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Über das Weinen

Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude. (Psalm 30,6)

Im Kino ist es mir peinlich. Ich mag nicht nach den Taschentüchern kramen und mir die Nase schnäuzen – „So ein Sensibelchen, fängt gleich bei trauriger Musik schon an zu weinen!“ – das soll nicht gleich jede und jeder denken, wenn ich die Tempos knisternd rauskrame.

Doch die Filmemacher*innen wissen genau, wie das geht, dass mir ganz schnell die Tränen kommen. Es ist die Empathie, die dazu führt, dass wir Menschen wegen des Leidens anderer Menschen weinen. Übrigens ergeht es mir bei Beerdigungen auch manchmal so wie im Kino: Wenn die Angehörigen bei der Trauerfeier weinen, ja sogar schluchzen, dann bleibe ich davon nicht unberührt. Dann kommt der Kloß im Hals und ich muss tief durchatmen und mich auf meine Traueransprache konzentrieren.

Doch wir weinen nicht nur aus Empathie mit anderen, wir weinen wegen eigener Verluste, Trauer, Liebeskummer, Abschiede, Ohnmachtsgefühle und manchmal auch, wenn wir physische Schmerzen haben, wenn der kleine Zeh am Stuhlbein hängen geblieben ist und man brüllen möchte vor Schmerz. Wir kennen die Tränen unserer Kinder und Enkelkinder, wenn sie hingefallen sind, wenn die Freundin gemein war, wenn der Vokabeltest in die Hose gegangen ist. Wir wissen, eine Umarmung kann helfen, ein Pflaster, Zuhören und ein Taschentuch für die Tränen.

Doch nicht nur Schmerz und andere schmerzhafte Erlebnisse lassen uns weinen. Es gibt auch Situationen im Leben, da weinen wir, weil etwas so wunderbar schön ist: die Geburt eines Kindes, eine Hochzeit, ein Wiedersehen, ein Sieg bei einem Sportereignis… Wir Menschen weinen von der Geburt bis zum Lebensende. Manchmal leise und verschämt, manchmal laut und herzzerreißend, manchmal unerkannt und allein, manchmal zusammen mit anderen.

Was unser Weinen bedeutet, egal ob voller Freude oder voller Trauer: Wir wollen eine Verbindung zu anderen herstellen mit unseren Tränen, unserem Schluchzen. Unsere Tränen zeigen, dass wir ein Bedürfnis nach Kontakt und Hilfe haben. Und falls wir nicht für unsere Tränen ausgelacht werden, dann können wir tatsächlich darauf hoffen, dass Menschen uns mit Verständnis und Trost begegnen.

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Das ist ein sehr kluger Ratschlag in der Bibel (Römer 12,15). Es gibt beides im Leben, das Schöne und Gute und das Schwere und Schmerzhafte. Die österliche Freude wäre nicht vollständig ohne die Erfahrung des Weinens.

In der Bibel wird viel geweint. Glaubensbrüder und -schwestern weinen: Hanna, weil sie meint, kinderlos bleiben zu müssen (1. Samuel 1,7). Der Säugling Mose in dem kleinen Kasten, als die Tochter des Pharaos ihn aus dem Fluss gezogen hat (Exodus 2,6). Esau weint um den verlorenen Segen des Vaters (Genesis 27,38). Petrus weint Tränen der Scham, nachdem er Jesus verleugnet hat (Markus 14,72). Maria weint am Grab Jesu (Johannes 20,11). Und viele andere mehr vergießen Tränen.

„Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug“, so betet und bittet jemand im 56. Psalm. Die Glaubenden vertrauen darauf, dass Gott ihr Weinen sieht und hört und dass es nicht dabei bleiben wird: „Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude“ (Psalm 30,6). Die große Hoffnung für die Zukunft der Glaubenden ist das Ende aller Tränen „Gott wird den Tod für immer vernichten und die Tränen von ihren Gesichtern abwischen“ (Jesaja 25,8 und Offenbarung 21,4).

Christinnen und Christen vertrauen darauf, dass Gott mit ihnen empathisch ist, dass er mitleidet und tröstet. Und falls wir das in unserer Trauer und unserem Schmerz nicht spüren oder es uns niemand zusagt, dann tut es erstmal gut, wenn da eine Freundin, eine Seelsorgerin, jemand aus der Familie oder wer auch immer ist, der unsere Tränen sieht und den diese Tränen nicht kalt lassen. Peinlich jedenfalls ist das nicht, nicht einmal das Weinen im Kino. Es ist menschlich.

Nele Winkel

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