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Bilder und Kirche

Ist unsere Zeit eine Zeit der Bilder geworden? Ja und Nein! Für die drei Buch-Religionen Judentum, Christentum und Islam zielen die Bilder ins Zentrum des Glaubens. Das ist ein weites Feld (Fontane).

Im Urchristentum galt das jüdische Bilderverbot ganz ohne Wenn und Aber (vgl. dazu auch meinen Beitrag „Der Apostel Paulus war ein Körnerpicker wie wir alle“ in diesem Blog). Das blieb im Prinzip so, bis die Kirchen aus einer verfolgten zu einer staatlich anerkannten Kirche geworden war, also im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts unter Kaiser Konstantin. In Rom gab es freilich in den Katakomben schon im 3. Jahrhundert Ansätze zu einer Grab- und Friedhofs-Kunst. Dies ist weitgehend Symbolkunst. Berühmtestes Beispiel ist der Fisch, griech. Ichthys. Die griechischen Buchstaben bedeuten im Einzelnen: Jesus, Christus, Gottes, Sohn, Retter. Der gute Hirte und andere Szenen aus der Heilsgechichte.

Im 4. Jahrhundert, dem „siegreichen Jahrhundert der Kirche“, heute oft einseitig als „Konstantinischer Sündenfall“ bezeichnet, nahm die christliche Kunst, die Bilder, einen kräftigen Aufschwung. Heidnische Vorbilder hat es genug gegeben, allen voran die Kaiserbildnisse. Sie waren den Juden und frühen Christen ein Gräuel und erinnerten besonders daran, dass der Eroberer und Zerstörer des Tempels Kaiser Titus in Jerusalem im Jahre 70 n.Chr. sein Bildnis zur Verehrung dort hatte aufstellen lassen. Wer sich für diese Zeit besonders interessiert, der lese die spannende Flavius-Josephus-Trilogie des namhaften Exilanten- Autors Lion Feuchtwanger.

In jenem Jahrhundert hat ein berühmter christlich-jüdischer Spermologe, d.h. „Körnerpicker“, von sich reden gemacht. Es war kein geringerer als der mönchische Metropolit und Bischof von Salamis-Konstantia auf Zypern Epiphanios (315-403). Er war der berüchtigtste Ketzerhammer und Ikonoklast, d.h. Bilderfeind des 4. Jahrhunderts. Dadurch wurde er der Kronzeuge für die Ikonoklasten im byzantinischen Bilderstreit des 8./9. Jahrhunderts. Die jüdischen Bilderverbote (vgl. 2. Mose 20,1) sind ihm heilig gewesen. Sogar den byzantinischen Kaiser Theodosius suchte er auf seine Seite zu ziehen. Doch vergeblich. Er schwamm gegen den Strom seiner Zeit.

Seine Gegner im 4. Jahrhundert sind die sogenannten Großen Kappadozier gewesen: berühmte, mönchische Bischöfe und Lehrer aus dem kleinasiatischen Kappadozien. Basileios von Cäsarea (noch heute wird die Liturgie an Festtagen der Orthodoxie nach seinen Texten gehalten). Sein Freund, zeitweilig Patriarch von Konstantinopel, Gregor von Nazianz, und der Bruder von Basileios, Gregor von Nyssa. Sie alle hatten in Athen studiert – es waren aufgeschlossene, gelehrte, griechische Mönchstheologen. Sie hatten was übrig für die griechische Tradition in Kunst und Literatur. Sie wollten die Kirche öffnen für die paidéia, für enzyklopädische Bildung, also Bildung „rundherum“.

Wie haben sie die Bilder verteidigt? Sie sagten: das Bilderverbot des Alten Testaments habe nur temporäre Bedeutung. Nach der Menschwerdung des Logos, des göttlichen Wortes in Jesus Christus, seiner sogenannten Inkarnation, d.h. eigentlich der Fleischwerdung, besser heute der Menschwerdung, gelte es nicht mehr. Gott ist in Jesus Christus als wahrer Gott, vere deus, wahrer Mensch, vere homo, geworden. Das ist bis heute das Zentrum des christlichen Glaubens. Aus diesem Grunde darf er nach seiner menschlichen Seite auch dargestellt und abgebildet werden.

