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Weihnachten ist die Hoffnung, dass alles auch ganz anders geht

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus, Amen.

An Weihnachten macht Gott ernst mit seiner Liebeserklärung an uns Menschen. Er wird in Jesus einer von uns: verletzlich wie ein kleines Baby, voller Träume wie ein Jugendlicher, sorgend und kritisch, wie ein Erwachsener das manchmal ist. Gerade diese kritische Grundhaltung habe ich in den zurückliegenden Wochen in vielen Gesprächen wahrgenommen. Gefragt wurde ich, ob das Weihnachtsfest noch Bedeutung hat?

Diese Frage hat mich nicht losgelassen… und ich habe mich auf die Suche nach Antworten begeben. Warum ich das mache? Weil ich glaube, dass wir viel zu wenig von dem reden, woran wir glauben, was uns trägt und was uns Hoffnung gibt. Nehmen doch auch Sie sich einen Moment Zeit. Warum ist Ihnen Weihnachten 2022 wichtig? Lassen Sie einen Moment Ihre Gedanken kreisen – warum ist Weihnachten wichtig…?

Ja – Weihnachten lässt uns innehalten – die Welt dreht sich für viele von uns an zwei bis drei Tagen ein bisschen langsamer. Und irgendwie ist der Lebensrhythmus auch ein anderer: es gibt freie Stunden, die mit mir allein, mit Partnerin oder Partner oder mit der Familie gefüllt werden können.

Dabei hören wir diese alte Geschichte, die jedes Jahr erzählt, gesungen und gespielt wird. Wenn Sie mich nach meiner Lieblingsgeschichte fragen – das ist sie! Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas ist unglaublich hoffnungsstark. Sie will Licht in unser Dunkel bringen, unsere Krisen und Fehler unserer Zeit erhellen.

Genau darum ist mir Weihnachten wichtig: mindestens dieses eine Mal im Jahr weltweit mit allen Christinnen und Christen den Frieden feiern – mitten im Unfrieden unserer Welt. Während in der Ukraine die Bomben fallen und Menschen sterben. Während das Regime im Iran mit brutaler Gewalt versucht, die Proteste im Land zu stoppen. Während Menschen auf der Suche nach einem sicheren Obdach sind. All das sehen wir, leiden mit – und gleichzeitig protestieren an Weihnachten gegen diese Dunkelheiten.

Mindestens einmal im Jahr das Licht feiern – mitten im Dunklen. Mindestens einmal die Freude feiern – mitten in den Sorgen und Ängsten.

Gerade in diesem Jahr ist mir das Weihnachtsfest wichtig, weil es in mir die Hoffnung wachhält, dass alles auch ganz anders geht. Garant dafür ist diese altvertraute Geschichte aus dem Lukasevangelium: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging…“ Die Weihnachtsgeschichte und die Lieder tragen mich, geben mir Hoffnung und Kraft: diese Worte erklingen schon so viele Jahre überall auf der Welt.

Vor allem die Botschaft der Engel, die ersten drei Worte: Fürchtet euch nicht! Sie bestärken in mir die Gewissheit, dass ich weiter auf eine gute Zukunft trauen darf. Wenn ich diese Worte höre, dann fühle ich mich sicher – in unserer unsicheren Welt. In der der Dreiklang Krisen, Krieg und Katastrophen wohl am ehesten die gegenwärtige weltpolitische Lage umschreibt. Viel ist seitdem über die Resilienz des Einzelnen und Krisenprävention im Allgemeinen diskutiert worden. Die Gleichzeitigkeit und Geschwindigkeit, mit der die vielen Krisen uns überrollen, macht uns kurzatmig. Lässt uns ohnmächtig fühlen.

Und dann – ist plötzlich der 24. Dezember – und ich weiß, warum mir Weihnachten 2022 wichtig ist: Weihnachten, das ist auch Balsam für meine und unsere Seelen. Mit der biblischen Weihnachtsgeschichte hören wir vom Sehnen und Suchen der Anderen und lassen es an uns herankommen. Das Sehnen und Suchen von Maria und Josef nach einer Herberge, die Suche der Hirten nach dem Heiland. Ein altes faszinierendes Wort: der Heiland.

Es geht um einen, der über eine heilende Kraft verfügt – der die Dinge heil macht, weit über das bloße Reparieren oder die Gabe einer Arznei hinaus. Menschen damals wie heute haben auf einen solchen Heiland gewartet.

