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Die Kirche in der VUCA-Welt

1. Manchmal hat man den Eindruck, die Herausforderungen für die Kirche in Deutschland seien nicht nur groß, sondern einzigartig. So manche Reaktionen auf die Studie Projektion 2060, die das Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg im Mai vorgelegt hat, legten diese Einschätzung nah. Die koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die evangelische und katholische Kirche in Deutschland bestätigte frühere Langzeitstudien. Sie zeigt, wie sehr „Kirche im Umbruch“ ist „Zwischen demografischem Wandel und nachlassender Kirchenverbundenheit“. Mir scheint, dass in den öffentlichen Reaktionen viel von der Stimmungslage und der Unsicherheit in unseren Gemeinden und der Kirche insgesamt aufscheint.

2. Manchmal ist ein Blick über das gewohnte eigene Terrain hinaus hilfreich, um Entwicklungen besser einordnen zu können. Im Mai habe ich am 11. Kongress der Sozialwirtschaft „Führung gestaltet“ in Magdeburg teilgenommen, der von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ausgerichtet wird. Eine „Vokabel“ tauchte in den Fachvorträgen immer wieder auf. Das Wort und das, wofür es steht, waren mir bekannt, doch die Auswirkungen sind mir viel klarer geworden.

Das Wort, das ich meine, lautet „VUCA“. VUCA ist ein Akronym für die englischen Begriffe „volatility“‚ also Beweglichkeit; „uncertainty“ – Unsicherheit; „complexity“, auch auf deutsch am besten unter Komplexität zu fassen; und „ambiguity“ – Mehrdeutigkeit.

Volatilität. Beweglichkeit, Flüchtigkeit. Wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert, in der kleine oder gravierende Veränderungen unvorhersehbarer werden – und zwar immer drastischer und immer schneller. Ereignisse verlaufen ziemlich unerwartet und ein Verstehen von Ursache und Wirkung wird mitunter unmöglich.

Ungewissheit, Unsicherheit. Die Vorhersehbarkeit und Berechenbarkeit von Ereignissen nehmen ab, Prognosen und Erfahrungen aus der Vergangenheit als Grundlage für die Gestaltung von Zukunft verlieren ihre Gültigkeit. Planungen von Investitionen und Entwicklungen werden fast unmöglich. Immer weniger ist klar, wohin genau die Reise geht.

Komplexität. Unsere Welt ist komplexer denn je. Probleme und deren Auswirkungen werden vielschichtiger und schwerer zu verstehen. Es vermischen sich die verschiedenen Ebenen und machen Zusammenhänge unübersichtlicher, Steuerung damit immer schwieriger. Die Entscheidung für den einen richtigen Weg gibt es meist nicht mehr.

Mehrdeutigkeit. Selten ist etwas ganz eindeutig oder exakt bestimmbar. Nicht nur schwarz und weiß, sondern auch grau bzw. bunt ist eine Option. Die Anforderungen an Organisationen und Führung sind widersprüchlicher und paradoxer als früher und stellen das persönliche Wertesystem auf die Probe. Entscheidungen fordern Mut, Bewusstheit und Fehlerfreudigkeit.

In den Vorträgen und Workshops des Kongresses wurde diese sogenannte VUCA-Welt als der Rahmen verstanden, in dem sich auch die Sozialwirtschaft samt der Wohlfahrtsverbände zurechtfinden muss. Da liegt es nahe, diesen Rahmen auch auf Kirche und ihre Diakonie zu beziehen.

VUCA entstand in den 1990er Jahren im militärischen Umfeld und diente dazu, die multilaterale Welt nach dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben. Später breitete sich der Begriff in andere Bereiche strategischer Führung aus. Es ist der Versuch, all die demografischen, technisch-ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen in den Blick zu nehmen, die unsere Gesellschaft in einem rasanten und dauerhaften Prozess der Veränderung halten.

