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Was für eine Familie!

Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,35)

1 // Was ist Familie? Familie ist der Ort, wo Kinder und für sie verantwortliche Eltern ganz eng zusammenleben, wo Generationen ein Leben lang miteinander verbunden sind. Familie ist der Ort, wo jegliches individuelles Leben beginnt, wo jemand Schutzraum findet und Geborgenheit, wo einem das vermittelt wird, was man im Leben braucht. Familie ist der Ort, wo Werte und Normen weitergegeben werden und der Glauben eingeübt wird. Familie ist der Ort, wo man miteinander verbunden bleibt und füreinander verantwortlich ist, gerade in schwierigen Zeiten – bis ins hohe Alter, bis zum Ende des Lebens.

All dies gilt unabhängig davon, ob die Familie aus Vater, Mutter und zwei Kindern besteht, eine Patchwork-Familie sich aus mehreren Familien zusammensetzt, ob drei Generationen in einem Haus wohnen oder die Familie über die ganze Republik verstreut ist, die Familie aus Mutter und Tochter besteht oder zahlreiche Geschwister, Enkel und Urenkel dazugehören.

Die bunte Realität: Lena und Maximilian leben mit ihrem Vater und ihrer Mutter in einem Haus. Katharinas Vater starb bei einem Verkehrsunfall. Waldemar ist in Deutschland geboren, seine Familie stammt aus Kasachstan. Julias Eltern leben in Trennung. Bernd hat zwei Mütter, bei denen er im Wochenrhythmus wohnt. Heidi und Klaus kümmern sich zugleich um ihre Kinder, die noch in die Schule gehen, und um ihre Eltern, die mit Unterstützung der Diakoniestation noch zuhause allein leben. Daniel besucht einmal in der Woche seine Oma im Altenheim. Samira ist aus Syrien mit ihrem Vater nach Deutschland geflohen, ein Teil ihrer großen Familie ist tot, ein Teil lebt immer noch dort. Ahmet wohnt seit fünfzig Jahren in Essen und besucht noch immer jeden Sommer Verwandtschaft in der Türkei. Birgit lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, ihre Familie hat keinen Kontakt zu ihr, die Menschen in der Einrichtung und in der Werkstatt sind ihre Familie.

Noch immer lebt bei uns die Mehrzahl der Kinder in einer Familie mit beiden Elternteilen unter einem Dach. Doch das Spektrum von gelebter Familie ist breit und bunt geworden.

2 // Jede und jeder weiß aus seinem eigenen Leben, ob er oder sie Familie als sehr hilfreich erlebt oder seine Familie nur mit vielen Konflikten und Verletzungen überlebt hat. In der Realität gibt es alle Spielarten – die schönsten und die schrecklichsten, die man sich nur vorstellen kann.

Zum Schrecklichen gehört: Menschen in der Familie belügen und betrügen sich. Sie schlagen einander. Kinder werden sexuell missbraucht. Oder: denken Sie an das zweijährige Kind in Altenessen, das im Sommer 2019 zuhause in der Wohnung eingesperrt wurde und verdurstet ist. Oder an den Vater in Kray, der am letzten Wochenende zuerst seine beiden kleinen Kinder und danach sich selbst getötet hast.

Aber was Familien heute alles schaffen und unter einen Hut bekommen, ist noch erstaunlicher! Die Familien sind zahlenmäßig kleiner als früher, sie leben an verschiedenen Orten, sie bringen oft unterschiedliche Kulturen mit. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine große Herausforderung. Die Anforderungen bei der Arbeit sind hoch, unter Bedingungen von Home-Office erst recht. Die Wahlmöglichkeiten in unserer Gesellschaft groß wie nie. Die Armut von Kindern in unserem reichen Land bedrückend. Und dann kommt auch noch so etwas wie die Corona-Pandemie dazu, die das ganze Leben auf den Kopf stellt. Da kann ich nur sagen: Hut ab, Familie, wer das alles schafft! Unbezahlbar ist Familie. Zurecht halten Kirche und Diakonie den Stellenwert von Familie deshalb hoch.

3 // Und dann steht da im Markusevangelium 3,31-35 in der Übersetzung der Basis-Bibel: „Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte. Aber die Volksmenge saß um Jesus. Und sie sagten zu ihm: ‚Sieh doch: Deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen.‘ Aber Jesus antwortete ihnen: ‚Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?‘ Und er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen, und sagte: ‚Das sind meine Mutter und meine Brüder. Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.'“

Jesus und sein Familie – das ist eine konfliktgeladene Geschichte. Kurz vorher fragen sich seine Verwandten, ob Jesus denn „verrückt geworden“ ist. Wie werden sich seine Mutter, seine Brüder und Schwestern gefühlt haben, als Jesus schroff gefragt hat: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Und dann um sich blickt und sagt: „Das sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Es geht also hoch her in Jesu Familie – in seiner leiblichen Familie und in der neuen Familie Gottes, die er ins Leben ruft. Welten prallen aufeinander. Auf diese Weise werden Chancen und Grenzen von Familie neu ausgelotet.

