Wie lernen Schauspieler Texte? Indem sie sie zerteilen. Es braucht dann nur noch Stichwörter, um die Texte lebendig werden zu lassen. Nicht anders funktioniert unser Denken. Ein Stichwort poppt in uns auf, und sofort läuft eine Geschichte ab. Oft können wir sie bewusst kaum aufhalten.
Die Frage ist also, welche Stichwörter zu welchen Geschichten sind in unserem Kopf. Um meinem Denken nicht ausgeliefert zu sein, habe ich es mir angewöhnt, kurze Texteinheiten auswendig zu lernen. Indem ich auf sie zurückgreife, gebe ich meinem Denken eine Richtung, die mir guttut. Ein Beispiel sei folgender Bibelvers. Er steht im 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther und lautet:
Und Gott, der sprach, Licht soll leuchten aus der Finsternis, hat einen hellen Schein in eure Herzen gegeben, dass eine Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. (2. Kor. 4.6)
Der Vers ist komplex mit einer starken Tiefendimension. Das Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten. Das Licht verdrängt die Finsternis nicht. Es leuchtet „in“ ihr.
Mich beeindruckt der Realismus, der in diesem Vers steckt. Finsternis umschließt das Leben. So wie der Kosmos überhaupt ein überwiegend dunkler Ort ist. Die Wissenschaft sagt uns: Nur in einem Hundertstel gibt es sichtbares Licht. Selbst die Milchstraße, die in wirklich dunklen Nächten ein leuchtendes Band ist, besteht zu mehr als 99,99 Prozent aus dunklem Raum.
Aber auch hier auf unserer Erde kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Finsternis immer mehr um sich greift. Militärische Gewalt erschüttert unsere Vorstellung von einer friedlichen Welt. Die Machthaber setzen auf das Recht der Stärke. Leiden tun die Menschen, die im eiskalten Winter frieren und ohne Licht sind. Leiden tun die vielen auch bei uns, die keine Hoffnung mehr haben auf ein menschenwürdiges Leben und resignieren.
Doch Realismus bedeutet nicht, alles schwarz zu sehen. Der christliche Glaube lebt von der Wahrnehmung eines Lichts, das in der Finsternis scheint und das, wie das Johannesevangelium sagt, von ihr nicht verschluckt wird. Dieses Licht wirft einen Schein direkt in unsere Herzen. Und dort entscheidet sich, wie wir die Welt um uns sehen.
Dabei ist die Frage nicht, ob wir die Dunkelheiten des Lebens sehen oder nicht. Christlicher Realismus besteht nicht im Übersehen der Finsternissen in unserem Leben. Dieses Vertrösten auf ein Jenseits hat die Botschaft der Kirchen in den Augen vieler Generationen unglaubwürdig gemacht. Was hilft uns ein Glaube, der wegsieht, statt hinzusehen und hinzugehen?
Christlicher Realismus besteht darin, ein Licht zu sehen, wo andere sagen, da ist doch nichts. Wo sieht Paulus das Licht? Im Angesicht Jesu Christi. Und das ist wirklich spannend, denn was sehen wir in diesem Angesicht? Das Leiden desjenigen, der mit Hunderttausend anderen den grausamen Tod am Kreuz gestorben ist, und das sich in den Kreuzen, das sich in allen Kirchen der Welt spiegelt? Oder die Freude desjenigen, der Hoffnung und Licht in das Leben Unzähliger gebracht hat?
Das klingt nach einem Entweder-Oder. (So wie die entstehende Kirche in den ersten Jahrhunderten fragte: War Jesus nun Gott oder Mensch – oder beides?)
Der christliche Glaube hält zusammen, was andere für einen Widerspruch halten. Es ist dasselbe Angesicht Christi, das die Schrecken der Welt sieht – das aber in ein Licht getaucht. Der christliche Realismus hält an der Auferstehung fest, ohne die Kreuzigung zu leugnen. Im Gegenteil, weil wir an die Auferstehung glauben, an das Licht, das von Gott in Jesus in die Welt fällt, haben wir die Kraft, die Dunkelheiten auszuhalten.
Das muss ich mir selbst immer wieder sagen, wenn ich die Nachrichten kaum noch aushalte, wenn ich sehe wie die Macht der Mächtigen, der Milliardäre wächst und wächst und die Ohnmacht der Schwachen auch. Ja, es hilft nichts. Das ist unsere Welt. Aber da ist das Licht, das in ihr leuchtet, das Hass und Ohnmacht überwindet, das man in den Augen derer sehen kann, die leuchten und es weitergeben, wie das Licht von Bethlehem. Und keine Macht der Welt kann es zerstören.
Darum sage ich mir immer wieder den Vers auf, auf dass auch in mir etwas entstehen kann, so etwas wie eine Erleuchtung, eine Erkenntnis, eine Energie, die verändert:
Und Gott, der sprach, Licht soll leuchten aus der Finsternis, hat einen hellen Schein in eure Herzen gegeben, dass eine Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.
Wolfram Jehle
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Dieser Beitrag ist zeitglich im Blog Kunst und Klatsch des Autors erschienen. Wir danken Wolfram Jehle herzlich für die Erlaubnis, ihn auch hier veröffentlichen zu dürfen!