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Hoffnung, die im Kleinen wurzelt

Der Herr ist den Lebenden und den Toten gnädig. (Ruth 2,20)

Gelegentlich finden sich in biblischen Erzählungen (nach meinem Eindruck besonders im „Alten“ Testament) programmatische Sätze, die weit über ihren eigentlichen Zusammenhang hinausreichen. Auf solch einen Satz bin ich in Zeiten der Online-Gottesdienste gestoßen. Vielleicht wäre ich sonst achtlos daran vorübergegangen. Da sagt Noomi, eine in die Heimat zurückgekehrte leidgeprüfte Flüchtlingsfrau, zu ihrer Schwiegertochter: „Der Herr ist den Lebenden und den Toten gnädig“ (Ruth 2,20).

Sie sagt es aus Glück und Dankbarkeit für etwas, was „eigentlich“ selbstverständlich sein sollte: dass Flüchtlinge freundlich aufgenommen werden und genug zu essen bekommen. Sie sagt es – und das gibt ihren Worten für mich besonderes Gewicht – vor dem Hintergrund tiefer Trauer: In der Fremde hat sie ihren Mann und ihre beiden Söhne zu Grabe getragen. Mit ihnen hatte sie alle Hoffnungen beerdigt. Die Welt war damals wie heute besonders für geflüchtete Frauen eine gnadenlose Hölle.

Mir kamen aufwühlende Gespräche ins Gedächtnis, in denen mir Frauen vom Grauen ihrer Flucht erzählt haben. Gespräche, nach denen ich nicht schlafen konnte wegen der Gnadenlosigkeit und der verzweifelten Not. Leidensgeschichten – uralte, moderne Passionsgeschichten! All das will Gott nicht. Das ist klar. Immer wieder finden sich in der Bibel (und wieder vor allem im „Alten“ Testament) drängende Forderungen, Flüchtlinge, Waisen und Witwen besonders zu schützen.

Aber die Welt ist anders. Bis heute. „Der Herr ist den Lebenden und den Toten gnädig.“ Der Satz erzählt von einer anderen Welt. Er spricht von einer Hoffnung, die im Kleinen wurzelt und keimt. Er vermittelt Zuversicht, die wächst und über sich hinausweist. Vielleicht, weil diese Worte niemanden ausschließen. Angesprochen sind alle: vergangene Generationen ebenso wie lebende und auch alle, die nach uns kommen! Die Menschheit steht unter dem Zuspruch der Gnade Gottes. Mit ihren Erfahrungen von Schmerz und enttäuschten Hoffnungen, mit den Fragen, der Hilflosigkeit und Einsamkeit der vergangenen Wochen – und der bohrenden Ungewissheit, ob es je wieder wirklich gut wird.

Erweist es sich seit über einem Jahr nicht wieder als menschliche Grundgegebenheit: Nichts ist wirklich sicher? Auch wenn wir das, über lange Zeit mehr oder weniger erfolgreich verdrängt haben?

Umso größer aber wird die Freude über das scheinbar Selbstverständliche, über das Kleine. Unscheinbare, das auf einmal aufblüht. Im Frühling und Frühsommer lohnt es sich besonders, hinzuschauen. Wir können, wenn es zu grünen und zu blühen beginnt, lange übersehene Spuren der Hoffnung entdecken! Auch untereinander! Ich wünsche uns das von ganzem Herzen!

Zählen wir dann noch eins und eins zusammen: dass es nämlich zu grünen und zu blühen beginnt, ohne dass wir etwas dazu tun müssen; dass es oft genug auch da sprießt und wächst, wo wir unsere Umwelt mehr als belastet haben. Und wenn wir wieder beginnen, einander ein Lächeln zu zeigen(!), wo unsere Gesichter hinter Masken versteckt waren, dann bekommen wir eine Ahnung von dem, was Noomi meint: „Der Herr ist den Lebenden und den Toten gnädig.“

Joachim Lauterjung