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Widersprüchliche Zeiten, widersprüchlicher Glaube

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98,1)

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Was für ein Bibelwort ist das für unsere widersprüchlichen Corona-Zeiten! „Singet dem HERRN ein neues Lied“? Das würden wir ja gerne, am besten gemeinsam, in großer Runde und wie mit einer Stimme.

In Corona-Zeiten ist alles anders. Musikerinnen und Musiker finden zwar Wege, um alte oder neue Musik zu machen und für Menschen aufzuführen. Was für ein Ideenreichtum da aufkommt – von digitalen Proben und Übertragungen von Live-Konzerten, über Balkonkonzerte bis zu Konzerten in Höfen von Senioreneinrichtungen. Doch das ersetzt eben nicht das gemeinsame Musizieren, geschweige denn das Singen in großer Gemeinschaft, etwa in festlichen Gottesdiensten. Konzerte vor Publikum in Kirchen, Konzertsälen oder auf Festivals sind doch etwas anderes.

Wie widersprüchlich die Situation ist, lässt sich an den Empfehlungen ablesen, die für das Feiern von Gottesdiensten unter den aktuellen Hygienevorgaben entwickelt wurden. Dabei wird auf absehbare Zeit zum Verzicht auf den Gemeindegesang geraten. Das ist schwer vorstellbar und kaum auszuhalten. Wie wichtig und schön Musik ist, lässt sich an unseren heutigen musikalischen Beiträgen erkennen. Auch Fernsehgottesdienste oder Gottesdienste auf YouTube sind ohne Musik nicht denkbar. Die Musik bringt Klage und Lob, Zuversicht und Zweifel in eine Form, für die es keinen Ersatz gibt. Doch am Fernseher mitzusingen will mir nicht gelingen. Da fehlt etwas. Das schmerzt. Das erinnert mich zugleich an diejenigen, die gar nicht oder nur schwer hören können und damit die Fülle von Musik immer eingeschränkt erfahren – auch wenn es inzwischen technische Hilfsmittel gibt oder einen Gebärdenchor, um dennoch etwas an Musik zu erleben.

Die Musik bereichert mein Leben jedenfalls selbst unter den gegenwärtigen Einschränkungen ungemein: Wir zehren von der Kraft der Musik. Wir bringen mit ihr unsere Klage und unser Lob vor Gott. Und wir drücken mit der Musik mehr aus, als wir es eigentlich können. Die Musik nimmt unsere Sehnsucht auf. Sie gibt einen Vorgeschmack auf eine vollendete Welt, wie Gott sie verheißt, eine Welt ohne Widersprüche. Eine alte christliche Weisheit sagt deshalb zurecht: „Wer singt, betet doppelt“.

2.

Und dann spricht der Psalm auch noch von Gott, der Wunder tut. Wie kann man angesichts von so vielen schwer Erkrankten, von so vielen Toten und schwersten Abschieden von geliebten Menschen, angesichts ungeheurer sozialer, wirtschaftlicher und psychologischer Nebenfolgen bei der Eindämmung der Pandemie, angesichts von so stark eingeschränktem Leben und gefährdeten Existenzen überhaupt von Wundern sprechen? Ist das nicht blanker Zynismus? Gott hat das Corona-Virus nicht verhindert, genauso wenig wie andere Krankheiten oder Kriege, die Menschen in den Tod, den Wahnsinn oder die Flucht treiben.

Ob das Psalmwort zynisch oder nicht doch hilfreich ist, hängt davon ab, was unter einem Wunder verstanden wird. Wunder ist, was wir als ein Wunder deuten. Viele denken bei Wundern an Ereignisse, welche die Naturgesetze außer Kraft setzen. Diese Vorstellung ist sicher noch immer weit verbreitet. Eine kleine jüdische Anekdote mag verdeutlichen, warum ich Wunder anders verstehe.

„Ein Rabbi stieg bei einer großen Flut auf das Dach seines Hauses und betete inbrünstig zu Gott um Rettung. Nach einer Weile kommt ein Boot und bietet an, ihn mitzunehmen. ‚Ihr meint es gut, liebe Leute‘, sagt der Rabbi, ‚aber ich habe zu Gott um Hilfe gebetet. Er wird mich erretten.‘ Das Boot fährt davon, das Wasser steigt, der Rabbi betet weiter. Nach einiger Zeit kommt ein Hubschrauber und eine Strickleiter wird heruntergelassen, damit der Rabbi hochklettern kann. Der Rabbi: ‚Ihr meint es gut mit mir, aber ich habe zu Gott um Hilfe gebetet, er wird mich erretten.‘ Der Helikopter entfernt sich, die Flut steigt, schließlich ertrinkt der Rabbi. Als er bei Gott ankommt, beklagt er sich bitter: ‚Ich habe so inbrünstig gebetet, aber du hast mich ertrinken lassen.‘ Da sagt Gott zu ihm: ‚Ich habe dir ein Rettungsboot und einen Hubschrauber geschickt. Was hätte ich denn noch tun sollen, um dich zu retten?’“

Gott hat hier nicht übernatürlich in die Welt eingegriffen. Der Rabbi hat vielmehr Gott in der Hilfe anderer nicht erkannt. Sonst hätte er vermutlich darin ein Wunder entdeckt, was ihn an menschlicher Hilfe erreicht hat und gerettet hätte. Beweisen lässt sich eine solche Deutung als Wunder nicht. Sie ist, wie so vieles im Leben, abhängig von meiner generellen Einstellung zum Leben, von meinem Glauben.

3.

