Es ist erfrischend, wenn jemand außerhalb der eigenen Tradition die Botschaft des Evangeliums aufgreift – wie Jonathan Rauch. Der preisgekrönte US-Journalist (u. a. für The Atlantic) diskutiert im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Sasha Mounk, in welcher Beziehung das Christentum zu Gesellschaft und Demokratie steht. Seine Gedanken erinnern an den Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann.
Rauchs Aussagen sind umso bemerkenswerter, als er sich selbst als jüdischen Atheisten bezeichnet. Er beleuchtet drei christliche Grundpfeiler, die von der religiösen Rechten oft ins Gegenteil verkehrt werden – und die für Christen wie Nichtchristen gleichermaßen gelten sollten.
Der erste Pfeiler: Don‘t panic. Habt keine Angst! Wie ein roter Faden zieht sich diese Aufforderung Jesu durch die Evangelien. Wie anders klingt das bei den Predigern der Angst – vor den Fremden, den Andersgläubigen, den Feinden der eigenen Kultur oder gar des Volkes. Der Appell gilt auch uns, wenn wir in Resignation zu verfallen drohen: Habt keine Angst, euch den großen gesellschaftlichen wie persönlichen Herausforderungen zu stellen!
Der zweite Pfeiler: Seid wie Jesus, der bei den Schwachen war und sich radikal für diejenigen einsetzte, die außerhalb der eigenen (religiösen) Gemeinschaft waren. Das ist etwas anders als etwa die Forderung nach Ausgrenzung und Remigration.
Und der dritte Pfeiler: Vergebt einander! Wer dazu bereit ist, macht aus politischen Gegnern keine Feinde, denen man es heimzahlen muss, wenn man an die Macht kommt. So lässt sich auch eine Wahlniederlage akzeptieren.
Für Rauch sind das die drei Grundpfeiler, die zugleich eine Demokratie tragen, die am Gemeinwohl orientiert ist.
Ich fand es inspirierend, aus atheistischer Perspektive zu hören: Seid christlicher, d.h. auch jesuanischer als diejenigen, die das Evangelium missbrauchen, um ihr völkisch-religiöses Überlegenheitsgefühl zu stärken. Und es hilft, mir noch einmal mehr die gesellschaftliche Relevanz des Evangeliums klarzumachen. Gerade dann, wenn man das Gefühl hat mitzuerleben, wie überall Kräfte erstarken, die kein Interesse mehr an einem offenen Dialog haben und so an die Grundlagen unseres Zusammenlebens gehen.
Don‘t panic und: Macht es wie Jesus! Damit sind die Probleme nicht aus der Welt geschafft. Aber es zeigt uns noch einmal, wovon wir leben.
Wolfram Jehle