Dieser Beitrag wurde 182 mal aufgerufen

Predigt zur Jahreslosung

du bist ein gott, der mich sieht: / du hast mich geschaffen, / so wie ich bin. / mit allen bunten farben des lebens. (Sven Dreiser)

Als ich am Tag vor Heiligabend abends nach Hause wollte, dachte ich, dass es besser sei, wenn ich mir für die Heimfahrt noch ein Brötchen kaufe, denn verhungern wollte ich nicht. Die Schlange beim Bäcker war genauso übersichtlich wie die Auslage. Zwei Menschen standen vor mir, gehörten sogar offensichtlich zusammen. Ein Brüderpaar. Der größere reichte gerade mit seinen Händen an die Theke und versuchte, seine Nasenspitze auch auf diese Höhe zu bringen. Der kleinere schaute vertrauensvoll seinen Bruder an.

Der Verkäufer hatte uns den Rücken zugedreht und sortierte die magere Ausbeute neu. Als er mich kommen sah, drehte er sich um und fragte mich, was ich haben wolle. Zwei Kinderpaaraugen schauten mich ebenfalls an. Ich wies mit meiner Hand auf die beiden und meinte: Sie sind vor mir dran. Ganz zaghaft kam ihr Wunsch nach normalen Brötchen, den der Verkäufer leider nicht erfüllen konnte. Schwupps, waren sie wieder weg.

Und wisst ihr was? Als ich das sah, war ich sofort wieder über fünfzig Jahre jünger, erinnerte mich an das Gefühl, wie das ist, wenn man nicht an den Tresen herankann, wie das ist, wenn die Großen sich vordrängeln, man übersehen wird, nur wenige auf einen achten. Sofort wusste ich wieder, wieviel Geduld es in einem braucht, wie man abwägen musste zwischen guter Erziehung und sich lautstark bemerkbar machen, ich spürte die Dankbarkeit wieder, wenn Menschen etwas Platz um mich schufen und mich nach vorne ließen, so dass ich eine Chance hatte, bedient zu werden.

Ich habe nie zu den Großen gehört. In meiner Familie hieß es immer: Die zwei Großen und die drei Kleinen, dabei war der zweite Große mein Zwillingsbruder! So eine Ungerechtigkeit. Aber es war so. Mein Bruder war immer größer als ich. Es gab Zeiten, da hat er sein Kinn auf meinen Kopf gelegt… Die zwei da an der Brötchentheke, sie hatten sofort mein ganzes Mitgefühl und ich dachte: Mensch, warum rufen die denn nicht? Warum warten sie so geduldig? Warum machen sie sich nicht bemerkbar? Und, wie gesagt: Dann dachte ich wieder an mich und wusste: es braucht gute Erziehung und Geduld und Hoffnung – ganz viel Hoffnung, dass der Verkäufer sich endlich umdreht und mit dem Sortieren fertig wird.

Wir Kleinen, wir müssen uns oft richtig anstrengen, dass man uns sieht. Das ist bei mir bis heute geblieben. In großen Gruppen, wo man eng beieinandersteht, da fühle ich mich nur am Rand wohl, im wahrsten Sinn des Wortes. Insofern hat mir die Pandemie in die Hände gespielt: Keine Massenaufläufe mehr, ausreichend Abstand und so auch die Möglichkeit, wahrgenommen zu werden.

Vielleicht kennt der ein oder die andere von euch auch dieses Gefühl. Sich recken und strecken zu müssen, damit man gesehen wird, besonders gut zu sein, damit man überhaupt wahrgenommen wird, sich immer irgendwie bemerkbar zu machen, damit man drankommt.

Du bist ein Gott, der mich sieht!

Das sagt Hagar im 1. Buch Mose, Kapitel 16 Vers 13, nachdem sie geflohen ist. Ihre Herrin, Sarai, die Frau von Abram, konnte zunächst keine Kinder bekommen. Sie litt darunter, war traurig, dass sie ihrem Mann keinen Nachkommen schenken konnte, und weil das damals so üblich war, bot sie ihm ihre Magd an, damit diese an ihrer Stelle ein Kind bekäme. Das hat sie, Hagar, auch mitgemacht. So war das halt.