4 // Mit Jesus ist Gott in seine Welt gekommen. Das sprengt an verschiedenen Stellen den Rahmen dessen, was „normal“ ist. Diese Nähe zu Gott bringt Außeralltägliches mit sich; die Familie dagegen bewältigt den Alltag. Kein Wunder, dass Jesus mit seiner Familie in Konflikt gerät. Das ist die eine Seite. Wir lernen: Konflikte gehören in jede Familie.

Dennoch halten sich später viele Familienangehörige Jesu zu den entstehenden christlichen Gemeinden. Die Mutter Jesu gehörte zur ersten Gemeinde in Jerusalem, Jesu Bruder Jakobus wurde zu einer ihrer Leiter. Weitere Brüder Jesu waren ebenfalls Christen, von seinen Schwestern ist das anzunehmen. Das ist die andere Seite. Wir lernen: Familien können zusammenhalten und eine ungeheure Kraft entfalten.

5 // Erstaunlich – für Jesus ist nicht die Familie an sich das Wichtigste. Für ihn ist entscheidend: „Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“ Ich glaube, Jesus kennt die Gefahren von Familie, wie sehr sie Leben beschädigen kann, wie weh Menschen sich tun können. Und auch wie Familie überschätzt werden kann, wenn sie zur „heiligen“ Familie hochstilisiert wird und festgefügte Strukturen überbewertet werden.

Jesus erweitert unser Verständnis von Familie. Bei ihm ist der Mensch veränderbar, sind Beziehungen veränderbar. Erfahrungen mit Gott, mit Gottes Liebe, aber auch mit anderen Menschen können frühere Erfahrungen korrigieren. Der Mensch reagiert auf Gottes Willen, indem er christlich, das heißt unter dem Vorzeichen der Liebe, lebt. Damit werde ich neben meiner ‚normalen’ Familie Teil einer viel größeren Familie. Es ist eine Familie, die nicht auf Blutsverwandtschaft setzt, sondern aus Gottes Willen heraus entsteht, die vor Ort wie weltweit Menschen verbindet. Die Worte Jesu richten sich nicht gegen seine Familie, sondern gegen falsche Ansprüche und Selbstverständlichkeiten von Familie. Jesus fragt, ob und wie im Leben der einen das Wohlergehen der anderen vorkommt. Er fragt „Wo ist deine Schwester? Wo ist dein Bruder? Tust du Gottes Willen?“

6 // Mir macht Jesu Verständnis von Familie es leichter, in Familie zu leben und mit Familie umzugehen. Denn Jesus hilft mir, auf den tieferen Sinn von Familie zu achten. Darauf kommt es an. Dieser Sinn ist durch die christliche Gemeinde zu fördern. Kirche und Diakonie tun das, ganz konkret in vielen Formen.

— Denken Sie an die frühkindliche Bildung in unseren derzeit 52 evangelischen Kitas in Essen. Es geht da nicht mehr um einen Drei-Stunden-Vormit­tags­kindergarten der alten Bundesrepublik, sondern um ein tendenziell ganztägiges Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsangebot für die gesamte frühe Kindheit. Kindertageseinrichtungen sind zu einem elementaren Lern- und Lebensort für alle Kinder geworden und unterstützen, ja ergänzen die Familien kolossal. Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, was alles davon abhängt, damit zum einen Familien gut zusammenleben und zum anderen Familien nicht abgehängt werden.

— Denken Sie an die ambulante Pflege der Diakoniestationen Essen. Sie hilft über 1.800 Patienten dabei, möglichst lange selbstständig zu Hause in und als Familie zu leben. Die 15 diakonischen Pflegeeinrichtungen in Essen sind für im hohen Alter da und bieten ein, wenn die Grenzen erreicht sind, in der eigenen Familie die Pflege eines Angehörigen zu leisten.

— Denken Sie daran, wie Familien unterstützt werden in Beratungsstellen wie die für Schwangerschaft, Familie und Sexualität oder die Erziehungsberatungsstellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, an flexible Erziehungshilfen oder an Dienste und Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen in Familie, beim selbstständigen Wohnen oder beim gemeinsamen Wohnen in besonderen Einrichtungen Hilfe erfahren.

Was ich aufgezählt habe, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Formen, in denen Evangelische Kirche und ihre Diakonie Menschen in unserer Stadt Essen unterstützen. Sie tragen mit ihren Diensten dazu bei, dass Familien gestärkt werden. Und in ihren Einrichtungen funktionieren sie oft „wie eine Familie“. Die Mitarbeitenden in Evangelischer Kirche und ihrer Diakonie üben im Rahmen des Sozialstaates ganz praktisch Nächstenliebe – sie werden für andere wie Bruder, oder Schwester oder Mutter, unabhängig von Einkommen, Herkunft, Religion, Alter, Geschlecht. Mir ist, als lebt in ihrem, in unserem Tun dieser Satz von Jesus auf: „Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Ich wünsche Ihnen und mir, dies immer wieder im Alltag der eigenen Familie und in der Familie Gottes in Gemeinde und Diakonie zu erleben. Dazu trage jede und jeder von uns das bei, was möglich ist.

Andreas Müller