3. Zwei Beispiele dafür, was es bedeutet, dies in Kirche und Diakonie als neues Denken einzuüben, will ich mit dem Schwerpunkt „Komplexität“ ansprechen. Zunächst zur Kirche. Unser Verständnis von Kirche ist komplexer geworden, weil die Welt komplexer geworden ist, in der wir uns bewegen. Eberhard Hauschildt, Professor für Praktische Theologie an der Universität Bonn, und seine Kollegin Uta Pohl-Patalong von der Universität Kiel haben deshalb schon 2013 in einem gemeinsamen Lehrbuch Kirche als „Hybrid Kirche“ zu verstehen versucht.

Kirche in Deutschland ist demnach heute Institution, Organisation und Bewegung zugleich. Als Institution ist Kirche durch den im Normalfall distanzierten Bezug ihrer Mitglieder und die Existenz einer Vielfalt bereitstehender Dienste als Institution für alle gekennzeichnet. Als Organisation kommen der zielorientierten Leitung, der Ausbau der Kommunikationswege und die Werbung für Zielgruppenangebote zur Einbindung der Mitglieder eine immer wichtigere Rolle zu. Als Gruppe, als Bewegung gehört die Kommunikation und die Erfahrung von Nähe, die Zugehörigkeit zu einer engen Gemeinschaft in den Mittelpunkt des Interesses.

Die Logiken aller drei Modelle von Kirche existieren nebeneinander, konflikthaft und/oder produktiv. Es wird nicht eines der Modelle in Zukunft die Kirche ausmachen, sondern nur eine Kombination davon. Sich nur auf ein richtiges Kirchenbild zu fixieren, würde manches eindeutiger und eventuell leichter machen, aber zu welchem Preis? Der Fundamentalismus ist da Warnung genug, welche Abgründe sich auf einem solchen Weg auftun. Die Kommunikation des Evangeliums und die Kraft der Kirche würden auf eine fatale Weise eingeschränkt, die diakonische Dimension der Kirche marginalisiert. Deshalb finde ich die Idee eines Hybrids Kirche, abgeschaut aus der automobilen Welt mit modernen Hybridfahrzeugen, richtig spannend.

4. Ähnlich sieht es beim Verständnis von Diakonie aus. Diakonische Einrichtungen sind Orte gelebter Nächstenliebe und bieten die Gelegenheit, den Glauben an einen liebevollen Gott in Taten der Liebe umzusetzen. Dies geschieht inzwischen eingebettet in den Sozialstaat und mit der Finanzierung im Rahmen der Sozialgesetzgebung. Es hat sich eine Vielzahl sozialer Berufe mit unterschiedlichen Professionsverständnissen entwickelt. Diakonie ist nicht nur Teil der Kirche, sondern ebenso Teil der Wohlfahrtspflege. Sie agiert dabei immer mehr unter den Rahmenbedingungen eines immens geregelten Sozialmarkts, mit einem harten Wettbewerb um Aufträge, Personal, Kunden und Kosteneffizienz.

Auch hier ist ein „entweder – oder“ keine wirkliche Option, wenn man dem diakonischen Auftrag der Kirche in unserer heutigen Gesellschaft gerecht werden will. Es gilt vielmehr „Diakonische Unternehmen multirational zu führen“, wie es ein Buch in seinem Titel auf den Punkt bringt, das 2017 im Umfeld des Instituts für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel entstanden ist.

5. Die Herausforderungen, vor denen wir in Kirche und Diakonie stehen, sind also groß, aber sie sind nicht einzigartig. Die einfache Lösung für vielfältige Probleme und die eine Strategie für die Zukunft gibt es nicht. Es ist vielmehr nötig, „auf Sicht zu fahren“ – und doch eine Vision zu haben, die über die Gegenwart hinausweist.

