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Stille Nacht, Heilige Nacht

Was für ein unglaubliches Jahr 2021, das uns mit einem zweiten Weihnachtsfest in der Corona-Pandemie echt herausfordert. Landauf, landab wird diskutiert – und immer wieder werden unterschiedliche Haltungen und Bewertungen deutlich. Das ist für alle Beteiligten nicht leicht – ich merke, auch das Aushalten dieser Unterschiedlichkeiten gehört zu diesem Jahr und zu diesem Weihnachtsfest dazu.

In all den Anstrengungen dieser Tage schaue ich jetzt und hier auf das, was uns Mut und Hoffnung macht. Ich denke an die wunderschönen Weihnachtslieder, die mit ihren Melodien und vertrauten Texten Nahrung für die Seele sind. Mich hat in diesem Jahr das alte Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ neugierig gemacht – eigentlich fand ich es immer kitschig – und irgendwie spricht es mich doch in der Seele an… ich wurde neugierig… und habe mich auf eine Spurensuche begeben.

Dabei bin ich im Jahr 1818 gelandet, als das Lied zum ersten Mal gesungen wurde – zunächst mit sechs Strophen, bis es in unserem Gesangbuch mit den bekannten drei Strophen aufgenommen wurde. Mittlerweile ist es das bekannteste Weihnachtslied – es wurde in über 300 Sprachen übersetzt. Welche Impulse gibt uns das Lied für unser Weihnachtsfest heute? Drei Gedanken dazu:

Christ, der Retter ist da! – ganz einfach und ursprünglich. Die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt gebracht: Gott ist an deiner Seite, er lässt dich nicht allein in all deinen Sehnsüchten und unerfüllten Hoffnungen! Dieser Retter ist das kleine Kind – kein Superstar oder Investor, kein Regierungschef oder Minister, die angeblich alternativlose und dann doch wieder veränderte Programme verkünden.

Hier ist von einem Retter die Rede, der den Menschen zum „Wohlgefallen“ wird. Der menschenfreundlich ist und uns unsere Würde geben will. Diese Menschennähe Gottes ist ein ungeheurer Schatz unseres Glaubens. Und da, wo sie konkret wird – wo wir sie leben, da ist Christus, der Retter da. Oder wie die bereits verstorbene große Theologin Dorothee Sölle es sagt: „Gott braucht Freundinnen und Freunde, sonst hat er keine Macht.“

Wenn Gott sich klein macht. Im Mittelpunkt aller Liedstrophen steht das Kind – Gott macht sich klein, lässt sich vom einfachen Volk, den Hirten, bewachen. Er nimmt Stallgeruch an – so macht er uns Menschen groß, weil wir uns nicht vor ihm klein machen müssen. Ich stelle mir das so vor, als ob wir Erwachsene, wenn wir mit einem kleinen Kind spielen, in die Knie gehen. Wir bleiben nicht in unserer vollen Größe stehen, sondern gehen in die Knie… und sprechen die Worte, die das Kind schon versteht.

Wenn Gott sich klein macht, lebt er das Leben aus unserer Perspektive. Indem er teilnimmt an unserer Ohnmacht und unseren Sorgen, ist Christus, der Retter da. Weil Gott sich Weihnachten klein macht, fällt uns das Leid von Kindern so stark ins Auge. Die Coronakrise hat die Lage der Kinder in den ärmsten Ländern dramatisch verschärft. Die Kindernothilfe, die seit über 60 Jahren weltweit tätig ist, ist im Dauereinsatz, um Mädchen und Jungen in der Krise zu versorgen. Dabei erinnert uns jedes Kind an die Geburt des Christuskindes, an den guten Anfang Gottes.

Natürlich ist es eine schwere Kunst, mitten im Leiden und in der Krise nach dem Guten zu greifen. Die Hoffnung nicht über Bord zu kippen. Man braucht die Erinnerung an die guten Anfänge im Leben. Denn dann bin ich in der Krise nicht nur der, dem so viel misslungen ist. Ich bin auch die, der Gott einen guten Start ins Leben geschenkt hat.

Und schließlich: Stille – die Nacht der leisen Töne. In den letzten zwei Jahren ist für viele Menschen der persönliche Bewegungsradius kleiner geworden – wir waren mehr auf uns selbst geworfen – und manchmal war es auch hörbar stiller in unseren Städten. Stille kann sehr berührend sein. Wenn sich nichts mehr regt, wenn wirklich alles schläft, wenn alle Rädchen stillstehen und alle Hamsterräder, in denen wir stecken, innehalten. Wenn alle Handys und Smartphones ihre Botschaften einstellen, wenn keine PC-Tastatur mehr klappert und kein Auto mehr fährt – dann könnte es tatsächlich still werden.

Ganz selten erlebe ich solche heiligen Momente in meinem lauten Leben, manchmal am Urlaubsmorgen im Eifeler Wald – himmlische Ruhe, heilige Stille… So bekommt unser Weihnachtslied der Stillen Nacht für mich plötzlich einen weiteren theologischen Impuls: Gott, der in der Stille kommt. Schon der alttestamentliche Prophet Elia begegnet Gott nicht im donnernden Erdbeben, nicht im knisternden Feuer, sondern in der Stille. Vielleicht ist ja gerade in der Stille dieses Kind an unserer Seite, dieses Krippenkind und Gottes Sohn deutlicher zu hören, als in dem ganzen Lärm und Trubel von Weihnachten.

Ich nehme dieses Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ in diesem Jahr ganz bewusst in meinem Herzen mit, wenn ich später aus der Kirche heraus in die Stille der Heiligen Nacht und in mein Leben steige. So kann diese Nacht wirklich still und heilig sein, wenn sich „himmlische Ruh“ ausbreitet, weil der Heiland gekommen ist in diesem Christuskind.

Und die Stille, die über dieser Nacht liegt und der Friede Gottes, berühre und behüte Sie in Ewigkeit durch Christus Jesus! Ich wünsche Ihnen ein gesundes und friedvolles Weihnachtsfest. Amen.

Marion Greve