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Über die guten Hirten

Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. (Hesekiel 34,12)

Die Worte des Propheten sprechen in die Geschichte Israels hinein. Das Volk ist zerstreut und soll wieder zusammengeführt werden, aber es mangelt an guten Hirten. Sie sollen aus dem babylonischen Exil nach Hause kommen auf die Berge Israels. Gott lässt Hesekiel verkünden, dass er die Sache selbst in die Hand nehmen will.

Wir wissen im Rückblick: Er hat schließlich doch noch Menschen gefunden, die gemeinsam die Rückkehr geplant und den Wiederaufbau organisiert haben. Die Bibel erzählt von Esra und Nehemia.

Hesekiels Ansage erinnert an diese vergangene Zeit, und deutet zugleich an, was noch vor uns liegt in einer unbestimmten Zeit, auf die Menschen seit Generationen hoffen. Dass Gott ganz unmittelbar für seine Herde sorgen wird, das steht noch aus.

In der Offenbarung des Johannes wird das auch zum Bild für die neue Schöpfung. Ein Bild der Hoffnung auf das, was noch kommt: „Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen (Offenbarung 7,17).“

Bis es so weit ist, werden noch gute Hirten gebraucht, Menschen, die Verantwortung übernehmen für sich selbst und für andere, Leute, die bereit sind, wie gute Hirten hinter der Herde zu bleiben. Sie weiden sich nicht selbst, wollen nicht als erste an der Quelle sein, sondern führen, indem sie hinter der Herde her gehen.

Solange wir noch füreinander sorgen, werden wir dabei auch Fehler machen. Wie viele sind schon mit den besten Absichten gestartet und dann tief gefallen. Wie viele sind den Versuchungen erlegen. Wir müssen da gar nicht erst Beispiele aufzählen, die uns als große Skandalmeldungen der letzten Zeit in Erinnerung geblieben sind.

Niemand, der Verantwortung für andere übernimmt, kann sich seiner selbst hundertprozentig sicher sein. Weil unsere Fähigkeit zur Selbstkritik meistens abnimmt, je mehr Einfluss wir über andere haben, wird eine Kontrolle von außen immer wichtiger.

Wir kennen die Hirten, die sich selbst weiden, heute wie damals zu Hesekiels Zeiten. Es wäre zu leicht, mit dem Finger nur auf sie zeigen, obwohl es oft bitter nötig ist, damit sich überhaupt etwas zum Guten ändert. Der Blick auf uns gehört aber auch dazu: Ja, die da oben machen Fehler. Wir hier unten sind aber auch nicht fehlerfrei. Jeder Mensch lebt in Beziehung mit anderen, und deshalb haben wir alle auch Verantwortung für andere. Dazu muss man nicht Banker, Bischof oder Bundeskanzlerin sein.

Wir sagen: „Ich wollte doch nur das Beste!“, wenn es wieder einmal schief gegangen ist. So ist das. So sind wir.

Er braucht uns trotzdem als Hirt*innen und als Schafe seiner Herde. So barmherzig ist Gott. Seine Gnade sucht uns, sammelt uns, Seine Fürsorge verbindet die Wunden, heilt die Kranken, seine Liebe stärkt die Schwachen, behütet die Starken.

Wir beten:

Du, unser Gott, wir danken Dir, dass Du Dich von Anbeginn der Welt Deiner Schöpfung als treuer Vater und liebevolle Mutter zu erkennen gegeben hast. Wir bitten Dich, schenke uns Vertrauen und Mut, so wie Du es damals Deinem Volk gegenüber immer wieder getan hast und bis heute tust.

Wir bitten Dich, schenke uns Hoffnung – so, wie Du damals die Freund*innen von Jesus getröstet und ihnen gezeigt hast, dass mit seinem Tod nicht alles aus und vorbei war. Wir bitten Dich, lass uns spüren, dass Du uns wie ein guter Hirte an die Hand nimmst und mit uns gehst durch diese Zeit. Amen.

Johannes Heun