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Erstaunliche Gnade – Amazing Grace

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Das Zeichen: beim letzten Chorsingen in unserer Kirche vor dem neuen Lockdown im November 2020 – alles nach Vorschrift – legte uns unsere Kantorin Giuli Topuridze ein Lied vor, das ich in meinen langen Chorsinge-Jahren, von Jugend an, noch nie gesungen habe, nur so allgemein mitgesummt hatte bisher. Aber dieser Überraschungsfreude folgte zu Hause eine noch größere, fast ein Wunder: welch eine Geschichte hat dieses Lied! Doch zuerst: Wer kennt den Text? Hier kommt er.

1 | Amazing grace, / how sweet the sound, / that saved / a wretch like me! / I once was lost, / but now I am found, / was blind, but now I see. (Erstaunliche Gnade, wie süß der Klang, / Die einen armen Sünder wie mich errettete! / Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, / War blind, aber nun sehe ich.)

2 | ‚Twas grace / that taught my heart to fear, / and grace / my fears relieved; / how precious / did that grace appear, / the hour / I first believed! (Es war Gnade,  / die mein Herz Furcht lehrte, / und Gnade  / löste meine Ängste; / wie kostbar / erschien diese Gnade / zu der Stunde, / als ich erstmals glaubte!)

3 | Through many dangers, / toils and snares, / I have already come; / ‚twas grace / has brought me safe thus far, / and grace / will lead me home. (Durch viele Gefahren, / Mühen und Schlingen / bin ich bereits gekommen; / es war Gnade, / die mich sicher so weit brachte, / und Gnade / wird mich heim geleiten.)

4 | The Lord / has promised good to me, / his word / my hope secures; / he will my shield / and portion be, / as long as life endures. (Der Herr / hat mir Gutes versprochen, / sein Wort / macht meine Hoffnung fest; / er wird mein Schutz  / und Anteil sein, / so lang das Leben andauert.)

5 | Yes, when this flesh / and heart shall fail, / and mortal life / shall cease; / I shall possess, within the veil, / a life / of joy and peace. (Ja, wenn dieses Fleisch / und Herz versagen werden, / und das sterbliche Leben endet, / werd’ ich hinter dem Schleier führen, / ein Leben / voll Freude und Frieden.)

6 | The earth / shall soon / dissolve like snow, / the sun / forbear to shine; / but God, / who call’d me here below, / will be forever mine. (Die Erde / wird sich bald / wie Schnee auflösen, / die Sonne / aufhören zu scheinen; / doch Gott, / der mich hier unten rief, / wird ewig mein sein.)

Die folgende Strophe wird ebenfalls sehr häufig gesungen, gehört aber nicht zum Ursprungstext sondern stammt aus dem Roman „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe:

7 | When we’ve been there / ten thousand years, / bright shining as the sun, / we’ve no less days / to sing God’s praise / than when we’d first begun. (Wenn wir zehntausend Jahre / dort gewesen sind, / hell scheinend wie die Sonne, / haben wir keinen Tag weniger,  / um Gott Lob zu singen, / als da wir angefangen haben.)

Von wem stammt dieses weltberühmte, „hochgeschichtliche“ Lied? Von einem englischen Seemann und Sklavenhändler des 18. Jahrhunderts namens John Henry Newton. Alexander von Humboldt nennt die Sklaverei das „größte Verbrechen der Menschheit“. Eine der Ürsünden der Menschen.

Wenngleich die Christen nicht mit dem Finger auf andere Religionen zeigen sollten im Blick auf Unfreiheit und Gewalt, so sind es nicht die Juden und Muslime gewesen, die die Sklaverei – die älter ist als die Pyramiden – abgeschafft haben, sondern die Christen. Von den drei Ursünden der Menschheit – Rassismus, Sklaverei und Kolonialismus – haben immerhin die Christen die Sklaverei aufgehoben. Im Blick auf Kolonialismus und Rassismus stehen wir Christen nicht so gut da.