Gregor von Nyssa sagte einmal sehr anschaulich und verständlich: „Die Heilige Schrift kann, wenn sie schweigt, auch auf der Wand reden, und das ist für die Gemeinde von größtem Nutzen.“ Wort und Bild erringen als den gleichen Rang. Das klingt doch sehr modern. Was wird heute nicht alles in Gottesdiensten per Beamer an die Wand der Kirchen geworfen, zum großem Nutzen der Gemeinde?

Die Bilder dienen der Ehre der Abgebildeten: Jesus Christus, Gottesmutter Maria, Jünger und Apostel, Engel oder Heilige. spiegelt sich die Dankbarkeit der Menschen gegenüber Gott. Weiterhin unterstützen die Bilder die memoria, das Gedächtnis, sie dienen der Erinnerung an die Dargestellten. Bis zum heutigen Tage eine der wichtigsten Funktionen. So dachte man auch im Westen, im Abendland. Praktisch pädagogisch-didaktische Gründe zur Erziehung und Bildung der weitgehend leseunkundigen Christinnen und Christen sind durch die Jahrhunderte immer wichtig gewesen und wichtiger geworden.

Alles läuft auf das wichtigste Prinzip für die Bilder in der Kirche zu: „Die Ehre für das Bild kommt letztlich dem Protótypon, dem Erst-, dem Ur-Bild zu“, also dem wirklichen und wahrhaftigen Jesus Christus (vere homo), Petrus oder Paulus, Moses oder Elias, den Erzengeln und den Heiligen. Sie weisen von sich weg und auf sie hin.

Totaliter aliter, d.h. vollkommen anders – beim Bild von Gott. Der unsichtbare Gott darf nicht abgebildet werden. Der Osten hielt sich strikte an dieses grundlegende Verbot. Der Westen nicht. Wer würde bei uns nicht in Westeuropa an das berühmte Bild von Michelangelo, „Gott und Adam“ in der Capella Sixtina in Rom, denken und es sich vorstellen? Eine ähnliche Gottesdarstellung würden man im Osten vergeblich suchen. In der Alten Kirche wurden symbolisch die Hände Gottes in Reliefs und Mosaiken geläufige Bilder. Sonst nichts.

Vergleiche sind meistens interessant, aber öfter gefährlich. Byzantinischer Bilderstreit, Bilderverbot im Islam, Erfindung des Buchdrucks, Digitalisierung. Das Zentrum unseres christlichen Glaubens: das Kreuz Jesu Christi, ist in allen Bewegungen nicht wegzudenken.

Das Einzige, was die Ikonoklasten, die Bilderfeinde, in den Kirchen zulassen, ist das bloße Kreuz. Das ist bei dem zitierten Epiphanios im 4. Jahrhundert nicht anders als im 8./9. Jahrhundert, der Zeit des Bilderstreits. Das prominenteste Beispiel für das Kreuz in der Apsis ist die Irenenkirche in Konstantinopel/Istanbul. Bei Wikipedia, der „schellen Bildung“, kann sich jeder sich den Nachweis schnell herbeiholen. Im Islam des 7. Jahrhunderts ist das Kreuz ein Anschlag auf ihren absolutistischen Monotheismus. Das ist bei uns heute nicht anders. Der anerkannte, liberale Muslim Navid Kermani sagt in seinem Buch: „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ (Verlag C.H. Beck 2015) auf Seite 50: „Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.“ Das dürfte hinreichend sein.

Im Zeitalter des Buchdrucks, in Renaissance und Reformation, kommt die schnelle Verbreitung von Inhalten in die realen Möglichkeiten. Bilder schöner und unschöner Art kommen auf. Der Papst und Luther werden gleichsam bildmäßig „aufgespießt“.

Doch die großen Künstler, wie Lukas Cranach d.Ä. in Wittenberg oder Mathias Grünewald in Colmar, malen ungeheuer eindrückliche Bilder des Christus crucifixus, des ans Kreuz genagelten, gequälten Herrn.

