Dieser Beitrag wurde 178 mal aufgerufen

Wer bin ich? | In Zeiten von Corona #11

Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? Ich, der Herr, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und gebe einem jeden nach seinem Tun. (Jeremia 17, 9-10) – Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. (1. Johannes 3,19-20) | Herrnhuter Tageslosung für den 27. März 2020

„Herz“ ist der Schlüsselbegriff unserer Tageslosung. Gleich viermal kommt er dort vor. Wenn die Bibel vom Herz spricht, dann geht es um die Identität des Menschen. Was wir heute als Psyche-Dimension des menschlichen Lebens bezeichnen (und die, anders als es die biblischen Menschen wissen, organisch mit unserm Gehirn und nicht mit unserm Herzen zu tun hat), das erfasst die Bibel mit dem Begriff „Herz“.

Das Herz ist das Zentrum des Menschen, seines Willens, seiner Entschlüsse. Es ist für die Gefühle zuständig, aber auch für alles, was mit Verstand, Vernunft, Entscheidungsfähigkeit, Gewissen, selbständigem Handeln in Verbindung steht. Das Herz ist der Sitz der Liebe und der Personalität.

In der Tagelosung wird nun unser Herz trotzig und zugleich verzagt genannt. Die beiden Pole der Gefühlslagen in einem Atemzug. Depression und Aggression so nah beieinander wie im wahren Leben. Und dann das Fragezeichen, das unsere Ratlosigkeit anzeigt, wie wir mit den widerstreitenden Anteilen in uns zurechtkommen können.

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig?“ so fragt Dietrich Bonhoeffer in Gestapo-Haft in einem Gedicht an seine Verlobte. Hier spiegelt sich eine Identitätskrise wider, die wir nur allzu gut nachvollziehen können. Ein Mann in Isolationshaft, auf zwei mal drei Quadratmetern Raum, mit der Ahnung, dass er nicht überleben wird – wie anders als verzagt sollte sein Herz sein, auch wenn er es nicht allen zeigen will.

Auch unter weniger dramatischen Bedingungen stellen Menschen sich die Frage: Wer bin ich eigentlich? Denn lebenslang müssen wir unsere Identität neu erfinden; wir entwickeln uns, lernen dazu und müssen grundsätzliche Lebensentscheidungen immer wieder neu anpassen.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ – so drückt Goethes melancholischer Dr. Faustus sein Dilemma aus: zerrissen zwischen seinem Selbstbild als kühler Verstandesmensch und seinem Drang nach körperlichen Freuden. Die Alltagsvariante: liebevoller Ehemann und Familienvater aus vollem Herzen – und der gleiche Mann doch Fremdgänger und Mann mit Lebenslüge – wer bin ich?

In mir gibt es die Stimme, die ich „die Perfektionistische“ nenne und die nie zufrieden ist mit dem, was ich erreicht habe. Ich hätte mehr aus mir machen können, ein, zwei Karrierestufen wären doch drin gewesen, wenn ich mich nur mehr angestrengt hätte. Einpeitscherin, die mich über Grenzen treibt, die weder mir noch anderen guttut und die doch nie Ruhe gibt. Wer bin ich?

Meine Großmutter wurde als uneheliches Kind eines Dienstmädchens geboren, in Stellung eines großbürgerlichen jüdischen Hauses. Der Sohn des Hauses hat ihre Mutter selbstverständlich nicht geheiratet, sondern vor die Tür gesetzt. Zeitlebens hat meine Oma unter diesem Makel gelitten. In der Nazizeit kam noch die Angst dazu, dass jemand ihren Genpool kennen könnte. Nach dem Krieg hat meine Oma als jüdisches Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft eine Rente beantragt. Wer bin ich?

Selbstkritisch schreibt der Apostel Paulus: „Denn ich begreife mein Handeln nicht: ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse“ (Römer 7,15).

Risse in unseren Herzen und Seelen kennen wir alle. Ohne Traumata kommt niemand durchs Leben. Werden wir auf Herz und Nieren geprüft, kommen wir an den dunklen Seiten unserer Persönlichkeit nicht vorbei. Verleugnung und Verdrängungen funktionieren nur bedingt. Unsere Schatten holen uns oft umso gewaltiger ein, je mehr wir sie ablehnen.

Deshalb ist gut, zu hören, dass Gott hier zusammenhält, was uns zu zerreißen droht. Dass ich von Gott Eine bin, ganz und gut und schön – jenseits, nicht abseits von meinen Identitätskrisen. Ausgedrückt mit einem Bild des Psychologen Ferdinand Schultz von Thun: Gott ist Regisseur in meinem inneren Team.

Am Glauben, dass Gott eine Fantasie für meine Person hat, kann ich mich festhalten und Stück für Stück, vorläufig und gelassen, meinen Weg gehen. Aufbrechen, unterwegs sein in einem abenteuerlichen Leben in Bewegung. Und wenn die Zeiten kommen, da wir alt und eingeschränkt sein werden, wenn ich angewiesen sein werde auf eine Du, die sich um mich kümmert, wenn sich meine Persönlichkeit vielleicht immer mehr verflüchtigt – kennt Gott immer noch die Wahrheit: wer ich bin.

Dieses Thema ist grundsätzlich.

Es taugt auch in Zeiten von Corona als Trost: nach Corona wird unsere Gesellschaft ihre Identität neu definieren müssen. Ich ahne, das wird nicht leicht sein. Wenn sich die derzeitige Schockstarre löst, befürchte ich, werden die zerrenden Kräfte um die Ressourcen umso heftiger entfesselt werden, wie sie jetzt gerade in Loyalität und Solidarität gebunden sind.

Dann ist es gut zu wissen, dass Gott auch hier eine Fantasie für uns hat als Menschen in Einheit und Vielfalt.

Bleiben Sie gut behütet.

Anke Augustin