Hagar ist tatsächlich schwanger geworden, eigentlich sofort. Und das, sie sieht es selbst ein, hat sie überheblich gemacht. Sie hat sich besser gefühlt als Sarai, sie hat es sie spüren lassen. Sie hat Sarai damit gequält. Doch die wollte sich das nicht gefallen lassen. Hat Abram eingeschaltet. Und der hatte wohl so gar keine Lust auf Konflikt. Hat sich einfach aus der Affäre gezogen und hat Sarai erlaubt, mit Hagar zu machen, was sie will. Und Sarai hat sich gerächt. Hat sie dann mies behandelt. So mies, dass Hagar es nicht mehr ausgehalten hat. Abgehauen ist sie. Eigentlich eine Kurzschlussreaktion. Was soll sie denn jetzt machen? So allein in der Wüste! Wie dumm war sie denn? Aber zurück? Zurück wollte sie auch nicht!

Doch da begegnet ihr ein Engel. Er findet sie dort in der Wüste, an einer Wasserquelle. Spricht ganz freundlich mit ihr: Hagar? Was machst Du denn hier? Wo kommst du denn her? Wo willst du denn hin? Ganz freundlich ist er zu ihr. Und sie erzählt es ihm. Sagt ihm, dass sie fliehen musste, dass sie es nicht mehr ausgehalten hat, weil Sarai…

Er hört zu. Ist ganz verständnisvoll, aber – er schickt sie wieder zurück. Denn so geht das nicht, einfach abhauen. Nein, freundlich, aber bestimmt wird sie wieder zurückgeschickt, wird sogar aufgefordert, sich unter die Hand ihrer Herrin zu demütigen. Aber sie bekommt auch ein großes Versprechen: einem Sohn wird sie das Leben schenken, Ismael soll sie ihn nennen, er wird ein großes Volk begründen. Und weiter versichert ihr der Engel, dass Gott ihr Elend gesehen hat. Und sie, Hagar erkennt:

Du bist ein Gott, der mich sieht!

Hagars Erfahrung – nicht das Gedemütigt werden, sondern das Gesehen werden – diese Erfahrung soll uns durch das neue Jahr begleiten und darüber hinaus: sie ist die Jahreslosung für 2023. Ich habe mich richtig gefreut, als ich sie das erste Mal gelesen habe. Ja, habe ich gedacht, Gott sieht! Er sieht mich und dich und alle, egal wie groß oder klein wir sind, egal wie klug oder dumm, egal wie nett oder nicht nett wir gerade unterwegs sind.

Gott sieht uns. Er findet Hagar in der Unendlichkeit einer Wüste, er findet mich in meinem strubbeligen Alltag, er stiehlt sich manchmal dazwischen, raunt mir ins Ohr: He, langsam, du musst nicht alles. Er weitet meine Augen und lässt mich staunen wie schön alles ist. Er hat mich im Blick, wenn ich traurig bin. Ich darf ihm auch alle anderen ans Herz und damit vor seine Augen legen, obwohl er schon vor mir weiß, was ein jeder und eine jede braucht und wo wir alle sind.

Zu Weihnachten hat mir Sven geschrieben. Mit Sven habe ich 1984 zusammen in Bethel mein Studium der Theologie begonnen. Über Jahre hinweg hatten wir uns aus den Augen verloren, aber seit einiger Zeit haben wir wieder Kontakt, was mich sehr freut, weil Sven eine Liebe zur Sprache hat, die ich teile. Mit seinen Worten möchte ich diese Predigt heute schließen:

du bist ein gott, der mich sieht.

du bist ein gott, der mich sieht: / meine fragen und zweifel, / meine not und meine sorgen, / mein allein-sein, meine traurigkeit.
du bist ein gott, der mich sieht: / meinen glauben und meine liebe, / meine freude und mein glück, / meine lebendigkeit, / meine zuversicht.
du bist ein gott, der mich sieht: / du hast mich geschaffen, / so wie ich bin. / mit allen bunten farben des lebens. / mit einem liebenden herz. / mit einem geist, der sich verbunden weiß, / mit dir und dem ganzen universum.
ich tanze vor freude / und schaue dich an. / danke, mein gott.

(sven dreiser)

Amen.

Friederike Seeliger