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Jede*r hat das Recht auf einen Platz zum Leben

Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. (Markus 10,43)

Erste*r sein wollen. Ist das etwas, worum nur Kinder in der Kita oder in der Schule streiten oder ist das vielleicht etwas Urmenschliches? Ist das nicht normal, sich für die eine oder andere Gelegenheit schon einmal frühzeitig um einen (guten) Platz zu bemühen? Langsam ist ja so manches wieder möglich – und da muss man oft schnell sein, wenn man für das eine oder andere z.B. noch Karten bekommen möchte.

Und überhaupt ist es ja auch grundsätzlich im Leben wichtig, einen Platz zu finden. Einen Platz zum Wohnen, einen Arbeitsplatz, einen Platz, an dem ich mich sicher, wohl und geborgen fühle.

Und darum sind die Bilder aus der Ukraine so schwer und eigentlich gar nicht auszuhalten, weil den Menschen dort momentan all das genommen wird. Das soll und darf völkerrechtlich und auch nach Gottes Willen nicht sein. So ermahnt Jesus seine Freund*innen auf seinem letzten Weg Richtung Jerusalem:

Ihr wisst: Die Herrscher der Völker unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen und die Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch darf das nicht so sein: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen.

Dieser Rede vorangegangen war ein Wettstreit oder auch Rangstreit unter den Jünger*innen: Ausgerechnet die beiden Brüder – Jakobus und Johannes – bitten Jesus, ob er ihnen nicht schon einmal im Himmelreich einen Platz direkt neben ihm versprechen könnte. Aber Jesus lässt nicht mit sich handeln. Wobei er zunächst gar nicht antwortet, sondern eine Gegenfrage stellt: Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet. Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke?

Noch geben die beiden nicht auf. Ohne zu zögern, antworten sie: Ja, das können wir. Aber sie ahnen hier nicht, was das tatsächlich bedeutet. Jesus stimmt ihnen zwar zu. Ja, sie werden den bitteren Kelch trinken, werden ihn auf seinem Weg begleiten, aber der wird sehr hart und auch für sie kein leichter sein.

Und darüber hinaus wird er nicht entscheiden, wer einmal neben ihm sitzen darf. Darüber wird nur Gott selbst befinden. Und dann folgen die schon genannten Sätze. Und sie rücken den Streit um das Besser-Sein-Wollen in einen größeren Zusammenhang.

Denn schnell kann der Wunsch nach Vorteilen und Privilegien zu einer Überheblichkeit führen. Und wenn dann erst einmal eine besondere (Macht-)Position errungen ist, sind Unterdrückung und Machtmissbrauch oft die Folgen.

Aber bei euch darf das nicht so sein… und jetzt bekommen die Freund*innen sogar doch einen Platz zugewiesen. Allerdings nicht vorne, sondern hinten, bei denen, die Hilfe und Unterstützung brauchen.

Einander dienen – füreinander da sein. Gemeinsam für Plätze sorgen, das lese ich aus diesen Worten. Denn eben jede*r hat das Recht auf einen Platz zum Leben, zum Erfahren von Gemeinschaft und Geborgenheit, zum Wohlfühlen. Einen Platz, wo man einander vertrauen kann. Uns dafür einsetzen – mit Gottes Hilfe – das sollten wir.

Wir beten:

Du, unser Gott, so vieles liegt uns auf dem Herzen. Wir bitten dich: Halte deine schützende Hand über allen, denen Gewalt angetan wird, die leiden, verfolgt und unterdrückt werden. Wir bitten dich, hilf in der Not, schenke Hoffnung und Rettung, schenke sichere Lebensräume. Hilf, dass Ängste schwinden. Amen.

Sabine Grüneklee-Herrmann