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Ein neuer Blick auf unsere Verwundbarkeit

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Korinther 12,9)

Es ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die wir aus der Corona-Pandemie ziehen: dass sie uns unsere Verwundbarkeit vor Augen geführt hat und weiterhin zeigt. Jedem und jeder einzelnen, aber auch uns als gesamter Gesellschaft. Wir alle haben diese Verwundbarkeit in den vergangenen eineinhalb Jahren in vielfältiger Weise hautnah erleben müssen:

durch die Angst vor eigener Infizierung, vielleicht durch eigene Erkrankung,
durch die Angst, andere anzustecken,
durch die Sorge um die alten Eltern oder andere Weggefährt*innen,
durch die Trauer um die, die durch das Virus verstorben sind,
durch verstörende Bilder aus anderen Ländern, in denen das Virus noch ganz anders tobt.

Alle diese Erfahrungen erlauben uns nicht mehr zu verstecken, dass Krankheit und auch Sterben zu unserem Menschsein dazu gehören. Wie sehr war es bis dahin in unserer Gesellschaft üblich, gesundheitliche Mängel zu kaschieren oder auszublenden, der Gesundheit zu huldigen, das Sterben möglichst zu verdrängen. Durch die Erfahrungen mit Corona ist das Verdrängen schwieriger geworden, denn jetzt sind wir alle gefährdet.

Vielleicht verbirgt sich darin aber auch ein Gewinn: Wir können nicht mehr daran vorbeisehen, dass wir als Menschen begrenzte und sterbliche Wesen sind. Das Virus zwingt uns dazu, neu hinzusehen.

Klar, wir hoffen jetzt im Herbst wieder auf Freiheiten, darauf, dass normales Leben zurückkehrt, dass Veranstaltungen wieder möglich werden, Gruppen sich wieder treffen können – auch in unseren Gemeinden. Dennoch wird vielleicht etwas übrigbleiben: die Erfahrung, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie zerbrechlich unsere Gesundheit ist. Dass wir kein Anrecht auf sie haben, dass das alles unverfügbar bleibt. Auch dass Gesundheit, Fitness, Leistungsfähigkeit und Jugendlichkeit nicht einfach als Werte ungefragt obenan stehen.

Wir haben da in Paulus einen wunderbaren Wegbegleiter. Er hat immer wieder von einer eigenen Krankheit berichtet, die ihm schwer zu schaffen machte. Aus ihr hat er kein Geheimnis gemacht. Hat seine Verletzlichkeit nicht versteckt. Für ihn wurde sie zu einem Schlüssel für ganz entscheidende, auch geistliche, Erfahrungen, die er machen durfte: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ sagt er und macht damit deutlich, dass diese Verletzlichkeit kein Makel ist, sondern dass sie für uns auch zu einer Kraftquelle werden kann. Wenn es uns gelingt, sie anzunehmen, sie in unser Leben zu integrieren. Weil Erfahrungen von Verletzlichkeit uns auch auf das Wesentliche stoßen, uns dankbarer werden lassen, bewusster sehen lehren.

Weil sie uns berührbar machen auch für das Leid anderer, weil sie uns öffnen für ein sensibles Hinschauen dahin, wer gerade besonders verletzlich ist und wer vielleicht meine Fürsorge braucht. Solidarität kann wachsen, Mitmenschlichkeit unsere Gesellschaft verwandeln. „Wenn ich schwach bin, habe ich Kraft“ (2. Korinther 12,10). Und mittendrin, so hat es Paulus erlebt, wurde ihm seine körperliche Einschränkung und seine Verwundbarkeit zu einem Erfahrungsort für das Göttliche: „Gott hat ein helles Strahlen in unsere Herzen gegeben… doch diesen Schatz haben wir in zerbrechlichen Gefäßen“ (2. Korinther 4,6-9). Zerbrechliche Gefäße, damit meint er uns mit unserer körperlichen Existenz, mit unserer Endlichkeit.

Und dennoch: Ich erlebe immer wieder Menschen, die körperlich sehr gebrechlich sind, die aber dennoch eine große Kraft ausstrahlen, eine Kraft, die von innen kommt, eine göttliche Kraft. Mein Körper kann schwach und gebrechlich sein, meine Seele aber kann dennoch von innen her leuchten.

Ach, wäre das schön, wenn die belastenden Erfahrungen mit Corona uns zu einem veränderten Blick auf uns selbst und auf unsere Gesellschaft führen würden.

Friederike Wilberg

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