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Ein Kernsatz des Glaubens

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. (Römer 15,7)

„Was soll ich tun?“ So fragte einmal ein Mensch in großer Auflösung Jesus (Markus 10,17). „Was sollen wir tun?“ Das fragte mich einmal, vertrauensvoll, ein Ehepaar. Ich hatte die beiden getraut und die Kinder getauft. Es war eine schöne Hochzeit, mit vielen herzlichen und warmen Besonderheiten, mit Texten und Musik, die die Liebe betrafen. Jetzt war die Situation anders. Erkaltet. Was sollen wir tun?

Fast 40 Prozent der Eheschließungen wurden 2021 geschieden. Manchmal erlebe ich es auch, wenn ich zu Fuß unterwegs bin: Dann gehen mir einst in der Kirche von mir getraute Menschen aus dem Weg, weil die Ehe kaputt gegangen ist. Und sie denken wohl, wenn einem dann der Pfarrer von damals über den Weg läuft, dann ist das unangenehm oder sogar ärgerlich. Vielleicht fühlt sich jemand schuldig oder hat den Glauben an die Liebe verloren, vielleicht hat jemand im Nachklang der Trennung einen fürchterlichen Rosenkrieg erlebt und nicht nur er oder sie, sondern auch die Kinder sind daran beteiligt. Vielleicht würde manch einer genau diese Trauung dann am liebsten aus der Biografie radieren, wenn es denn ginge.

Ich kenne auch jemanden, der gesagt hat: „Ich gehe nicht mehr in die Kirche! Bei der Hochzeit war das das letzte Mal – und ich habe gesehen, was sich daraus entwickelt hat“. Mich schmerzt dann das Heile‐Welt‐Pfarrerbild, das Heile‐Welt‐Kirchenbild dieses Menschen. Aber ich bin der Meinung, der Kern des Glaubens ist umfassender und der Pfarrer ist auch dann der seelische Beistand, wenn es nicht gut läuft!

Das Paar, von dem ich berichtet habe, konnte ich an eine evangelische Beratungsstelle verweisen. Ob es eine Eheberatung oder Trennungsberatung wurde, kann ich nicht sagen. Ich selber habe mittlerweile in diesem Bereich privat eine intensive psychologische Beraterausbildung gemacht und merke, wie sinnvoll das ist. Scham und Schuld, Verletzungen und Zorn haben auch im Glauben ihren Ort. Das gehört zu unserer Welt und gerade in der Kirche kann das angesprochen werden.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ – das ist ein Kernsatz des Glaubens. In der Bruchstückhaftigkeit des Lebens unterwegs zu sein kann auch bedeuten, zu scheitern, und dennoch mit sich und anderen im Sinne Jesu unterwegs zu sein. Man müsste seine Verletzungen benennen, damit der andere sie verstehen, vielleicht sogar nachempfinden kann.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ – dieses Wort hat etwas Ermutigendes. Gott, der auch im Scheitern Gott ist, bietet einen Schutzraum für das eigene Leben und auch das Leben der Anderen. Und manche Verletzungen, die ganz unten im Rucksack lagern und schwer auf dem Weg liegen, können leichter werden, wenn man sie rausholt und sie sich anschaut. Vielleicht gelingt es ja auch, sie rauszunehmen und aus einer anderen Sicht damit umzugehen.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ – in diesem Schutzraum des Glaubens stecken viel Segen und Wärme für sich selber, aber auch für den Weg derer, die mit unterwegs sind. Was sollen wir tun als Kirche? Darin und daraus leben!

Olaf Zechlin