Im Rahmen eines Pastoralkollegs haben 23 Teilnehmende aus Essen fünf Tage lang Erfahrungen in Wittenberg und Berlin gesammelt – auf der Suche nach Anregungen für die Zukunft unserer Kirche in Essen. Ein Vorbereitungsteam hatte zwischen Wittenberg und Berlin in Ost und West Orte und Projekte aufgespürt, die eine Kirche ahnen ließ, die sich zukünftig nicht mehr darauf verlassen kann und will, dass eine Mehrheit sie mit Kirchensteuern trägt.
Dabei haben wir Menschen getroffen, die von einer neuen Gestalt von Kirche erzählten, jenseits vertrauter und bekannter Pfade. Von einer Kirche, die in Lücken und aufgegebene Orte hinein das Träumen und Hoffen nicht lässt – gerade auch heute, angesichts der jüngsten Wahlergebnisse und ihrer Folgen für Politik, Kultur und Gesellschaft.
Die Erfahrungen aus Wittenberg und Berlin weisen auf grundsätzliche Fragen hin, die auch uns hier in Essen bewegen: Was können wir, die Evangelische Kirche in Essen, zukünftig tun, damit das Zusammenleben der Menschen in unserer Stadt friedlich und unter gegenseitiger Achtung der Menschenwürde gelingt? Wenn die Gesamtzahl der Christ:innen nicht einmal mehr die Hälfte der Bürger:innen ausmacht – wie schon seit einiger Zeit in einigen Stadtteilen des Essener Nordens?
Welche Räume der Geborgenheit können wir in unserer Stadt schaffen? Welche kraftvollen Hoffnungen und Träume leiten uns? Wo entstehen zukünftig Trost und Zuversicht, Begeisterung und Mut, wenn wir eine Kirche ohne eine finanzielle Ausstattung sind, wie sie die Kirchensteuer heute noch garantiert?
Wie und wo verteidigen wir zukünftig Menschen, denen die Würde abgesprochen wird? Von den Wittenberger Kolleg*innen wurde ich gefragt: „Wir können Widerstand – könnt ihr es auch?“ Und nicht zuletzt: Wo wird unsere Auffassung eines barmherzigen und liebenden Gottes auch in Zukunft spürbar und erlebbar für die Bürger*innen in Essen? All das waren Fragen unseres Pastoralkollegs, die wir hier weiterbewegen – Fragen, die uns täglich herausfordern. Die unsere Essener Gespräche und Diskussionen über die zukünftige Gestalt unserer Kirche bestimmen und uns an vielen Orten begegnen.
Am letzten Tag, am Freitag, erinnerte ich mich an einen Sinnspruch von Martin Luther – gesehen auf einem Wittenberger Torbogen. Dort steht:
Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat will.
Oder, mit den Worten auf dem T-Shirt eines Berliners, dem ich in der U-Bahn gegenübersaß –– ohne dass von dem Wort „Gott“ Gebrauch gemacht wurde: Du bist ein Gewinn. In der U-Bahn musste ich lächeln und dachte: was für eine schöne Zusage! Dafür, dass ich an diese Zusage erinnert wurde, bin ich dankbar – und trage sie deshalb gerne in unser weiteres Denken und Handeln ein.
Wie wäre es, wenn wir alle in unsere Begegnungen ganz bewusst mit dieser Zusage Gottes hineingehen, dass Gott an jeder und jedem von uns eine große Tat will? Ich bin mir sicher, dass die Kultur unserer Begegnungen an Qualität gewinnt, wenn wir uns das bewusst machen: „Du bist ein Gewinn.“ Egal, ob jung oder alt, reformerisch oder bewahrend unterwegs, egal ob mit oder ohne Handicap, ob als Mitglied unserer Leitung oder Gemeindeglied: „Du bist ein Gewinn!“
Es ist für mich die zentrale Zusage Gottes, die wir als Christ*innen zum Strahlen bringen dürfen – und die wir mit Mut und Entschlossenheit da schützen, wo sie Menschen abgesprochen wird.
Marion Greve
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Die Superintendentin des Kirchenkreises Essen hielt diese Andacht zu Beginn der Visitation durch die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland am 18./19. September 2026.