Dieser Beitrag wurde 105 mal aufgerufen

Kain und Abel

Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? (1. Mose 4,9a)

„Des is hoit so“ – „Das ist halt so“ – mit diesem Satz kommentiert unsere bayerische Freundin oft Geschehnisse, die nicht so ganz gut gelaufen sind, an denen aber nun auch nichts mehr zu ändern ist. Zum Beispiel, wenn mal wieder der Blitz in die Telefonanlage eingeschlagen ist und dann wieder Telefon und Internet für längere Zeit ausfallen. Nicht schön, aber: „Des is hoit so.“

Im Leben gibt es ja so manches, das anders verläuft, als wir uns das wünschen. Viele Menschen fühlen sich inzwischen nur noch genervt, wenn sie das Wort „Corona“ hören, einige sind verzweifelt und wieder andere fühlen sich um so manches betrogen, was in den letzten Monaten auf Grund dieser Krise nicht stattfinden konnte.

Vielleicht bewegen Sie und euch in diesen Tagen aber auch noch ganz andere Bilder. Menschen, die in Panik versuchen, Afghanistan verlassen zu können. Sorgen, was aus denen wird, die dort bleiben müssen. Oder die erschreckenden Bilder aus Haiti, und dann auch noch ganz konkrete Nöte im eigenen Umfeld…

Und kennen Sie dann dieses Gefühl, auch schon einmal nach links oder rechts zu „schielen“, zu den anderen, denen es scheinbar so viel besser geht, die scheinbar keine Sorgen haben müssen? Warum haben die anderen immer so viel mehr Glück als ich?

Ein urmenschlicher Gedanke, der allerdings gefährlich werden kann. Davon erzählt die Geschichte der beiden ungleichen Söhne von Adam und Eva ganz zu Beginn unserer Bibel. Der Erstgeborene ist stark, der Liebling seiner Mutter, so lässt es der Name Kain vermuten. Der andere, Abel, scheint wohl eher schwach und zart wie ein Windhauch.

Und ausgerechnet diesen scheint Gott auf einmal mehr zu lieben, so empfindet es Kain zumindest. Sein Opfer scheint Gott an diesem Tag nicht anzunehmen. Er fühlt sich schuldlos ungerecht behandelt. Und das macht ihn sehr wütend.

Ist er Gott etwa auf einmal gleichgültig? Nein, das ist er nicht. Ganz im Gegenteil. Gott sieht besorgt den Zorn, der in Kain aufsteigt, und will ihn vor sich selbst schützen. Aber Kain ist in dem Moment zu sehr in sich selbst verstrickt und taub und blind für gute Ratschläge. Wenig später liegt der jüngere Bruder, von ihm erschlagen, auf seinem Feld.

Und nun? Gott spricht ihn wieder an: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain wehrt diese Frage schroff ab: Er ist doch nicht der Hüter seines Bruders. Noch ahnt er nicht, dass er auch sein eigenes Leben zerstört hat. Seine Heimat wird er verlassen müssen, all seinen Besitz verliert er. Er ist tatsächlich schuldig geworden.

Allerdings verspricht ihm Gott am Ende dennoch, auch in der Fremde und in allem Suchen bei ihm zu bleiben. Und er wird ihm sogar ein Schutzzeichen auf seine Stirn geben – ähnlich, wie Christ*innen einem Täufling mit Wasser ein Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnen: Du bist nicht allein, Gott begleitet dich! Diese Zusage gilt immer, was auch immer geschieht. Das ist so!

Diese Zusage kann uns vielleicht helfen, das Schielen nach rechts und links besser zu lassen. Es wird immer andere geben, die mehr haben, mehr können und besser sind als ich. Neid, Eifersucht und Missgunst können zu Streit führen oder uns von innen her aushöhlen, bis dahin, dass sie uns die Lebenslust rauben.

Es gibt eben tatsächlich vieles, das wir nicht ändern können. Diese Einsicht mutet uns die Geschichte von Kain und Abel zu. „Des is hoit so.“

Ich wünsche uns, dass wir annehmen können, worauf wir keinen Einfluss haben, und dass wir lernen, mit dem zufrieden zu sein, was wir haben. Ich wünsche uns, dass wir uns freuen können über viele kleine Dinge, die das Leben für jede*n bereithält. Und ich wünsche uns, dass wir zugleich mutig sind: da wo wir etwas verändern können für uns selbst und auch für andere. Dass wir hinschauen und nicht wegsehen und wenn möglich eingreifen oder zumindest unsere Stimme erheben, wo jemandem in unserer Nähe Unrecht geschieht.

Und in allem Annehmen und immer wieder doch auch Nichtverstehen, in allem Tun und Lassen, in allem Antworten finden und Fragen stellen wünsche ich uns, dass Gott uns schützend in seiner Hand hält.

Wir beten:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und den Mut, Dinge zu verändern, die ich ändern kann. Und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Sabine Grüneklee-Herrmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.