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Weil Gott die Liebe ist

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6,36)

Immer häufiger scheinen sich Menschen und ihre Ansichten unversöhnlich gegenüber zu stehen. Manchmal ist eine kleine Gruppe auch nur lautstark, während die große Mehrheit sich nur wundert. Manchmal aber ist es auch ähnlich der Situation, wie es in den Vereinigten Staaten zu sein scheint: große Teile der Gesellschaft verachten den anderen Teil. Und ich gestehe, oft weiß ich, wem meine Sympathien gelten, wen ich gut verstehen kann und wer mir rätselhaft ist, mich vielleicht sogar selbst sauer macht. Was kann in einer solchen Ausgangssituation bedeuten, „barmherzig“ zu sein? Und was bedeutet überhaupt „barmherzig“?

In der Bibel finden sich Gleichnisse, in der ein bestimmtes Verhalten als „barmherzig“ bezeichnet wird. Fast jeder wird die Geschichte vom barmherzigen Samariter kennen (Lukas 10,25-37). Der Samariter sieht einen Menschen in Not. Er fragt nicht nach Herkunft, nicht nach eigenem Verschulden. Er freut sich nicht, dass dem Angehörigen eines feindlichen Volkes Unglück geschehen ist. Er leidet mit ihm und hilft ihm. Er hilft ohne Hintergedanken und ohne den Anspruch auf Gegenleistung zu erheben. Er hilft, weil ein Mensch Hilfe braucht und er helfen kann.

Die Geschichte vom Samariter passt aber auch deshalb gut zum Verständnis dieses Verses, weil Jesus sein „Seid barmherzig, wie auch der Vater barmherzig ist“ direkt im Anschluss zu seinen Ausführungen zur Feindesliebe spricht. Bei allen Differenzen sollen wir nie vergessen, dass wir einander Menschen, Schwestern und Brüder sind. Wir müssen uns klar sein, dass wir und unsere Mitmenschen fehlbar sind. Wir können uns irren und verleiten lassen.

Und viel häufiger noch setzen wir unterschiedliche Prioritäten, gewichten wir die unterschiedlichen Werte anders. Dann gilt es Kompromisse zu finden. Dafür ist es wichtig, die eigene Position gut begründen zu können, die Vor- und Nachteile benennen zu können und die Argumente der anderen Positionen zu würdigen, zu prüfen und bei Stichhaltigkeit mit zu berücksichtigen. Es gibt für uns Christen aber auch Grenzen bei der Kompromissfähigkeit: die Gottes- und Nächstenliebe.

Gerade weil Gott in Jesus uns ans Herz gelegt hat, Gewalt zwar zu erleiden, aber nicht auszuüben, kann es nicht im christlichen Sinne sein, unsere Werte anderen aufzuzwingen. Viel mehr müssen wir durch Argumente überzeugen. Christen brauchen gar nicht religiös mit „Gott will…“ zu begründen: weil Gott die Liebe und sein Wille die Liebe ist, lassen sich christliche Werte und Positionen allgemein nachvollziehbar begründen. Wie bei jeder Position gehen wir auch dann von einigen Voraussetzungen aus: die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen; dass jedes Menschenleben Würde und Achtung verdient; dass die Bewahrung der Schöpfung Teil dieser Gleichheit und Achtung des menschlichen Lebens ist.

Daran scheitern wir immer wieder. Gott wendet sich trotzdem nicht von uns ab. Nein, in Jesus Christus kommt er uns noch viel näher als je zuvor. Das feiern wir Weihnachten. Und trotz dieser Nähe und all der Erfahrung von Ablehnung und Hass, wendet er sich nicht ab, sondern tritt sogar für uns am Kreuz ein. Er hilft uns, weil wir Hilfe brauchen. Er ist barmherzig.

Und so sollen auch wir barmherzig sein – warum sollten wir es auch nicht: wir wissen im Grunde unseres Herzens nur allzu gut, dass auch wir fehlen können, und dass auch wir auf den Respekt der Mitmenschen angewiesen sind. Möge uns Gott mit Barmherzigkeit segnen, mit welcher, die wir schenken und mit welcher, die uns geschenkt wird.

Martin Keßler

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