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Große Verheißung für unruhige Zeiten

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens (Lukas 2,14)

Vor etwa zwölf  Stunden erklang dieser Ruf der Engel in Australien. Mit der Drehung der Erde gelangte er einige Stunden später nach Indien, dann nach Russland. Und jetzt zu uns: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Mit Weihnachten feiern wir ein weltumspannendes Fest, das uns Christinnen und Christen rund um den Globus verbindet. Einem ganzen Volk wird lauter Jubel und große Freude versprochen – hören wir auf die Worte des Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude“ (Jesaja 9,1.2a).

Die Zeiten sind unruhig – die Lebenschancen ungerecht verteilt. Die einen leben auf Kosten der anderen. Mitten hinein in diese finstere Zeit spricht der Prophet vom Licht. Kaum zu glauben. Und trotzdem entfalten seine Hoffnungsworte unglaubliche Kraft. Ganze Generationen von Menschen in Israel haben sich von ihnen inspirieren lassen. Immer wieder hören sie die alten Prophetenworte neu, ergänzen sie, schreiben sie auf, bewahren sie auf diese Weise und geben sie weiter. Und  schaffen es so, dass diese Hoffnung nicht mehr aus der Welt zu kriegen ist. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Der Evangelist Lukas nimmt diese Hoffnungsgeschichte auf – mitten in der Unruhe seiner Zeit schreibt Lukas die Weihnachtsgeschichte.  Weil er fest daran glaubt, dass es mehr gibt als das, was ist.  Lukas ist erfüllt von der Überzeugung, dass sich die Welt wandeln wird. In der Weihnachtsnacht werden die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt. Im Kind in der Krippe zeigt sich, wo Gott sich in dieser Welt sieht, wohin er gehört, wo er gebraucht wird. Nämlich überall da, wo Menschen in Angst und Dunkelheit leben. Und auf Rettung hoffen.

In der Unruhe unserer Zeit hören wir die alten Verheißungen. Wir blicken auf ein bewegtes Jahr 2018, in dem sich unterschiedliche Konflikte in der Welt – in der Türkei, in Russland, in Syrien und in den USA – auch bei uns in der Stadtgesellschaft ausgewirkt haben. Positiv hat sich in dieser Unruhe gezeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt für die freiheitlich-demokratischen Grundwerte unseres Landes einstehen. Das Licht von Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechten und sicherer Zuflucht scheint hell. Viele von uns haben das gespürt, als wir im September auf die Straßen gingen. „Wir sind mehr“, die wir für Toleranz und die Würde jedes einzelnen Menschen eintreten. Mehr als 400 Menschen begannen die Demonstration mit einem ökumenischen Friedensgebet rund um die Marktkirche.

Die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit ist es, die uns heute mit den Hoffnungsworten des Propheten und des Evangelisten Lukas verbindet. Viele Menschen in unseren Kirchengemeinden erkennen den Auftrag, den Gott der Kirche damit stellt. Wir sind – wie Jesaja, Maria, die Hirten und Lukas, der Evangelist – Teil einer großen Hoffnungsgeschichte. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Die Hoffnungsworte des Jesaja treffen auf Menschen, die aufbegehren gegen Unrecht – die nicht bereit sind, in Depression und Resignation zu versinken. Menschen, die die Erde nicht den Despoten dieser Welt überlassen, sondern auf Gottes rettende Nähe hoffen. Die Weihnachtsbotschaft des Jesaja lautet: Es stimmt nicht, dass nichts zu machen ist. Es stimmt nicht, dass Widerstand keinen Sinn macht!

