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Auferstehung

Und unsere Hoffnung steht für euch auf festem Grund, weil wir wissen: Wie ihr das Leiden teilt, so teilt ihr auch die Tröstung. (2. Korinther 1,4-7)

Als Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde, da brach dieses schreckliche Ereignis denen, die ihn liebten, das Herz. Alles, woran sie geglaubt, was sie gehofft hatten – es lag vor ihren Augen brutal und unwiederbringlich in Scherben. Nackte Gewalt beendete den Traum vom besseren Leben, von einer gerechten und friedlichen Welt. Nackte Gewalt zerstörte, was sie liebten.

Ich glaube, in diesem Jahr hören wir die Erzählung von dieser Katastrophe anders als in der Vergangenheit. Die täglichen Bilder und Berichte aus der Ukraine gehen uns unter die Haut. Wir erleben mit, was es heißt, wenn eine Hoffnung zerplatzt und die rohe Gewalt herrscht. Der europäische Frieden, an den viele von uns glaubten – die neue Welt, auf die wir nach dem Mauerfall hofften – das alles wurde von diesem Krieg regelrecht platt gemacht.

Natürlich sind wir in einer sehr viel komfortableren Situation als die Menschen in der Ukraine. Wir müssen weder um unser Zuhause, um unsere Stadt und schon gar nicht um unser Leben fürchten. Aber wie es sich anfühlt, wenn Hoffnungen und Lebenseinstellungen von schlimmen Ereignissen regelrecht zerstört werden, das ist uns nun sehr nah gekommen.

Die Kreuzigung Jesu ist aus christlicher Sicht ein Tiefpunkt der menschlichen Geschichte. Sie zeigt uns, WOZU wir fähig sind. Auch davor und danach, bis zum heutigen Tag, leben wir mit der Finsternis von Gewalt, Terror und Krieg. Im Christentum gilt die Kreuzigung als Symbol dieser Finsternis: Der Himmel verfinstert sich in der Todesstunde Jesu und der Vorhang im Tempel zerreißt. Wie in einem Brennglas erzählen uns die Evangelien von jenen schrecklichen Tagen: Selbst der Messias wurde nicht verschont. Das ist die bittere Wahrheit.

Wäre es allerdings dabei geblieben, dann wüssten wir heute wahrscheinlich nichts mehr über dieses Ereignis. Es wäre ein grausamer Tod wie so viele davor und danach gewesen – eins der unzähligen unschuldigen Opfer im Lauf der menschlichen Geschichte. Aber es geschah etwas Erstaunliches, Einmaliges: Die Menschen, die Jesus liebten, sie fingen an davon zu erzählen, dass Jesus auferstanden ist.

Sie sagten: Das Licht BLEIBT in der Finsternis der Welt – das Göttliche BLEIBT – auch wenn sie ihn ermordet haben. Es war eine überwältigende Erfahrung. Und die Kraft, die davon ausgeht – sie macht das Christentum aus bis heute. Von dieser überwältigenden Erfahrung erzählt uns der Apostel Paulus im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth:

Gott tröstet uns in jeder bedrängten Lage, so dass wir andere trösten können – andere, die auf so viele Weisen bedrängt sind – ja, wir können sie trösten mit dem Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden. Denn so wie die Leidenserfahrungen des Messias über die Maßen über uns hereinbrechen, so werden wir durch den Messias auch über die Maßen getröstet.

Wenn wir in Gefahr sind, führt das zu Trost und Rettung auch für euch. Wenn wir getröstet werden, erfahrt auch ihr Trost. Dieser zeigt seine Macht, wenn ihr dasselbe erleidet, was wir erleiden, ohne daran zu zerbrechen. Und unsere Hoffnung steht für euch auf festem Grund, weil wir wissen: Wie ihr das Leiden teilt, so teilt ihr auch die Tröstung. (2. Korinther 1,4-7)

Leiden und Tröstung. Eine Tür schließt sich – das ist das Leiden. Eine andere geht auf – das ist der Trost. Leiden, ohne daran zu zerbrechen, nennt Paulus das. Das ist eine Sicht, die erst im Nachhinein entsteht.