Den folgenden, inhaltlichen Text entnehme ich der „schnellen Bildung“, Wikipedia. Dort heißt es:

Der Engländer John Henry Newton (1725-1807 in London) ist ein Kapitän und Sklavenhändler gewesen, später ein Verfasser geistlicher Lieder. Nach seinem Bekehrungserlebnis sprach er sich gegen die Sklaverei aus. Das Lied hat Newton erstmals 1779, zehn Jahre vor dem Beginn der Französischen Revolution, in den sogenannten Olney-Hymnen veröffentlicht. Die heute weltweit bekannte Melodie tauchte erstmals rund 50 Jahre später in einem Gesangbuch von 1831 namens Virginia Harmony auf. Dieses geistliche Lied gehört heute zu den beliebtesten Kirchenliedern der Welt. Es schaffte es 1972 an die Spitze der britischen Charts.

Sein Bekehrungserlebnis fand 1748 statt. Wer sich Seenot nicht vorstellen kann in dieser Zeit der Segelboote, der möge sich den Film „ Moby Dick“ mit Gregory Peck als Kapitän Ahab nach Herman Melvilles berühmten Roman anschauen. Da kann auch gewieften Seeleuten angst und bange werden. Der Apostel Paulus hat im 1. Jahrhundert Seenot und Schiffbruch zur Genüge erlebt. Newton zitiert den Apostel in seinem Buch mit dem Titel „A Review of Ecclesiastical  History“ aus dem Jahre 1763. Der bekehrte Newton ist ein begehrter Prediger geworden und hatte außer seiner Dichtkunst auch schriftstellerisch „was drauf“. In dem genannten Buch kritisiert er scharf den Kolonialismus, von dem er ja selbst viel „auf dem Kerbholz“ hatte:

„Uns wird von Kindesbeinen beigebracht jene zu bewundern, die in der Sprache der Welt grosse Kapitäne und Eroberer genannt werden, weil sie darauf brannten, Mord und Schrecken in jeden Teil des Globus zu tragen und durch die Entvölkerung von Ländern ihre eigenen Namen zu verherrlichen, während der Geist der Großherzigkeit des heiligen Paulus fast überhaupt keine Beachtung findet.“

Newton bringt sich also in Beziehung zum Apostel Paulus. Die Berufung-Bekehrung des Paulus ist ihm als Bibelfester anglikanischer Geistlicher, der er geworden ist, nicht unbekannt. Paulus nennt sich eine „Fehlgeburt“ im Blick auf seine Zeit als Verfolger Christi (vgl. 1. Korinther 15,8f.).

In Newtons berühmten Lied kommt der Gottessohn Jesus Christus nicht vor. Das kann ich angesichts der gewaltigen Kräfte des von Gott geschaffenen Meeres und der Lebensgefahr, aus der er gerettet worden ist, wohl verstehen (in Strophe 3 singt er: „durch viele Gefahren… bin ich bereits gekommen“ – nicht die geringste war die Seenot). Die Heilige Dreifaltigkeit hat sie bewahrt und berufen.

Zum Schluss gehe ich noch kurz auf die gewaltige Wirkungsgeschichte des Liedes ein. Ganz oben rangiert für mich, dass US-Präsident Barack Obama bei der Trauerfeier für die Opfer in Charleston, bei dem am 17. Juni 2015 neun Afroamerikaner getötet wurden, Amazing Grace wunderbar gesungen hat. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) sangen es beide Parteien. Aus Zeitmangel konnten die Cherokee-Indianer oft keine Trauerfeier abhalten. Dann wurden ihre Toten nur unter Absingen von Amazing Grace beerdigt. Heute ist es ein beliebtes Beerdigungslied. Als Protestsong gegen die Sklaverei ist es die Hymne vieler christlicher und nichtchristlicher Menschenrechtsaktivisten geworden.

Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die das Lied interpretieren und interpretiert haben ist unübersehbar, besonders zur Millennium-Wende. Die Hymne „Leuchte auf mein Stern Borussia“, des Fußballvereins Borussia Dortmund, basiert auf Amazing Grace. Im Jazz rangiert für mich Ella Fitzgerald ganz oben. Vom Inhalt abgesehen ist das immer ja auch eine Geschmackssache. Auf YouTube sind – als Beispiele – die folgenden Fassungen besonders populär, falls Sie jetzt oder später mögen:

Aretha Franklin auf YouTube
Jessye Norman auf YouTube
Barack Obama auf YouTube

Eckhard Schendel