1.) Ein Mann trifft in New York in einem Café eine Frau, die exakt so aussieht wie seine Ex-Freundin Debbie. Es stellt sich heraus, dass sie tatsächlich eine Version von Debbie ist, allerdings stammt diese Debbie aus einem Paralleluniversum. Die „echte“ Debbie war nach Australien ausgewandert. Ihre Doppelgängerin nimmt in ihrem Paralleluniversum an einer bizarren TV-Show teil. Sie wurde auf unsere Erde geschickt, um die eine Sache zu finden, die ihre Welt von unserer unterscheidet. Findet sie diese Besonderheit, gewinnt sie eine Million Dollar. Wenn nicht, muss sie für immer in unserer Realität bleiben. In der letzten Runde der Show waren es die Selfie-Sticks, die in ihrer Welt fehlten.
Während der Ich-Erzähler und Nicht-Debbie eine kurze, intensive Affäre beginnen, sucht sie verzweifelt nach dem fehlenden Puzzleteil. Die beiden besuchen die Trinity-Church, in der die Hauptfigur einst als Neuankömmling in New York geschworen hat, einmal zu heiraten, wenn es je dazu kommen sollte. Nicht-Debbie wird unruhig und stellt schließlich fest: „Moment mal, dann gibt es in deiner Welt Kirchen, Moscheen, Synagogen und alles ist genau wie bei uns, nur Gott ist nicht wirklich drin? Kapierst du, das ist einfach eine Welt ohne Go…“ Mitten im Satz verschwindet sie.
Der Ich-Erzähler versucht sich Jahre später noch auszumalen, ob Debbie in ihrem Paralleluniversum glücklich ist oder doch traurig, weil sie ihn nicht mehr findet und immer noch vermisst. Er selbst heiratet in der Trinity-Church Debbie, die aus Australien zurückgekehrt ist. Ihre beiden Kinder werden lernen, „in einer Welt ohne Gott zu leben, wie ich.“
2.) Mit diesen Worten endet die Kurzgeschichte des israelischen Autors Etgar Keret „Eine Welt ohne Selfie-Sticks“. Sie ist 2024 in dem Band „Starke Meinung zu brennenden Themen“ auf Deutsch erschienen. Selten hat mich eine Geschichte so lange beschäftigt. Etgar Keret entwirft hier ein surreales Szenario, das uns den Spiegel vorhält. Es ist eine Mischung aus Liebesgeschichte, tiefer Philosophie – und eine Herausforderung unseres Glaubens.
Nicht-Debbie kommt aus einer anderen Welt. Sie ist eine Art „Besucherin aus dem Jenseits“, nur dass dieses Jenseits ein Paralleluniversum ist. Sie beobachtet uns, unsere Selfie-Sticks, unsere Bildschirme, unsere Rastlosigkeit. Die Suche nach dem fehlenden Objekt spiegelt eine theologische Frage nach dem wider, was im Leben wirklich wichtig ist. Es geht um die Sehnsucht nach einer Welt, in der Dinge nicht nur oberflächlich (wie bei einem Selfie) festgehalten, sondern erlebt werden.
Der Selfie-Stick, der schon in einer früheren Sendung der TV-Show im Paralleluniversum enttarnt wurde, steht symbolisch für die moderne Selbstbespiegelung und Isolation. Eine Welt ohne ihn ist eine Welt, die sich auf das Gegenüber und das Hier und Jetzt konzentriert – eine Rückkehr zur zwischenmenschlichen Verbindung statt zur virtuellen Selbstdarstellung. In der Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Nicht-Debbie wird das gelebt und erlebt. Es ist die Sehnsucht nach einer Beziehung, die über die bloße Realität hinausgeht.
3.) Mich erinnert das an einen zentralen Punkt unseres Glaubens: die direkte Zuwendung zu meinem Mitmenschen, die Beziehung zum anderen, die gelebte und erlebte Nächstenliebe. Hier erfahren Menschen etwas von Gott. Das ist entscheidend dafür, wie wir unsere Leben und wie wir unsere Arbeit ausrichten: Das mag oft nur gebrochen geschehen, aber die zwischenmenschliche Begegnung ist ein Schlüssel für unsere Entdeckung Gottes. In unser immer pluraleren und säkulareren Gesellschaft wird die Nächstenliebe, die Menschen üben und erleben, zum entscheidenden Kriterium.
