufhetzen.
Aber genau das erleben wir gerade immer öfter. Menschen werden nach Herkunft sortiert. Geflüchtete werden pauschal verdächtigt. Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, queere Menschen oder politisch Andersdenkende werden beleidigt und bedroht.
Und ich sage heute hier klar und deutlich: Wer Menschenwürde relativiert, greift das Fundament unserer Demokratie an. Politikerinnen und Politiker der AfD tun genau das. Die rechtsextreme Partei „Die Heimat“, die am 1. Mai hier in der Innenstadt demonstrierte in unserer Stadt ihre Landeszentrale hat, tut das auch. Sie lebt politisch davon, Menschen gegeneinander auszuspielen. Sie vergiftet das gesellschaftliche Klima mit Angst und Abwertung.
Das sage ich nicht nur als Vertreterin der Kirche, ich sage das auch als Demokratin. Denn unsere Demokratie stirbt, wenn Menschen sich an Verachtung gewöhnen. Wenn Lügen lauter werden als Fakten. Wenn Gleichgültigkeit größer wird als Mitgefühl.
Gerade hier im Ruhrgebiet sollten wir das wissen. Diese Region ist stark geworden, weil Menschen aus vielen Ländern hier gemeinsam gearbeitet, gehofft und gelebt haben. Das Ruhrgebiet war immer ein Ort der Vielfalt. Und genau darin liegt seine Stärke.
Mich persönlich trägt die Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus und ohne Diskriminierung. Einer Gesellschaft, in der Menschen friedlich und respektvoll miteinander leben. In der niemand Angst haben muss wegen seines Namens, seiner Religion, seiner Hautfarbe oder seiner Liebe.
Aber diese Vision verwirklicht sich nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die Haltung zeigen. Menschen, die widersprechen, wenn andere ausgegrenzt werden. Menschen, die nicht schweigen. Deshalb: Lassen Sie uns zusammenstehen. Für Menschenwürde. Für Freiheit. Für Respekt. Für Demokratie. Nicht irgendwann. Jetzt.
Hier an der Marktkirche werden wir im Juni mit mehreren Veranstaltungen, besonders am Weltflüchtlingstag, an die Schicksale der Toten an Europas Grenzen erinnern. Mit dem Format „Das Ruhrgebiet spricht“, einem Dialogprojekt für alle Bürgerinnen und Bürger, feiern wir am 11. Juli nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr hier die Meinungsfreiheit. Das Grundgesetz ist nicht nur ein Text aus dem Jahr 1949. Es lebt – durch uns.
Marion Greve
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Diese Rede hielt die Superintendentin des Kirchenkreises Essen bei einer „Grundgesetz-Party“, die die Initiative OMA GEGEN RECHTS am 23. Mai gemeinsam mit vielen anderen Kooperationspartnern vor der Marktkirche veranstaltet hat.