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Atmen und Beten

Seit ich bei meiner Arbeit in der Krankenhausseelsorge täglich mit Mund- und Naseschutz unterwegs bin, kommt mir bisweilen das Gesangbuchlied „Gott gab mir Atem“ in den Sinn und auf die Lippen, auch wenn Pfeifen und Singen derzeit unerwünscht sind. „Gott gab mir Atem“, das stimmt ja – aber unter der FFP2-Maske wird die Luft trotzdem manchmal ganz schön dünn, besonders wenn ich bei den Besuchen auf den Krankenzimmern zusätzlich ein Faceshield trage.

Eine gute Seite hat die Atemnot: ich achte jetzt noch bewusster auf mein Atmen. Ich versuche regelmäßig in den Wald zu gehen um frei und ungehindert atmen zu können. Und entdecke, dass mein Atmen und mein Beten enger zusammengehören als mir das früher klar war.

In den letzten Jahren haben sich christliche Meditation und offene Gebetsformen wie das Herzensgebet als Zeit der Stille weiter verbreitet. Hierbei sind auch Atemwahrnehmung und Atemübungen eine gute Hilfe, um zu sich und zu Gott zu finden. Der Atem ist ja die menschliche „Aktivität“, die von selbst, ohne unser Zutun, geschieht, und gleichzeitig durch uns willentlich beeinflusst werden kann – das macht es zu einem idealen Baustein für kontemplative Praxis. In anderen Religionen, insbesondere dem Buddhismus ist das Atmen schon seit jeher eine wichtige spirituelle Praxis gewesen, mit einem reichen Repertoire an wahrnehmenden und Körper und Geist schulenden Übungen.

Aber auch im Christentum wird zunehmend der Zusammenhang von Atmen und Beten entdeckt. Aufschlussreich finde ich dabei Hinweise des amerikanischen Theologen Richard Rohr zur Unaussprechlichkeit des Gottesnamens in der jüdischen Tradition. Er schreibt: “Letztlich wurde das Wort (der Gottesname JHWH) überhaupt nicht gesprochen, sondern es wurde geatmet! Viele Experten sind überzeugt, dass die korrekte Aussprache der Versuch ist, den Klang des Ein- und Ausatmens zu repetieren und zu imitieren. Das, was wir in jedem Augenblick unseres Lebens tun, nämlich atmen, bedeutet demzufolge nichts anderes als den Namen Gottes auszusprechen, ob wir es wissen oder nicht. So wird er zu unserem ersten und letzten Wort, wenn wir die Welt betreten und wieder verlassen“ (Richard Rohr, Pure Präsenz).

Diese Vermutungen zum geatmeten Gottesnamen (mit ein wenig Phantasie kann ich mir tatsächlich gut vorstellen, wie diese 4 Buchstaben J-H-W-H orientalisch und mit Kehllauten gehaucht und geatmet werden) geben den Bemühungen um christliche Atemübungen und Atemgebete zusätzliche Motivation und „Feuer“.

Warum nicht eine Weile in der Stille sitzen und beim Einatmen ein langgezogenes „Ja“ als umfassende Zusage über unser  Leben durch uns hindurchgehen lassen, und beim noch längeren Ausatmen „Ich bin da“ mitformulieren, also die Worte, die Mose am Dornbusch von Gott empfing, als er nach seinem Namen fragte. Und mit denen wir uns gleichzeitig vergegenwärtigen können, dass wir jetzt ganz anwesend sein wollen.

Wenn wir Atmen und Beten in unserer Kontemplation, unserer spirituellen Praxis, verknüpfen, dann stoßen wir auf neue Zusammenhänge in der eigenen Tradition und lesen sicher auch manche Bibelstelle neu und neugierig (zum Beispiel Johannes 20,21-23, wo Jesus den Seinen Friede, Vergebung und den Heiligen Geist zuhaucht). Gleichzeitig stärkt das Atembeten die Verbundenheit mit Menschen anderer Religionen, mit denen mich in jedem Fall verbindet, dass wir alle die gleiche Luft einatmen. Es gibt ja keinen christlichen, jüdischen oder muslimischen Atem.

Ob in Pandemiezeiten oder auch wieder maskenfrei – wenn mir in Zukunft die Liedzeile „Gott gab mir Atem“ auf die Lippen und in den Sinn kommt, wird sie mich daran erinnern, dass Atmen und Beten Geschwister sind, und diese Verbindung sowohl körper-theologisch als auch in unserer kontemplativen Praxis noch viel Entdeckerfreude und Gebetserfahrung mobilisieren könnte.

Max Strecker