In Jesu Worten: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Hier entsteht eine Brücke von Christinnen und Christen her zu allen, die konkret barmherzig handeln. Gott erkennt ihr Handeln an, unabhängig davon, mit welcher Begründung jemand handelt, ob sie christlich ist oder nicht, ob sie überhaupt religiös ist oder nicht.
Und im Blick auf die Suchprozesse unserer Kirche, sich unter neuen Bedingungen für die Zukunft aufzustellen, höre ich die Weisung Jesu: Vergesst nicht, wo euch Gott überall begegnen kann. Wenn ihr auf den Spuren Jesu Nächstenliebe übt, seht ihr – ohne es zu wissen – im Gesicht eurer Mitmenschen Gott. Diakonie braucht deshalb einen Platz und einen Stellenwert in eurer Kirche. Denn sie entspricht dieser oft verborgenen und vergessenen Präsenz Gottes unter uns und hält Menschen für diese Erfahrung Gottes offen.
4.) In der Kurzgeschichte ändert sich alles, als Nicht-Debbie entdeckt: Gott ist gar nicht da in dieser Welt. Wie ein Schock wirkt diese Erkenntnis. Doch die Story geht weiter, als wäre nichts geschehen. Obwohl Gott weg ist, läuft das religiöse Leben wie immer. Die Kirchen sind vielleicht leer, vielleicht auch voll, die Rituale werden begangen, man spricht über Gott, man betet, lebt die diakonische Zuwendung zum Nächsten – aber es ist eine Handlung ohne Akteur. Es ist wie eine Theateraufführung, bei der der Hauptdarsteller längst den Saal verlassen hat, die Schauspieler aber einfach weiter ihre Texte aufsagen.
5.) Der Autor Etgar Keret sagt über sich selbst und seinen Glauben: „Wann immer mich jemand nach meiner religiösen Identität fragt, sage ich gerne, dass ich ein „agnostischer Jude“ bin. Wenn die Leute dann wissen wollen, was zur Hölle das bedeuten soll, erkläre ich, dass ich zwar nicht wirklich an Gott glaube, aber trotzdem eine mordsmäßige Angst vor ihm habe.“
Zu seiner Kurzgeschichte führt er aus: „[…] als ich am Ende angekommen war, wurde mir klar, dass die Geschichte in New York und nicht in Tel Aviv spielen musste – und sei es nur, damit ich sie in einer Kirche und nicht in einer Synagoge enden lassen konnte. Denn im Moment der Wahrheit, wenn man Gott gegenübertreten und ihm sagen muss, dass es ihn nicht gibt, ist das viel einfacher vor dem Gott eines anderen.“ Und weiter: „Ich weiß, dass ich geraume Zeit brauchte, um mich zum Schreiben dieses Textes durchzuringen. Der leitende Gedanke war, dass unserer Welt möglicherweise etwas zutiefst Essenzielles fehlt – etwas Unvorstellbares, das wir vielleicht niemals begreifen werden. […]. Das mit Gott überrascht mich selbst immer wieder“.
6.) „Die Welt ohne Selfie-Sticks“ ist eine radikale Anfrage an unseren Glauben. Ist unser religiöses Leben, ist die Arbeit in unserer Kirche und Diakonie nur noch Routine, ein Weiterlaufen „wie immer“? Erwarten wir die persönliche Präsenz Gottes in unserem Leben noch oder spüren wir sie? Mit wieviel Distanz oder Überzeugung leben wir, leben die Mitarbeitenden in Kirche und Diakonie die Zuwendung zu den Menschen, für die sie da sind? Welche Rolle spielt dabei ihr Glauben – und welche Rolle kann er überhaupt spielen?
Die Abwesenheit Gottes ist die Einladung, den Glauben nicht als sicheren Besitz, sondern als suchende Sehnsucht zu verstehen. Vielleicht müssen wir manchmal den Selfie-Stick weglegen – metaphorisch gesprochen –, um zu erkennen, dass wir nicht im Mittelpunkt der Welt stehen, sondern Gott. Das wusste in einem gewissen Sinn schon Dietrich Bonhoeffer. Eine Welt, die zurecht ohne die Arbeitshypothese Gott auskommt, war für ihn eine mündige Welt. Die ist zwar „Gott-loser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt“. Bonhoeffer weiter: „Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“
Dort, wo Gott scheinbar nicht mehr da ist, beginnt die Aufgabe des Glaubens: Nach ihm zu suchen – und Gott in der Zuwendung zum Nächsten zu entdecken.
Andreas Müller