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Träume der Jungen, Weisheit der Alten | In Zeiten von Corona #17

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. (Psalm 71,17) – Simeon nahm das Kind Jesus auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen. (Lukas 2,28-30) | Herrnhuter Tageslosung für den 2. April 2020

Dem greisen Simeon war versprochen worden, dass er nicht sterben würde, bevor er nicht seinen Frieden gemacht hätte mit dem Leben. Zu ihm gesellt sich in der Geburtsgeschichte Jesu die alte Frau Hannah, die nur sieben Jahre verheiratet und danach 77 Jahre (eine gefühlte Ewigkeit) Witwe war. Sie sollte vor ihrem Tod verstehen dürfen, welchen Sinn die Liebe macht, das schmerzensträchtigste aller Gefühle. An ihnen erfüllt sich die Weissagung des Propheten Joel, dass Gottes Friedensreich anbricht mit Menschen, die Visionen haben von einer Welt, in der es menschlich zugeht für alle, und für die solche Träume Anstoß werden zur gelebten Mitmenschlichkeit.

Für diese Hoffnung steht Jesus von Nazareth. Simeon erkennt in dem Kind auf seinem Arm die Geisteshaltung, aus der Jesus als Erwachsener leben wird. Dieses Kind wird einmal Gott seinen Vater nennen und den Himmel offen sehen, sich von Gott für sein Friedenswerk in Besitz nehmen lassen und diesen Traum auch gegen den Tod verteidigen. Er wird die lieben können, die es nicht verdient haben und die ihn verachten und sich so als wahrer Sohn des menschenfreundlichen Gottes erweisen. Er wird in der Liebe bleiben bis in den Tod und damit das Geheimnis offenbaren, wer Gott ist.

Hier sind es hochbetagte Menschen, die die maßlose Sehnsucht nach der besseren und gerechteren Welt nicht aufgegeben haben, obwohl das Leben ihnen vermutlich andere Realitäten vor Augen geführt hat, und sie von nicht Wenigen für unverbesserliche Spinner (oder Schlimmeres) gehalten wurden, und so manchen pragmatischen Ratschlag gehört haben mögen, wie es denn geht, endlich erwachsen zu werden.

Gemeinhin sind es die jungen Menschen, die die großen Träume haben, alles anders machen zu wollen als ihre Vorfahren; die sich begeistern können für die Liebe und die humanitären Ideale, die in der Geschichte immerzu verraten werden von den Mächtigen; die Schwerter zu Pflugscharen schmieden möchten und „Nein Danke“ sagen zu Atomkraftwerken. Nicht umsonst begegnet Gottes neue Welt dem Simeon und der Hannah in Gestalt eines Kindes.

Ich war auch einmal solch eine Jugendliche. Ich habe mit inhaftierten Männern Briefe geschrieben, weil ich das Gute in ihnen sehen wollte, was Richter und Staatsanwalt übersehen hatten. Ich habe meine Eltern beschimpft, weil sie die Wohnungen in ihrem Mietshaus nur an bürgerliche Existenzen mit Festanstellungen abgeben wollten. Ich trug einen Nato-grünen Parker mit einem knallroten Fleck und einem Aufnäher „Vietnamblut“ als einzige große Anklage.

Dieses Mal lehrte mich mein Vater die Lektion des Lebens: Mietausfall in unserem Mietshaus würde Ausfall des Jahresurlaubs in Italien, Ex-Knackis vor der Haustüre würden Hausarrest bedeuten. Für den Parka mit dem roten Fleck fing ich mir eine der wenigen Ohrfeigen meines Lebens ein: mein Vater hatte in meinem Alter als Soldat Kameraden sterben sehen, und er verbat sich, dass seine Tochter in pubertärer Rebellion deren Andenken durch modisches Schaulaufen in den Schmutz zog.

Kindliche Naivität und jugendliche Leidenschaft sind mir im Laufe des Lebens abhandengekommen, manche, auch wirklich gute Idee habe ich als bloßen Traum abgehakt, für den meine Widerstandskraft nicht reicht. Und für mehr als die Sehnsucht nach einem zufriedenen Leben in Beschaulichkeit und relativer Gesundheit reichen meine Visionskraft – geschweige denn meine Tatkraft – heute auch nicht mehr aus. So ist das, wenn man älter wird. Zumindest bei vielen von uns Durchschnittsmenschen.

