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Mein Gebet für S.L.

Darf man das so sagen? Dass man einen Menschen im Herzen trägt, der gar nicht mit einem verwandt ist, mit dem man auch nicht im klassischen Sinn befreundet ist, der einem – mir – aber sehr nahe ist?

Es ist so. Immer wieder denke ich an ihn, manchmal werde ich dabei sehr traurig, manchmal lächle ich still vor mich hin. Immer aber dabei: Hochachtung und mein Wunsch, auch einmal so tapfer zu sein, so gerade, so aufrecht.

Kennengelernt haben wir uns vor ungefähr zwei Jahren. Ich weiß gar nicht mehr, wer mich in der Klinik hat rufen lassen, ob er es war oder eine Mitarbeiterin oder sein Bruder? Ich bin jedenfalls hin und traf auf Menschen, dir mir alle sehr zugewandt waren.

Anlass war, dass einer seiner Brüder im Sterben lag. Wir haben ein wenig gesprochen und gebetet und ich glaube, ich habe auch einen Segen gesprochen und einen Tag später hat er mich noch einmal gerufen, weil sein Bruder jetzt starb.

Das war mir sehr arg. Er war viel jünger als ich, hatte eine sehr große Familie und ich hatte das Gefühl, dass dieser eine, der so viel am Bett seines sterbenden Bruders ausharrte, derjenige in der Familie war, der alle zusammenhielt.

Wir sind in Kontakt geblieben, haben unsere Telefonnummern ausgetauscht, sehen manchmal auf Facebook, was wir so machen und sind uns nah. Oder jedenfalls ich ihm.

Mittlerweile ist auch er erkrankt, schwer erkrankt, vielleicht sogar schon sterbend. Und ich habe gespürt, dass mir das ganz schrecklich nahegeht, mich sehr traurig macht und ich Gott gar nicht verstehen kann.

Er ist so ein Mensch mit so viel Liebe, den Menschen so zugewandt, humorvoll…

Neulich hat er gefragt, ob ich ein Gebet für ihn schreibe, nicht, dass ich für ihn bete, sondern ob er eins bekommt, dass er beten kann, weil, bei ihm käme nur so ein Kuddelmuddel dabei rum.

Ich habe das getan, habe ein Gebet für ihn geschrieben, obwohl ich denke, dass gerade Gott unser Kuddelmuddel versteht. Und ich stehe da und bitte nur immer: Schenk ihm noch Zeit, viel Zeit…

Und er scheint ganz ruhig. Hat erst alle Therapien über sich ergehen lassen, viele Schmerzen, viel Übelkeit ausgehalten und sich dann gefügt: Gott hat einen Plan. Auch wenn wir den jetzt nicht verstehen, es wird gut.

Manches macht er jetzt bewusst zum letzten Mal. Seine Kräfte werden weniger, neulich hat er mal augenzwinkernd geschrieben: Muss mein Bruder mich halt schieben. Und ich lese das und bin ein wenig fassungslos: Welche Kraft! Welche Stärke! Was für ein Vertrauen!

Und so möchte ich beten:

Gott,
darum bitte ich Dich, sei bei S.L., halte ihn in Deiner Hand und lass ihn sein Vertrauen zu Dir nicht verlieren. Sei bei den Menschen um ihn herum. Schenke ihnen die nötige Kraft, um an seiner Seite zu sein. Und sei auch mir nahe. Lass auch mich so zuversichtlich in die Zukunft schauen, lass auch mich so vertrauensvoll an Dich glauben, wenn meine Zeit hier auf Erden zu Ende geht. Sei bei allen Leidenden und Sterbenden.
Amen.

Friederike Seeliger