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…und dann mit achtzig noch Marathon laufen…

Wie alt wollen wir werden? Und wie wollen wir alt werden? „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre.“ Was Psalm 90 – bislang noch recht realistisch – annahm, könnte schon bald überholt sein. Heute redet man von Longevity, was auf Deutsch „Langlebigkeit“ bedeutet, im Englischen aber interessanter klingt.

„Longevity, die Suche nach dem möglichst langen und gesunden Leben“, so das Handelsblatt, „galt bis vor Kurzem als obskures Hobby der Superreichen. Jetzt wird es zum wichtigsten Trend der Biotech-Branche.“ Mittlerweile erleben wir einen regelrechten Hype in den (sozialen) Medien. Und einen Werbeboom für angeblich lebensverlängernde und gesundheitsfördernde Maßnahmen: Neben Nahrungsergänzungsmitteln werben Firmen und Influencer für teure Lifestyle- und Anti-Aging-Produkte. Der Marktwert der Biotech-Branche steigt rasant. Anleger – nicht ich! – empfehlen, hier Geld zu investieren.

Durch Zufall stieß ich auf das Buch „Die Longevity-Formel: Der Weg zu einem langen und gesunden Leben“ von Peter H. Diamandis. Es ist ein Handbuch dafür, wie man schon jetzt so leben kann, dass man die Altersgrenze von hundert überspringt. Viele medizinische Aspekte wie Ernährung, Schlaf oder Sport sind durchaus bedenkenswert und entsprechen dem Stand der seriösen Forschung. Aber Maßnahmen wie regelmäßige Blutwäsche können sich wohl nur wirklich reiche Menschen leisten. Ich komme gleich noch einmal auf das Buch zurück.

Fragen wir uns zuvor selbst: Ich meine uns als Kirche – und ganz persönlich. Wie gehen wir mit diesem Hype um? Wie alt wollen wir werden, und wie ist unser Verhältnis zum Tod, den bislang keine Technologie besiegen kann?

Ich beantworte die Fragen für mich so: Gerne möchte ich noch in vierzehn Jahren einen Marathon laufen, auch wenn ich nicht glaube, dass meine Knie da mitmachen. Und natürlich will ich noch mit achtzig Jahren ein selbstbestimmtes Leben führen. Aber ganz ehrlich: Mir geht es mehr darum, noch einen kleinen Beitrag für ein gutes Miteinander zu leisten und die Herausforderungen des Alters anzunehmen.

Und der Tod? Ist er wirklich ein Ärgernis? Natürlich ist er das, vor allem wenn er zu früh kommt. Aber ist er nicht auch ein Verweis auf die Endlichkeit allen Lebens, was ihm erst einen tieferen Sinn gibt – womöglich gar über ihn hinaus? Ich jedenfalls möchte vor allem in Frieden sterben. Das ist mir wichtiger als jeder Wettbewerb um die meisten Lebensjahre.

Übrigens: Auf Sardinien lebt die höchste Anzahl männlicher Hundertjähriger der Welt. Oft sind es Hirten mit viel Bewegung im bergigen Gelände. In Ikaria (Griechenland) ernähren sich die Bewohner mit mediterraner Kost und leben etwa 8 Jahre länger als in Europa. Und die Langlebigkeit vieler Japaner hat wohl auch mit der starken sozialen Einbindung zu tun. Das scheint mir natürlicher und lebensfroher zu sein, als alles diszipliniert nur diesem einen Ziel unterzuordnen: möglichst lange zu leben.

Das Buch will viel – mir ist es zu wenig. Lohnend ist es aber in jedem Fall, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Wolfram Jehle

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