Umso wichtiger finde ich, dass die Geschichte von der wunderbaren Sehnsucht, wirklich menschlich leben zu wollen, weitergegeben wird von Generation zu Generation in unserer Kirche. Nur so wird es immer wieder Junge geben, die sich nicht abfinden mit der Welt der Ambivalenzen und Sachzwänge, und immer genug Alte, die mit nicht weniger zufrieden wären als mit einer Welt, in der die ganze Schöpfung friedlich koexistiert. Oder umgekehrt.

Kirche hat hier die wunderbare Möglichkeit, wirklich von Nutzen zu sein. Christ*innen können die Utopie festhalten, dass wir mehr zu erwarten haben und uns für mehr anstrengen können als für ein Leben in den Grenzen des Machbaren. Die Entwicklungspsychologie erklärt das menschliche Leben als ein dauerndes sich Anpassen an Realitäten, und Leben gelingt durch die Fähigkeit, Träume aufzugeben. Christ*innen können als Sinn ihres Lebens auf Größeres hoffen.

Ein paar Verse später als in unserer Tageslosung sagt der alte Simeon hellsichtig Jesu Mutter Maria voraus, dass ihr Sohn einst wütenden Widerspruch und blanken Hass vom Establishment erfahren wird. Denn, wer so maßlos liebt wie Jesus, den müssen die Mächte des Gleichgewichts des Schreckens versuchen tot zu kriegen. Sonst hätten sie ihre Berechtigung verloren. Was im Fall des auferstanden Christus dann auch so sein wird.

Maria hat also gewusst, welcher Schmerz sie erwartet mit diesem Kind. Dennoch hat sie ihn gelehrt, die Welt auf mütterliche Art zu sehen. Heilen, helfen, verbinden, teilen, unendlich oft vergeben, bedingungslos lieben – solche Weltsicht wird stets verspottet von den Herrenmenschen. Aber am Ende wird es diese Vision für die Welt sein, die Bestand hat. Darum finde ich es wunderbar, dass wir von der „Mutter Kirche“ reden, in der wir die Gottesträume vom heilen Leben für alle Kreatur verwalten.

Hierher kommt auch meine ökumenische Leidenschaft für Maria, die Muttergottes. Wie sie es mit Jesus, so habe auch ich es bei meinen Kindern versucht: sie zu friedfertigen und friedensfähigen Menschen zu erziehen, sensibel und aufmerksam für Ungerechtigkeiten und die Missachtung von Leben und bereit, aus vollem Herzen zu lieben. Den Staffelstab der Generationen habe ich an sie weitergegeben, damit sie jetzt mit jungen Stimmen lautstark und energisch eine Welt der Liebe fordern ohne Wenn und Aber. Und ich bin stolz, dass sie es tun.

Die Geschichte vom greisen Simeon und der alten Witwe Hannah ist eine Geburtslegende. Hier wird nicht erzählt, was geschehen ist, sondern was werden wird. In den Anfang hineingelegt wurde, was einsichtig wird erst vom Ende her. Ostern verstanden die ersten Christ*innen, welche Potenziale die Geschichte Jesu hatte. Sie legen diese Erkenntnis in den Mund der weisen Alten, die in dem Kind auf Marias Arm das Versprechen für die Güte Gottes erkennen und darum friedlich sterben können.

Wenn wir also fragen, was aus unseren Träumen für unser Leben wird, dann dürfen wir mit kindlichem Vertrauen darauf hoffen, dass Gott am Ende das Beste daraus machen wird. Und dann können wir Frieden machen mit unserem Leben, so wie es ist. Und die Zeit, die uns bleibt bis zum Ende, die ist dazu da, um die wirklich wichtigen Träume dann doch noch anzupacken.

Falls jemand fragt, was dieses nun mit den Zeiten von Corona zu tun hat? Nur das, dass ich gerade einmal Zeit habe, mich mit theologischen Themen ausführlicher auseinander zu setzen. Im normalen Alltagsgeschäft einer Pfarrer*in bleibt das ansonsten meist ein Traum.

Bleiben Sie gut behütet.

Anke Augustin