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Raum für Hoffnung #3: Nah bei den Menschen

Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. (1. Könige 8,29)

An einem Nachmittag im Juni treffe ich Herrn M. in der Reha-Klinik. Herr M. ist etwa siebzig Jahre alt, hatte einen Schlaganfall und sitzt kraftlos in seinem Bett. In dem etwa halbstündigen Gespräch sagt er immer wieder „Ich kann ja nichts mehr“. Er sieht keine Fortschritte bei seinen Therapien. Er hat Angst, zu Hause seiner Frau zur Last zu fallen. Er sagt: „Das einzige, was ich zu Hause kann, ist meiner Frau auf die Nerven zu gehen. Wenn man sich bei allem helfen lassen muss, wird man einfach nörgelig.“

Ich versuche nicht, die Situation schönzureden. Ja, er wird für längere Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen sein. Ich erinnere ihn an seinen Durchhaltewillen, der ihn bislang immer ausgezeichnet hat. Am Ende des Gespräches funkelt dann doch so etwas wie Hoffnung bei ihm auf. Er nickt schmunzelnd bei der Vorstellung, in den nächsten Monaten wieder so mobil zu werden, dass er den Weihnachtsmarkt besuchen kann.

Der Besuch in der Kettwiger Reha-Klinik gehört zum praktischen Teil des Kurses „Lebensspuren begleiten“. Entschieden habe ich mich für diesen Seelsorgekurs im ersten Corona-Lockdown 2020 – als wir in unserer Kirchengemeinde trotz kreativer Angebote viele Menschen nicht erreichen konnten. Ein Netzwerk von Menschen, die in der Gemeinde seelsorglich unterwegs sind, könnte dazu beitragen, mit Älteren, Einsamen, Trauernden im Kontakt zu bleiben. Das seelsorgliche Gespräch ist eine Gelegenheit, um Hoffnung aufzuspüren.

Ich wünsche mir eine Kirche, die Menschen begleitet, deren Seele in Not ist. Eine aufsuchende Kirche. Am Krankenbett, im Seniorenheim, beim Besuch zu Hause, am Telefon, auf der Seelsorge-Bank vor der Marktkirche. Überall. Gott hat keinen festen Wohnsitz.

Im seelsorglichen Gespräch können wir das Gefühl vermitteln: Wer du auch bist, was du auch erlebst, was du auch durchmachst: Wir sind für dich da! Es geht dabei nicht um ein beschwichtigendes „Alles wird gut“. Sondern eher: Auch wenn es nicht gut wird, wird es einen Weg geben, damit umzugehen.

„Trotzdem! Dennoch! Jetzt erst recht!“ – das ist die Sprache der Hoffnung. Gerade Patientinnen und Patienten, deren Lebensende näher rückt, wünschen sich Raum für Hoffnung. Sie ist für alle, die nicht mehr gesund werden können, eine besondere Ressource – für die Gestaltung der Zeit, die bleibt. Kirche ist da, wo wir einander auf unseren Wegen begleiten und der Hoffnung Raum geben!

Christian Hündlings
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Dieser Text ist der letzte von drei Predigtimpulsen, die Pfarrer Alexander Maurer, Pfarrerin Anne-Berit Fastenrath und Presbyter Christian Hündlings für den Reformationsgottesdienst am 31. Oktober 2022 in der Essener Kreuzeskirche verfasst haben. Textgrundlage war 1. Könige 8. Damit schließen wir unsere kleine Reihe.