Wir sprechen die Worte des Jesaja im Herzen und in der Seele mit, weil wir sagen: nie und nimmer finden wir uns mit den Ungerechtigkeiten um uns herum ab. Nie und nimmer finden wir uns damit ab, dass Eltern in ihrem Stadtteil keine gute Bildung für ihr Kind bekommen, dass noch viel zu oft ein Kindergartenplatz fehlt. Nie und nimmer finden wir uns damit ab, dass in Essen jedes dritte Kind von Kinderarmut betroffen ist. Nie und nimmer finden wir uns damit ab, dass der Geburtsort über den weiteren Lebensweg entscheidet. Nie und nimmer finden wir uns damit ab, dass Menschen zu wenig zu einem würdigen Leben verdienen. Für all das gibt es Ursachen, und es gibt die Verantwortung, dagegen etwas zu tun. Lasst uns also aufstehen von der Krippe und etwas vom Licht dieser Hoffnung in die Welt tragen. Gute Beispiele verändern die Wirklichkeit. Die Weihnachtsbotschaft ist ein gewaltiges Beispiel: Da macht sich Gott klein und nimmt Stallgeruch an. Und macht so die Menschen groß!

Es gibt seitdem viele kleine und große Beispiele dafür. Es gibt die kleinen und großen Lichter unserer Tage: Brot für die Welt, Diakonie und Caritas, ebenso ProAsyl oder die Kindernothilfe. Es gibt die zahlreichen kleinen Beispiele: Immer mehr Menschen engagieren sich wieder ehrenamtlich. Und lassen sich leiten von DEM christlichen Wert: der Liebe Gottes, die sich in der Geburt Jesu ausdrückt. Dabei geht es ja nicht um ein verkitschtes Bild von Liebe, sondern um konkrete Liebe, die sich solidarisch zeigt mit den Schwachen und Armen dieser Welt. „Was ihr den Geringsten unter meinen Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan!“, heißt es im Matthäusevangelium (Matthäus 25). So sagt es Jesus selbst und richtet dabei seinen liebevollen Blick auf die Kinder.

Wo würde die Krippe mit dem Kind in der Unruhe unserer Zeit stehen? Vielleicht in einer Wohnung, in der die Familie auf den Bezug von Hartz IV angewiesen ist. Dort, wo sonst Ochs und Esel stehen, laufen Fernsehen und Video; die Eltern sind nicht zuhause. Es kommen nicht Hirten, sondern, wenn es gut geht, sorgende Mitarbeitende vom Jugendamt; nicht Magier, sondern Nachbarn. In unseren unruhigen Zeiten beginnt Weihnachten da, wo wir einander wahrnehmen als Menschen und wo wir füreinander konkret eintreten. Ein gutes Beispiel ist für mich der Kinderschutz, für den wir – Gott sei Dank – in den letzten Jahren sensibler geworden sind. In Essen lagen im vergangenen Jahr 1.827 Verfahren zur Überprüfung von Kindeswohlgefährdung vor. Jugendamt und Diakoniewerk teilen sich diesen wichtigen Dienst am Telefon. Die Krippe heute – auch ein Symbol für die Verlassenheit und die Not von fast 2.000 Essener Kindern.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ – heute geht der Ruf der Engel wieder um die Welt. Später, wenn wir längst schlafen, werden ihn Christinnen und Christen an der Westküste Amerikas, in San Francisco und anderswo hören. Die Botschaft der Engel, sie ist an uns alle gerichtet. Sie ist eine Herausforderung und ein Trost zugleich. Herausforderung, weil wir die Welt nicht einfach so lassen können wie sie ist. Trost und Hoffnung, weil Gott weiterhin Gefallen an uns hat – mit all unseren Fehlern und Eigenarten. Darum ist dieses Kind in die Welt gekommen, damit wir immer wieder hören: Gott sei Ehre in der Höhe, aber eben auch auf Erden. Gottes Friede sei mit uns in dieser Nacht: in unseren Familien, in unserem Land und bei den Völkern dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus,

Amen.

Marion Greve

Ein Gedanke zu „Große Verheißung für unruhige Zeiten

  1. Mit 1.Thess 1,2a danke ich unserer Superintendentin in Essen!

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