Ja, Weihnachten ist mir wichtig, weil das Fest in mir die Hoffnung stärkt, dass alles auch ganz anders geht. Dass wir im Hier und Jetzt sicher sind, weil wir nicht allein sind, denn „uns ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids“.

Mir geht das Lied der Band Silbermond durch den Sinn. Heute Abend richte ich es als Gebet an Gott:

Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir was, irgendwas, das bleibt. Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist und alles Gute steht hier still. Und dass das Wort, das du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt… Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt!

Tatsächlich erlebe ich es so, dass in dem „kleinen bisschen Sicherheit“ mehr steckt, als die Verniedlichung andeutet. In dem kleinen bisschen Sicherheit steckt die Erfahrung, dass vollkommene Sicherheit weder vorstellbar noch realisierbar ist. Sie wird im Leben immer fragmentarisch bleiben. Das ist mit der Liebe und dem Frieden ähnlich. Auch davon ist „ein kleines bisschen“ manchmal schon sehr viel. Auch deshalb ist mir Weihnachten wichtig: das Fest trägt Hoffnung und Licht in unsere Herzen – natürlich, immer nur fragmentarisch.

Und gleichzeitig ist Weihnachten viel mehr als das Vertraute, als der vertraute Klang von Worten und Liedern, als das Gewohnte, was Stabilität gibt in einer Zeit, in der so vieles unsicher ist.

Weihnachten erzählt davon, wie Gott mitten in das Fremde und Unsichere hinein geboren wird. Eigentlich ist es eine harte Geschichte von Menschen, die aus politischen Gründen auf eine weite Reise gezwungen werden. Von Leuten, die gerade dann abgewiesen werden, wenn man Hilfe braucht.

„Bei uns: alles voll. Da hinten, geht in den Stall.“

Es ist die Geschichte von der Geburt eines Kindes unter schwierigsten Umständen. Von Anfang an hängt das Leben des Erlösers an einem seidenen Faden. Wir spüren, wie zerbrechlich Leben ist – auch sein Leben – und wie er uns gerade in unseren Zerbrechlichkeiten nahe ist.

Natürlich habe ich die vielen Flüchtlinge unserer Zeit vor Augen, flüchtend aus den Kriegsfeldern der Welt, nah bei uns aus der Ukraine oder auch flüchtend über das Mittelmeer nach Europa. Schicksale wie sie es sind, hat die Weihnachtsgeschichte vor Augen, denn sie spielt in der Nacht – und wieder: Nacht nicht als Romantik, so schön lauschig und heimelig. Nein, Nacht als Finsternis – und wie viele unter uns wissen gerade jetzt in diesen Zeiten, was Nacht ist. Was Dunkelheit in den Herzen bedeutet.

Nacht. Da wird Gott geboren, sagt die Weihnachtsgeschichte. Mitten in der Nacht, da wo es dunkel ist um uns Menschen.

Und noch etwas. Jesus, der König der Welt wird nicht in den Zentren der Macht geboren, sondern in Bethlehem, im Stall. Es ist eine Geschichte, die „am Rande“ spielt. In vieler Hinsicht „am Rande“. Die ersten Zeugen der Botschaft – das sind die Hirten, arme Leute, auch sie „am Rande“ der Gesellschaft, aus der untersten Lohngruppe. Sie entdecken das Wunder dieser Nacht zuerst. Vielleicht versteht man, wenn man „am Rande“ lebt, besser, wo das wirkliche Zentrum ist, worauf es ankommt.

Weihnachten – also alles andere als Heimat und Geborgenheit. Sondern eine Geschichte, in der es gerade nicht heil zugeht. So wie bei uns im Jahr 2022…

Gerade dort, wo es nicht heil zugeht, dort hinein kommt Gott. Er gibt uns nicht verloren. Er kommt in diesem Kind Jesus in die Dunkelheiten und Härten unseres Lebens und unserer Welt. Denen am Rande will er besonders nahe sein. Denen, die am Rand ihrer Kräfte sind. Denen, die Angst haben, dass sie über den Rand rutschen. Gerade dort wird er geboren. Gerade dort kommt er hinein, als Kind, mit seinem Licht und mit seiner Kraft.

