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Maria – mitten unter uns

Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. (Lukas 1,30-32)

Der Mirjamsonntag ist ein besonderer Sonntag, der seit vielen Jahren in der Evangelischen Kirche im Rheinland gefeiert wird und der die Solidarität mit den Frauen in Kirche und Gesellschaft zum Thema macht. Dabei steht jedes Mal eine andere biblische Frauengestalt im Mittelpunkt der Betrachtung – in diesem Jahr ist es Maria: „Maria – mitten unter uns“.

Maria? Was hat sie mit uns zu schaffen? Spielt sie eine bedeutende Rolle für unseren Glauben? Oder ist sie nur eine überhöhte Gestalt, die keine Relevanz in unserem Leben hat? Maria – mitten unter uns?

Maria ist keine erwachsene Frau, sondern vielmehr ein junges Mädchen, das durch Kultur und Brauch einem viel älteren Mann versprochen ist. Frauen heirateten damals jung und bekamen schnell Kinder. Und dies ist kein Relikt aus alten Zeiten. Auch heute gibt es sie noch: die Zwangsheirat. Auch heute noch erleben viele Frauen, dass über ihr Leben und ihre Körper bestimmt wird. Nicht nur in fernen Ländern, sondern auch bei uns.

Erst seit 1997 ist die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Vorher hatte der Mann das Recht sich zu nehmen, was er wollte. Und auch heute noch ist die Frage „Was hatten Sie für Kleidung an?“ eine gängige Frage, die man bei Verhören Vergewaltigungsopfern stellt.

Lukas 1,46-55 (Magnificat): Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut…

Maria, nicht nur eine Mutter, sondern Gottes Mutter. Sie verwindet fast gänzlich hinter ihrem Sohn. Wie war sie? Was wünschte sie sich von ihrem Leben, bevor Gott sie erwählte? Wir wissen es nicht. Ich denke an die vielen Frauen, die „nur noch“ als Mutter wahrgenommen werden und nicht mehr als eigenständige Frau und Persönlichkeit. Frauen, die sich aufopfern und dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, eine neue Rolle finden müssen.

Johannes 2,1-6: Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

Maria, die in ihrem Kind etwas Besonderes sieht. Sie vertraut voll darauf, dass Jesus helfen kann. Aber sehen nicht alle Eltern in ihren Kindern etwas ganz Besonderes?

Johannes 19,25: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und…

Maria, die ihren Sohn sterben sieht. Es ist unbegreiflich, dass sie das aushält, und sie ist bis zum letzten Atemzug ihres Sohnes an seiner Seite. Kinder sollten nicht vor ihren Eltern gehen. Doch es passiert, immer wieder. In Kriegen, durch Verbrechen, durch Krankheit… Ich bewundere diese Mütter genauso wie Maria – für ihre Kraft, das Unbegreifliche auszuhalten. Dafür, dass sie bis zum letzten Atemzug für ihre Kinder da gewesen sind, ganz egal, auf welche Weise sie ihnen genommen worden sind.

Maria – mitten unter uns? Wenn ich in mich reinschaue, dann sehe ich sie. Ich sehe sie, in der jungen Frau, die jede von uns einmal war. Ich sehe sie in meiner Ängstlichkeit und meiner Freude. Ich sehe sie in der Liebe, die Mütter ihren Kindern schenken. Aber ich sehe sie auch in dem rebellischen Teil in mir, der sein Leben selbst bestimmen möchte. Ich sehe sie in dem leisen Teil meines Selbst und in meiner tiefsten Traurigkeit. Sie ist eine Frau, wie du und ich. Und vielleicht ist sie gerade deshalb die Heilige, die so viele Menschen in ihr sehen. Weil sie „eine von uns“ ist. Maria mitten unter uns! Maria mitten in mir! Amen.

Wir beten:

Guter Gott, wir bitten dich, lass uns dich in uns finden, wie wir dich in allen Menschen, auch Maria, finden können. Hilf uns zu verstehen, was in unserem Innersten verborgen liegt, welche Kräfte und versteckte Möglichkeiten. Lass uns den Mut finden, immer wieder mit uns selbst ins Gespräch zu kommen, indem wir in uns reinhorchen und unser Handeln hinterfragen. Darum bitten wir dich. Amen.

Rebecca Lackmann

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