In unserer Zeit der Digitalisierung und des Reformationsgedenkens kommt es im Jahr 2016 zu einer denkwürdigen ökumenischen Pilgerreise, die es zuvor nie gegeben hat. Das ist schon eindrucksvoll gewesen, als sich evangelische und katholische Bischöfe auf die Reise in Heilige Land machten. Aber augenscheinlicher war folgender Vorfall: an der Klagemauer in Jerusalem und vor dem Felsendom, heiligste Orte für Juden und Muslime, legten die christlichen höchsten Würdenträger ihre Bischofskreuze ab. Die Bilder davon gingen durch die digitale Welt. Doch ein Fehlereingeständnis für die digitale, fromme Welt ließ auf sich warten.

Und nun wartet die EKD, die Evangelische Kirche in Deutschland, mit schwerer Kost für die „fromme, digitale Kirche“ auf: EKDIGITAL 2021. Ulrich Schnabel in DIE ZEIT online vom 11. Mai 2021 kritisierte witzig: „Download Moses“. Was soll das heißen? Ich zitiere: „Wer nach der Neufassung der Zehn Gebote (das ist das Ziel des EKD-Textes, ergänze ich, E.S.) sucht, findet keine mosaische Klarheit, sondern postmoderne Schwammigkeit. Das Gebot ‚Du sollst nicht ehebrechen‘ klingt etwa so: ‚Bei Intimbeziehungen in digitalem Raum Freiheit und Achtsamkeit fördern‘; das unmissverständliche ‚Du sollst nicht stehlen‘ verwandelt sich in die vage Forderung ‚Gerechte Teilhabe am digitalen Wirtschaften ermöglichen‘.“ Dem abschließenden Urteil Schnabels kann ich nur zustimmen und es nicht besser ausdrücken: „Die Halbwertzeit der neuen Digital-Gebote dürfte kürzer sein als die Dauer bis zum nächsten Update des iOS.-Betriebssystems.“

Zu den Gefahren der digitalen Bilderflut, in der wir fast ersaufen, zitiere ich lieber meine WAZ. Christian Unger schrieb: „Welchen Bildern könne wir trauen?“ In diesem Artikel geht um das Vertrauen zu Bildern. Darum ging es auch schon im 4. Jahrhundert. Der Bilderfeind Epiphanios argumentierte: Wir können den Bildern von Jesus Christus, Maria, den Aposteln und Heiligen nicht trauen, weil kein Maler je einen von diesen zu Gesicht bekommen hat. Also müssen sie ihre phantasía spielen lassen und sich die Antlitze in ihr vorstellen und sie dann malen.

Das ist heute auf Grund der Fototechnik und der Digitalisierung total anders. Wem sage ich das? Der Artikel von Unger zeigt ein Bild von Boris Johnson, den wir mit wildem, blondem Haarschopf kennen. Hier sitzt er mit gescheiteltem, glattem Haar vor uns. Darunter steht dick und groß: „I am a fake.“ Facebook, Twitter, Instagram und YouTube sind in diesem Metier alle Weltmeister. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik weist deutlich darauf hin: „Die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von Deep Fakes erhöht sich sicher noch einmal vor besonderen Anlässen wie einer Wahl.“ Also seien wir vorsichtig und kritisch.

Und die Bilder und die Kirche? Noch Seiten könnte ich darüber schreiben. Ich lasse zum Abschluss stattdessen eine Professorin für Evangelische Religionspädagogik an der Universität zu Wort kommen (vgl. Publik Forum 9/2021). Auf die Frage „Wird Kirche nach der Pandemie digitaler bleiben? Wie offen erleben Sie die Akteurinnen und Akteure?“ antwortet Ilona Nord:

„Es zeichnet sich ab: Man will digital weiter machen, aber es besteht Bedarf zur Reflexion (ich ergänze: siehe EKDIGITAL!). Welche Angebote sind mehr, welche weniger sinnvoll? Was macht es mit Kirchengemeinden, wenn es neben der Ortsgemeinde vermehrt digitale Kirchen gibt? Der Digitalisierungsschub macht möglich, dass Kirche ‚nach Hause liefert‘. Biedert sie sich damit an oder ist das der richtige Weg, um interessierte Menschen besser zur erreichen?“

Eckhard Schendel