Und dann sind da noch die Engel. Sie loben Gott und rufen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden! Mit ihrer Botschaft an uns, uns neu aufzumachen. Sie treten tröstend und gleichzeitig herausfordernd auf, die Welt nicht so zu lassen, wie sie ist. Wer in diesen Tagen dem Essener Krippenweg folgt, der kann eindrücklich erleben, wie die Engel zu uns sprechen. „Flucht und Frieden“ lautet das diesjährige Motto des Krippenweges, der durch einen ökumenischen Arbeitskreis organisiert wird. Bis zum 8.Januar sind in der Essener Innenstadt in den Schaufenstern von Geschäften, Banken und Restaurants, in Kirchen und im Rathaus 21 künstlerische Krippen ausgestellt.

Im blauen Westchor der Marktkirche stehen zwei große „Krippenboote“ aus Tansania, von einem Meer aus Tuch und mit Friedensworten umlegt. Sie erinnern uns eindrücklich an das Schicksal von Männern, Frauen und Kindern auf der Flucht nach Europa über das Mittelmeer. Dort, mitten im Boot, mitten im Krieg und im Leid, kommt Gott als Kind zur Welt. Er wird wie du und ich, um uns nahe zu sein.

Wenn ich die Botschaft der Engel höre: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden – dann denke ich an alle, die mit Hoffnung auf Frieden und Sicherheit zu uns kommen und wünsche mir, dass wir unseren Teil dazu beitragen, dass die Welt nicht bleibt, wie sie ist. Dass wir gastfreundlich sind und teilen, dass wir jede Form von Gewalt verurteilen.

Mir machen die Engel Mut, sich neu auf den Weg des Friedens zu begeben. Selbst Botin des Friedens werden, im Kleinen wie im Großen. Sich nicht abzufinden mit der Welt, wie sie ist. Auf Hoffnung und Frieden zu setzen – so wie es der russische Jude Israel Baline getan hat.

Seine Lebensgeschichte beginnt in Sibirien, in der trostlosen Stadt Tjumen. Hier wurde er im Mai 1888 geboren, Sohn eines jüdischen Kantors. Als Fünfjähriger musste Israel mit ansehen, wie sein Elternhaus niederbrannte, angezündet von judenfeindlichen russischen Nachbarn. Solche Übergriffe waren kein Einzelfall im Russland des späten 19. Jahrhunderts. So machte sich die ganze Familie Baline per Schiff auf in ein anderes Leben, auf in die Vereinigten Staaten. Voller Hoffnung auf ein friedliches Leben.

Sie landeten im überfüllten Einwandererghetto Lower East Side. Mit gerade einmal 13 Jahren verließ Israel seine Familie und schlug sich als Kellner und Straßensänger durch. 1940 gelang ihm dann sein großer Welt-Hit: „White Christmas“. Viele von uns kennen diese Melodie, unter anderem gesungen von Bing Crosby. Doch kaum jemand weiß, dass das Lied an die Judenpogrome in Russland erinnert, während derer sich der Schnee rot von jüdischem Blut gefärbt hat.

Mit Israel Baline wünsche ich uns in diesem besonderen Sinne „White Christmas“! Denn dann heißt es nicht mehr: der Stärkere setzt sich durch. Sondern: wir trauen der Liebe etwas zu. Dann gilt nicht mehr: die Welt wird sich nie ändern, und ich kann auch nicht aus meiner Haut. Sondern: ich versuche den eigenen Lebensstil zu ändern, und traue das auch den anderen zu.

Warum mir Weihnachten 2022 wichtig ist? Weil Weihnachten die Hoffnung stärkt, dass alles auch ganz anders sein kann. So, wie es die Engel ansagen:

Fürchtet euch nicht. Ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden.

Ich wünsche uns allen, dass uns diese Worte in den kommenden Tagen stärken.

Amen.

Marion Greve
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Weihnachtspredigt, gehalten an Heiligabend, 24. Dezember 2022, in der Essener Erlöserkirche.

2 Gedanken zu „Weihnachten ist die Hoffnung, dass alles auch ganz anders geht

  1. Liebe Marion, ich bin sehr froh hier im fernen Viña del Mar in Chile Deine Worte zu hören, neben all den weltweiten Krisen hat hier in der Stadt, in der ich mich inzwischen sehr zuhause fühle ,ein furchtbares Feuer ganz in meiner Nähe am Donnerstagabend über 500 Häuser und viele Hectar Wald völlig zerstört. Gleichzeitig ist eine ungeheure Solidarität zu spüren,, es klingt wie „Fürchtet Euch nicht“ wir sind um Euch ,mit Euch ,für Euch. Dieses Fürchtet Euch nicht gibt Kraft und Mut und Hoffnung ,,es wird wieder anders. Danke

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