Wir haben als Christen für eine solche Strategie in Kirche und Diakonie, aber auch für unsere ganz persönliche Orientierung in unserer unübersichtlicheren Welt eine verlässliche Grundlage. Eigentlich sind wir, zumal als Protestanten, lange darin geübt, mit Mehrdeutigkeit in komplexen Situationen umzugehen, ohne daran zu verzweifeln. Denn die unvermeidliche Zwiespältigkeit menschlicher Erfahrung ist keine Entdeckung der Moderne. Sie findet sich in anderen Ausdrucksformen bereits verschiedentlich in der Bibel und der Kirchengeschichte. Ich will zur Ermutigung auf drei Beispiele der Glaubens- und Gotteserfahrung hinweisen:

— Im Hebräerbrief wird jedem die Kraft aus Gott ans Herz gelegt, die dazu befähigt ein Leben mit Gewissheit zu führen, gerade in schwierigen Zeiten: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft.“  Und doch kennen wir aus 1. Mose 32 genauso die Erzählung vom Kampf Jakobs mit Gott im Fluss Jabbok. Da bleibt offen, ob Jakob mit Gott ringt oder mit einem Dämon. Den Segen erhält er nur mit gebrochener Hüfte.

— Martin Luther wusste um den verborgenen Gott und den offenbarten Gott. Die hellen und die dunklen Seiten Gottes durchdringen einander in unserer Glaubenserfahrung. Man muss sich auf Gottes Wort verlassen, auf die Verheißung vertrauen. Aber das führt nicht aus der Ambivalenz heraus, Gott bleibt geheimnisvoll. Die Anfechtung gehört zum Glauben, ihre Überwindung ist Anstrengung und Geschenk zugleich.

— Paul Tillich hat im 20. Jahrhundert die Zusammengehörigkeit von Glauben und Zweifel vielleicht wie kein anderer Theologe herausgearbeitet. Es gibt für ihn keinen Glauben ohne die Teilhabe an Gott, des Ergriffenseins von Grund aller Dinge. Doch ebenso wenig gibt es den Glauben ohne Zweifel. Denn die Erfahrung von Sünde gehört immer zu unserem Leben dazu. Gewissheit und Zweifel sind beides wesentliche Bestandteile des Glaubens. Der Zweifel wird nicht durch Verleugnung oder Unterdrückung, sondern durch Mut überwunden. Dieser Mut hat die Sicherheit einer fraglosen Überzeugung nicht nötig.

6. Die VUCA-Welt erfordert eine hohe Aufmerksamkeit für die Ambivalenzen des Lebens. Wenn unsere Lebenswirklichkeit von Ambiguitäten durchdrungen ist, muss sich das im Glauben, in der religiösen Orientierung, in der kirchlichen Praxis, in der Führung diakonischer Einrichtungen widerspiegeln. Sich berühren lassen von der Zwiespältigkeit der Wirklichkeit, dem Freudigen und dem Schmerzlichen, dem Mut machenden und dem Ängstigenden hat etwas Befreiendes und Bereicherndes. Ich muss mich nicht auf eine Seite schlagen und die andere ausblenden. Das ermöglicht Gott, der die Freiheit schenkt, die Spannungen auszuhalten und mitten in den Widersprüchlichkeiten des Lebens zu mir selbst zu finden. Michael Klessmann, emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, nennt das eine „Mystik der Ambivalenz“. Mit ihr ist ein Handeln ohne Eindeutigkeiten und doch wohlüberlegt mit Entschlossenheit möglich. Möge der Heilige Geist uns ganz viel davon schenken, damit wir uns gut in der VUCA-Welt zurechtfinden und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen.

Andreas Müller

Ein Gedanke zu „Die Kirche in der VUCA-Welt

  1. C h r i s t u s b e z e u g e n in W o r t und T a t ist die seit 2000 Jahren umstrittene Richtschnur der Kirchen. Jede Zeit hatte ihre eigenen Vorstellungen
    in Verbindung mit dieser Richtung eingebracht, von der Antike bis in unsere Gegenwart. Ich danke Ihnen für Ihren wichtigen Beitrag. E.S. Essen-Heisingen.

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