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Goldener Mittelweg

Sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: einsichtig zu sein und mich zu erkennen, dass ich, der HERR, es bin, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn daran habe ich Gefallen. (Jeremia 9,23)

Darf man sich manchmal selbst loben? Als ich diese Frage einmal im Gottesdienst in einem Seniorenzentrum gestellt habe, bekam ich zwei interessante Antworten darauf. Die erste Reaktion von einer Ehrenamtlichen, die sich in der Einrichtung engagiert und auch die Gottesdienste begleitet, klang so:

„Ja, wenn man etwas Gutes gemacht hat, das auch anderen nützt, dann darf man sich schon mal loben. Herr Heun, schauen Sie sich zum Beispiel unsere neue Bücherei an. Da haben wir wirklich etwas Schönes zustande gebracht.“

Ich habe mir die neue Bücherei später angeschaut. Sie konnte sich wirklich sehen lassen und die Mitarbeiterin war zu Recht stolz darauf.

Die zweite Reaktion kam von einer Bewohnerin:

„Wenn ich etwas geschafft oder etwas durchgestanden habe, dann ist doch immer noch die Frage, habe ich es ganz allein aus eigener Kraft geschafft oder wem habe ich es vielleicht noch zu verdanken?“

Jeremia schreibt:

„Wer weise ist, rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich ist, rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: einsichtig zu sein und mich zu erkennen, dass ich, der HERR, es bin, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn daran habe ich Gefallen.“ (Jeremia 9,22-23)

Wir sprechen nicht umsonst von einem ‚gesunden Selbstbewusstsein‘, weil uns  eben bewusst ist, dass es auch ungesunde Verhältnisse zur eigenen Person gibt.

Und das gilt in beide Richtungen.

Ich erlebe Menschen, denen es schwerfällt, sich selbst positiv wahrzunehmen. Und ich erlebe welche, die sich permanent selbst überschätzen oder, zumindest nach außen, den Anschein erwecken. Wie es innen drin aussieht, weiß ich nicht. Die einen möchte ich am liebsten mit Lebensmut und Selbstbewusstsein impfen, weil das nicht zuletzt auch die seelischen Abwehrkräfte stärkt. Und das können wir im Leben immer gut gebrauchen.

Den anderen würde ich gerne helfen einzusehen, dass es keine Niederlage bedeutet, wenn man auch einfach nur ein ‚normaler Mensch‘ ist.

Für mich deuten die Worte aus dem Buch Jeremias auf einen goldenen Mittelweg.

Den Weisen, den Starken und den Reichen wird nichts von dem Guten, das sie haben, abgesprochen. Den Fokus lenken diese Verse aber auf Gott. So wird das Gute nicht klein geredet und zugleich der Blick auf den Guten, auf den Ursprung alles Guten in unserem Leben gelenkt.

Das ist die Perspektive des Glaubens: was wir haben, das haben wir empfangen. Es ist uns gegeben. Es ist Gnade, Geschenk.

Und so richtet sich der Blick im Glauben auf den Schenkenden. Er, Gott, rühmt sich selbst und lobt sich ohne Einschränkung:

„…ich, der HERR, bin es, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden…“

So finden wir unseren Platz – nicht ganz so wichtig und erfolgreich, wie wir manchmal meinen, und zugleich doch über alle Maßen wertgeschätzt und reich beschenkt.

Welchen Namen Menschen dabei dem Ursprung geben, den wir Gott nennen, ist vielleicht sogar zweitrangig. Das Leben ist ein Geschenk, meine Zeit steht in seinen Händen.

Wir beten:

Gott, ich vertraue mich dir an. Danke für deine zuverlässige Treue. Danke für all das Gute. Ich bitte dich um Kraft für meinen Weg. Und ich vertraue dir auch meine Sorgen an. Amen.

Johannes Heun