Die Corona-Krise hat an den Grundbedingungen unseres Lebens nichts geändert. Wir sind als Menschen fähig zu Gutem und zu Bösem. Das zeigt sich in der Krise nur zugespitzter als sonst. Wir ringen mit der Natur. Wir haben kaum vorstellbare Möglichkeiten die Welt positiv zu gestalten, bis dahin, sie sogar zu zerstören. Was neu ist, ist die gemeinsame weltweite Herausforderung, die Pandemie einzudämmen. Ist die Geschwindigkeit mit der in einer globalisierten Welt reagiert werden muss. Ist das Ausmaß der Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Menschen, und gerade besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, zu schützen.

Ich staune jedenfalls noch immer, dass unsere Gesellschaft mit einem breiten Konsens auf allen Ebenen so viel investiert, um vor allem Risikogruppen wie ältere Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen und Behinderungen zu schützen. Das ist wahrhaft gelebte Solidarität! Der Rahmen dafür wurde und wird umsichtig und in einem Prozess der dauernden Abwägung und einem Ringen um die jeweils am besten verantwortbare Lösung von Bundesregierung, Landesregierungen und kommunalen Verwaltungsspitzen gesetzt. Umgesetzt werden kann das aber nur, weil fast alle die Entscheidungen mittragen und sich verantwortungsvoll mit großem Aufwand, Mühen und Kosten an die Regeln halten, die Leben schützen, ja retten sollen. Und der Erfolg gibt uns Recht. Er ist gemessen an den Todeszahlen sogar so groß, dass viele Länder erstaunt auf die Entwicklung in Deutschland schauen.

4.

Diejenigen, die von den Auswirkungen der Corona-Krise besonders getroffen sind und Schlimmstes durchmachen, werden mir vermutlich nicht oder nur begrenzt zustimmen. Dennoch grenzt es für mich an ein Wunder, was Führungskräfte in Sondersitzungen, Lagebesprechungen oder Krisenstäben leisten. Was allerdings nichts helfen würde ohne die Unzähligen, die in einem Netz miteinander verbundener Dienstleistungen arbeiten und so die Institutionen einer Gesellschaft konstituieren. Das sind die Menschen, die zurzeit endlich mehr Anerkennung erlangen als es bisher landläufig der Fall war. Es sind die tapferen und geduldigen Alltagshelden einer funktionierenden Gesellschaft!

Als Diakoniepfarrer habe ich besonders die Erfahrungen im Bereich der sozialen Arbeit der Kirche vor Augen. In den Medien stand die Arbeit in den Krankenhäusern im Fokus. Beispielhaft benenne ich Einiges aus anderen Arbeitsfeldern, was ich auch da mit größtem Respekt erlebe:

** Etwa wenn Erzieherinnen und Kindertagespflegepersonen unter den Bedingungen von Betreuungsverboten und Notbetreuung für ihre Kinder da sind. Sie müssen die unausweichliche und nötige Nähe zu den Kindern mit dem Schutz ihrer eigenen Gesundheit aus tarieren. Zugleich sind sie höchst erfinderisch, um den Kontakt zu den Kindern und ihren Familien zuhause zu halten und ihnen Anregungen und Unterstützung im ganz anders gewordenen Alltag zu geben.

** Etwa wenn Fachkräfte in der Familienhilfe in Corona-Zeiten Familien begleiten, die schneller ans Limit kommen als unter normalen Umständen. Die viel mehr telefonieren und soziale Medien nutzen. Die natürlich Hausbesuche machen, wenn es um die Sicherung des Kindeswohls geht.

** Etwa wenn Mitarbeitende sich intensiv um die kümmern, die oft übersehen werden, deren Lebensumfeld sich rasant verschlechtert hat und die kaum mit den vorgeschriebenen Beschränkungen zurechtkommen: Wohnungslose, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen.

** Oder, letztes Beispiel, wenn in Pflegeeinrichtungen der Druck steigt, trotz verschärfter Vorschriften und Besuchs- und Kontaktverboten den Bewohnerinnen und Bewohnern gerecht zu werden. Dabei gibt es fast nie hundertprozentige Lösungen und um eine machbare Umsetzung von Verordnungen muss ständig gerungen werden. Da wird abgewogen, was mehr Vorteile und weniger Nachteile hat, für die begleiteten Menschen, ihre An- und Zugehörigen, die Mitarbeitenden.

Dabei geht es diesen Mitarbeitenden nicht anders als allen anderen. Auch sie sind Eltern und erleben am eigenen Leib den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeit. Auch sie kennen Menschen, die in Einrichtungen begleitet werden, und wo die Kontaktsperren das Leben und die Seele beschweren. Auch sie müssen sich mit Homeoffice, anderen Einsatzorten oder Kurzarbeit auseinandersetzen. Auch sie gehören zu Risikogruppen, müssen mit Krankheit, Sterben und Tod umgehen.

Doch ich bin immer wieder erstaunt, wie hoch der Einsatz ist und wie groß die gegenseitige Unterstützung. Das ist manchmal fast wie ein Wunder. So wie Wunder sonst immer wieder geschehen, im Staunen über das bunte Erblühen der Natur im Frühling, darüber dass eine Liebe gelingt, dass ein Unrechtsregime stürzt, dass jemand ein ungeteiltes Ja zum Leben sagt, trotz allem, was dem vordergründig widerspricht.

5.

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Ja, wir leben in widersprüchlichen Zeiten. Ja, wir leben mit einem widersprüchlichen Glauben. Dennoch: Lasst uns mit einem stillen oder lauten Lied einstimmen in das Lob Gottes. Lasst uns das große Dennoch des Glaubens heiter anstimmen. Dann werden wir kleine oder große Wunder entdecken, allen schweren Erfahrungen und den Widersprüchen des Lebens zum Trotz.
Amen.

Andreas Müller