Es braucht dafür ein bisschen Abstand. Auch das erzählen uns die Evangelien: Wenn sich eine Tür vor uns schließt, dann haben wir schon manchmal das Gefühl, daran zu zerbrechen. Wenn sich die Tür vor uns schließt und uns trennt von dem, woran unser Herz hängt – dann sehen wir zunächst nichts anderes als eben diese verschlossene Tür. Lange, manchmal sehr lange brauchen wir, um den Blick von der geschlossenen Tür abzuwenden. Woanders hinzusehen.

Davon spricht Paulus, wenn er über Trost redet: Die Blickrichtung zu ändern. Den Blick auf die offene Tür richten und den Fokus zu verschieben. Denn das ist der Trost: Wenn die eine Tür sich schließt, dann gibt es eine andere, die sich öffnet.

Gerade wenn wir in Gefahr sind und leiden müssen, dann führt uns Gott zu Trost und Rettung, sagt Paulus. Das war DIE Erfahrung der ersten Christinnen und Christen: Nach dem Tod Jesu fiel eine Tür ins Schloss, krachend, gewaltsam, furchtbar. Dahinter blieb alles zurück, woran sie glaubten, was sie liebten, wofür sie lebten. Erst langsam verstanden sie, dass sich eine andere Tür geöffnet hatte. Die neue Tür hieß „Auferstehung“. „Er lebt“, sagten sie. Und durchschritten diese neue, offene Tür: Auferstehung.

Diesen Menschen verdanken wir unseren Glauben, unsere Religion. Wären sie vor der zugeschlagenen Tür stehen geblieben, hätten sie nur auf das Verlorene gestarrt – dann hätte es das, was seit 2000 Jahren das Christentum ausmacht – dann hätte es das nie gegeben.

Sowohl das römische Militär als auch die Gegner Jesu in seinem Volk – sie schlugen die Tür zu hinter Jesus, hinter ihrem unschuldigen Opfer. Und sie glaubten, das Problem hätte sich damit erledigt. Weit gefehlt. Sie hatten die Rechnung ohne Gott gemacht.

Denn die Leute um Jesus – sie blickten zwar eine Weile gebannt auf das, was verloren war. Gelähmt vor Angst, gefangen in ihrer Trauer. Doch die Engel am Ostermorgen sagten ihnen: Wenn ihr Jesus im Grab sucht, dann sucht ihr am falschen Ort. Ihr werdet ihn hier nicht finden. Sucht woanders nach ihm, ändert eure Blickrichtung! Und mit Gottes Hilfe fanden sie diesen neuen Blick. Mit Gottes Hilfe entdeckten sie die andere, die offene Tür: Auferstehung. Und diese Tür – sie sollte ein großes, ein bedeutendes Tor werden, ein mächtiges Portal: der Beginn einer Weltreligion. Auferstehung.

Wenn das Neue Testament von Auferstehung spricht, geht es nicht um einen platten Wunderglauben. Ob das Grab nun leer war oder nicht – viel wichtiger ist doch die Frage: Teile ich das, was die Frauen und Männer damals bewegte? Bewegt auch mich die Suche nach dem, was neue Hoffnung gibt? Bin auch ich angezogen von diesem nicht verlöschenden Licht? Und kann ich sagen: Auch ich gehe in meinem Leben auf verschlungenen Wegen diesem Licht entgegen? Wenn Paulus sagt: „Und unsere Hoffnung steht für euch auf festem Grund, weil wir wissen: Wie ihr das Leiden teilt, so teilt ihr auch die Tröstung.“ Kann ich dem zustimmen?

Kann ich sagen: Ja, ich vertraue darauf, dass Gott mir eine Tür öffnet, wenn eine andere sich schließt? Und: Ja, ich vertraue darauf, dass Gott mir und anderen Menschen Trost schickt im Leiden? Ja, ich vertraue darauf, dass wir bis heute die Erfahrung machen können, die Gott den ersten Christinnen und Christen schenkte: Dass selbst das größte Unglück, die schlimmste Gewalt nicht das letzte Wort hat – dass Gott immer noch eine andere Perspektive bereithält?

Das ist entscheidend. Das ist es, was das Neue Testament „Glauben“ nennt. Darum geht es. Damals und heute. Möge Gott diesen Glauben in euch wachsen lassen! Möge Gott euren Blick auf die Türen richten, die offen sind! Denn Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Elisabeth Müller

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